Foto: Benjamin Ealovega


24
Fr 24. März 2017
20 Uhr Philharmonie Berlin
Sir Mark Elder | Roderick Williams Bariton | Louis Lortie Klavier
Delius, Ravel, Rachmaninow

Der britische Bariton Roderick Williams zählt zu den führenden Musikern seines Fachs. Auf der Opernbühne, als Konzert- und Liedsänger ist er gleichermaßen weltweit gefragt. Im Jahr 2014 war er Solist der legendären Last Night of the Proms und verkörperte in Bachs ›Johannes-Passion‹ mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle in der Regie von Peter Sellars die Rolle des Jesus. Williams ist zudem Komponist und Arrangeur, seine Werke wurden in so bedeutenden Sälen wie der Wigmore und der Barbican Hall in London uraufgeführt. 2005 gab er sein Debüt beim DSO in Händels Oratorium ›La Resurrezione‹, nun ist er am 24. März gemeinsam mit dem Orchester unter der Leitung von Sir Mark Elder in Frederick Delius’ ›Sea Drift‹ zu erleben.

Mister Williams, in welchem Alter wussten Sie, dass Sie Musiker werden würden?

Ich bin in unserer Familie der zweite von drei Jungs, wir wuchsen in einem musikalischen Haus auf. Wenngleich meine Eltern selbst keine Musiker sind, lieben sie es doch, klassische Musik zu hören, meine Mutter auch Jazz und Soul. Mein älterer Bruder sang in der ›Try Oxford Cathedral School‹, und für mich stand früh fest, dass ich ihm nachfolgen möchte. Das Singen war für uns so selbstverständlich wie das Kicken auf dem Schulhof. Ich würde sagen, dass ich bereits mit sechs Jahren die Weichen für eine musikalische Laufbahn gestellt hatte, ganz ohne Druck.

Sie sind auch Komponist. Wann haben Sie damit begonnen, Musik zu schreiben?

Im selben Alter. Ich habe mit kleinen Stücken angefangen, die wir im Familienkreis ausprobierten, zumeist auf Sopranflöten – ein schrecklicher Klang, wenn zwei oder drei von ihnen zusammenspielen. [lacht] Während meiner Schulzeit habe ich dann Stücke geschrieben oder arrangiert, die ich mit Freunden aufführen konnte. Vermutlich waren sie nicht sehr gut, aber ich hatte nie Hemmungen, sie anderen zu zeigen. Später musste ich dann mühsam lernen, in meinen Angaben präziser zu werden, um wirklich genau das ausdrücken zu können, was ich in meinem Kopf höre.

Wie beeinflusst der Komponist den Sänger Roderick Williams?

Das ist eine spannende Frage, über die ich so noch gar nicht richtig nachgedacht habe, weil ich dieser Beziehung bislang keine große Bedeutung beigemessen habe. Aber in der Tat hilft mir mein Verständnis fürs Komponieren etwa bei der Vorbereitung von zeitgenössischer Musik und, wenn ich’s recht bedenke, jeder Musik, denn es treibt mich dazu an, so ehrlich wie möglich gegenüber dem Notentext zu sein.


»Wenn man die Chance hat, ein so außergewöhnliches Werk wie ›Sea Drift‹ im Konzert zu hören, sollte man sie mit beiden Händen ergreifen.«  Roderick Williams

Sie haben ein breitgefächertes Repertoire, vom Barock bis zur Gegenwart. Kann man allen Stilen gerecht werden?

Ich investiere wirklich enorm viel Zeit und Mühe in die Einstudierung eines Werks, selbst wenn es vielleicht nur ein einziges Mal aufgeführt wird, wie es gerade bei zeitgenössischer Musik häufig der Fall ist. Heutzutage wird es von einem erwartet, dass man die Musik sämtlicher Epochen beherrscht, das macht es natürlich sehr schwer, auf einem Gebiet alles auszuloten. Je mehr ich mich aufs große Opernfach konzentriere, desto weniger werden mir die zerbrechlicheren Lieder oder das Barockrepertoire gelingen. Wenn man sich die Flexibilität erhalten möchte, so erfordert das eine gute Balance.

Im Konzert mit dem DSO sind Sie Solist in Delius’ ›Sea Drift‹, einem Stück, das Sie 2011 mit Sir Mark Elder aufgenommen haben. Wie oft haben Sie es seitdem gesungen?

Um ehrlich zu sein: seit dieser Aufnahme nie wieder. Zuvor hatte ich es bereits einige Male aufgeführt, aber danach wurde es nicht mehr angefragt. Vielleicht liegt es daran, dass das Werk nicht einfach in ein Konzertprogramm zu integrieren ist, zum einen wegen seiner ungünstigen Länge von einer knappen halben Stunde, zum anderen weil es eines hervorragenden Chores bedarf. Umso mehr freue ich mich darauf, ›Sea Drift‹ nun nach langer Zeit wieder singen zu dürfen, zumal mit dem großartigen Rundfunkchor Berlin. Ich bin schon sehr gespannt, ob ich es heute anders als noch vor ein paar Jahren angehen werde.

Der Bariton-Part ist in seiner Intensität enorm. Wo liegen die Herausforderungen?

Ich möchte hier nicht zu viele Geheimnisse preisgeben. [lacht] Aber tatsächlich ist es so, dass die Partie ein großes Durchhaltevermögen und einen großen Stimm- und Gefühlsambitus verlangt. Und doch sind die weit gespannten Legato-Bögen herrlich zu singen – vorausgesetzt, man ist gut in Form.

Wie würden Sie Delius’ Stück beschreiben?

In einem Wort? Atemberaubend. Es ist für ein groß besetztes Orchester komponiert, gleichzeitig aber sehr transparent angelegt. Den Klang darf man als pastoral bezeichnen, und so sehe ich ›Sea Drift‹ in einer Linie mit der typisch englischen Musik dieser Zeit, etwa eines Ralph Vaughan Williams oder Gustav Holst – und dennoch steht Delius für sich. Seine Musik ist, wenigstens für meine Ohren, stark von der französischen Schule beeinflusst. Hinsichtlich seiner Harmonien und der Freiheit im Umgang mit Formen erinnert sie mich an Debussy.

»Ein Junge beobachtet an der Küste von Long Island zwei Vögel beim Nisten. Als das Weibchen eines Tages fortfliegt und nicht wieder zurückkehrt, ist er am weiteren Schicksal des Männchens interessiert, das erst hoffnungsvoll, dann verzweifelt in seinem Nest ausharrt. In dem Knaben werden tiefe Gefühle geweckt, und er blickt langsam hinter die Natur von Schicksal und Trennung. Diese klagevolle Geschichte über einen Meeresvogel, der vergebens auf seine Partnerin wartet, ist äußerst ergreifend«  Roderick Williams

Was spricht Sie speziell an ›Sea Drift‹ an?

Walt Whitmans Gedicht, das dem Stück zugrunde liegt, ist unvergleichlich berückend, sein Schreibstil leidenschaftlich und überschwänglich. In gleich mehreren englischen Komponisten hat seine Sprache eine Saite zum Klingen gebracht, etwa bei Vaughan Williams oder Ivor Gurney.

Wovon handelt Whitmans Gedicht?

Ein Junge beobachtet an der Küste von Long Island zwei Vögel beim Nisten. Als das Weibchen eines Tages fortfliegt und nicht wieder zurückkehrt, ist er am weiteren Schicksal des Männchens interessiert, das erst hoffnungsvoll, dann verzweifelt in seinem Nest ausharrt. In dem Knaben werden tiefe Gefühle geweckt, und er blickt langsam hinter die Natur von Schicksal und Trennung. Diese klagevolle Geschichte über einen Meeresvogel, der vergebens auf seine Partnerin wartet, ist äußerst ergreifend.

Warum sollte man ›Sea Drift‹ hören?

Aus dem einfachen Grund: Es handelt sich um wunderschöne Musik. Dieses Stück ist ein phänomenales Erlebnis und, wie bei anderen Solitären der Musikgeschichte, etwa Schönbergs ›Gurreliedern‹ oder Messiaens ›Turangalîla-Symphonie‹, sollte man die Chance, ein so außergewöhnliches Werk im Konzert zu hören, mit beiden Händen ergreifen.

Die Fragen stellte BENJAMIN DRIES.


 

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

Gesellschafter: