Rückblick: Symposium ›Afrodiaspora – Composing While Black‹

Datum: So 7. Dezember 2025, 14.30 bis 18.15 Uhr
Ort: Curt-Sachs-Saal – Staatliches Institut für Musikforschung, Ben-Gurion-Straße 1, 10785 Berlin 

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Über das Symposium Ablauf und Vorträge  Abstracts  Biografien

Spätestens seit der Renaissance bereichern Komponist:innen aus der Afrodiaspora die klassische Musik und bringen dabei ganz unterschiedliche Traditionen und Erfahrungen mit ein. Mit dem Schwerpunkt ›Afrodiaspora - Composing While Black‹ der Saison 2025/2026 stellt das DSO die Musik Schwarzer Komponist:innen aus vier Jahrhunderten und drei Kontinenten in den Mittelpunkt.

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin war schon immer ein Impulsgeber für neue musikalische Erfahrungen: von der Wiederentdeckung jüdischer Komponist:innen, die vom Nationalsozialismus verfolgt wurden, bis hin zu den Saison-Themen ›Kein Konzert ohne Komponistin!‹ (2023/2024) und ›Orchester für Demokratie‹ (2024/2025).

Dieses neue Engagement für afrodiasporische klassische Musik ist in der Welt der Orchestermusik nahezu einzigartig. Einige Orchester widmen dieser Musik gelegentlich einen Abend oder führen hier und da ein einzelnes Werk auf; die meisten haben bislang noch nie ein Werk von Komponist:innen der afrikanischen Diaspora gespielt. Die Initiative des DSO bietet neue historische und ästhetische Perspektiven, indem sie diese Komponist:innen und ihre Werke als integralen Bestandteil des Konzertlebens, der Wissenschaft und der Medien einbezieht.


Über das Symposium

Das DSO widmet diesem Schwerpunkt nun ein Symposium. Am Sonntag, dem 7. Dezember 2025 werden renommierte Stimmen aus Forschung, Institutionen und Musikpraxis neue Perspektiven auf afrodiasporische klassische Musik in Bezug auf Geschichte, Ästhetik, institutionelle Verbindungen und Innovation eröffnen.

Zu unseren Referent:innen gehören Dr. Dr. Daniele G. Daude (Musik­wis­sen­schaft­ler*in, Theaterwissenschaftler*in und Dramaturg*in an der Universität der Künste), Björn Gottstein (Sekretär des Kuratoriums der Ernst von Siemens Musikstiftung), Dr. Harald Kisiedu (Musikwissenschaftler, Autor, Saxophonist und Dozent am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück), Prof. George E. Lewis (amerikanischer Komponist, Musikwissenschaftler und Professor für amerikanische Musik an der Columbia University) und Prof. Isabel Mundry (Komponistin und Professorin für Komposition an der Zürcher Hochschule der Künste und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst München).

Das Symposium findet in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Institut für Musikforschung im Curt-Sachs-Saal des Musikinstrumentenmuseums Berlin statt und beginnt um 14.30 Uhr. Anschließend spielt das DSO unter der Leitung von Dalia Stasevska ein Konzert in der Berliner Philharmonie mit Werken von Anna Clyne, Maurice Ravel sowie William L. Dawsons ›Negro Folk Symphony‹*, die von Dr. Kisiedu vorgestellt werden.


Ablauf und Vorträge

14.30 Uhr – Begrüßung
Dr. Rebecca Wolf (Staatliches Institut für Musikforschung)
Christian Beuke (Deutsches Symphonie-Orchester Berlin)
Joyce M. Muvunyi (Haus der Kulturen der Welt)


14.35 Uhr – Keynote-Vortrag
Prof. George E. Lewis: ›Nachhaltig kuratieren: Dekolonialisierung des Orchesters‹


15.05 Uhr – Keynote-Vortrag    
Dr. Harald Kisiedu: ›Rezeption, Repräsentation, Resonanz: Zur Hör- und Sichtbarkeit afrodiasporischer klassischer und Neuer Musik‹


15.35 Uhr – Vortrag
Dr. Dr. Daniele G. Daude: ›Musik­geschichte schreiben nach 1945‹


16.05 Uhr – Kaffeepause    


16.30 Uhr – Vortrag    
Prof. Isabel Mundry: ›Wen höre und sehe ich im Komponieren?‹


17 Uhr – Vortrag
Björn Gottstein: ›Kuratieren destrukturieren – Wege zu neuen Konzertprogrammen‹


17.30 Uhr – Podiumsdiskussion
›Neue Horizonte: Gegenwart und Zukunft afrodiasporischer klassischer Musik‹

Moderation: Shelly Kupferberg
Panel: Marlene Brüggen (Leitung Künstlerische Planung DSO), Dr. Dr. Daniele Daude, Björn Gottstein, Dr. Harald Kisiedu, Prof. George E. Lewis, Prof. Isabel Mundry

Projektleitung: Henriette Kupke und Daniel Knaack


Abstracts

›Nachhaltig kuratieren: Dekolonialisierung des Orchesters‹

Prof. George E. Lewis

Wie können wir klassische Musik nachhaltig dekolonisieren? Für den Soziologen Rolando Vázquez zielen Dekolonialisierungsprozesse darauf ab, kulturelle, ethnische und genderspezifische Unterdrückung und Auslöschung zu identifizieren, zu konfrontieren und zu bekämpfen sowie ungehörte Stimmen und Wissensformen in den Vordergrund zu rücken. In Anlehnung an Vázquez stelle ich fest, dass die Dekolonialisierung eines ästhetischen Regimes wie der klassischen Musik bedeutet, dass wir uns mit der Konstruktion von Kultur in der Moderne auseinandersetzen müssen. Wir wünschen uns daher, dass Kurator:innen, Ensembles, Medien, Wissenschaftler:innen und kulturelle Institutionen dem Publikum helfen, zu entdecken, wie Dekolonialisierung klingt.


›Rezeption, Repräsentation, Resonanz: Zur Hör- und Sichtbarkeit afrodiasporischer klassischer und Neuer Musik‹

Dr. Harald Kisiedu

Afrodiasporische klassische und Neue Musik ist hörbar und präsent – und doch bewegt sie sich in einem Feld, das lange ihre Existenz verkannt hat. Die Keynote betrachtet, wie zeitgenössische Musikkritik und öffentliche Diskurse auf diese Musik reagieren: Welche Kategorien und Hörgewohnheiten prägen ihre Wahrnehmung? Im Mittelpunkt steht die kritische Rezeption als Praxis des Hörens – ein Raum, in dem Geschichte, ästhetische Sensibilität und kulturelle Macht aufeinandertreffen und neue Resonanzen hörbar werden.


›Musikgeschichte schreiben nach 1945‹

Dr. Dr. Daniele G. Daude

Im Jahr 2006 veröffentlichte der Musikwissenschaftler Frank Hentschel die Habilitationsschrift ›Bürgerliche Ideologie und Musik. Politik der Musikgeschichtsschreibung in Deutschland 1776–1871‹. Fast zwanzig Jahre später ist diese Abhandlung nach wie vor die einzige umfassende historische musikwissenschaftliche Studie, die sich mit der bürgerlichen Ideologie und ihrem Einfluss auf das musikalische Denken in Deutschland befasst. Darin zeigt er, dass die Struktur des musikalischen Denkens tief in den Ideen des Fortschritts und der Emanzipation, der »wahren« Kunst und bürgerlichen Moral verwurzelt ist, was die Musikgeschichtsschreibung zu einer hochpolitischen Tätigkeit macht. Auf der Grundlage kritischer Ansätze stellen wir Tendenzen und Narrative der deutschen Musikgeschichtsschreibung seit 1945 vor, ihre ideologischen Hintergründe und ihre Auswirkungen für die Repertoireauswahl. 
 

›Wen höre und sehe ich im Komponieren?‹

Prof. Isabel Mundry

Höre ich eine Musik anders, wenn ich weiß, dass sie von einer Person mit afrodiasporischem Hintergrund komponiert wurde oder aufgeführt wird? Höre ich in ihr anderes? Welche Traditionen möchte ich fortsetzen, unterbrechen oder transformieren, wenn ich den Stift in die Hand nehme, um eine neue Komposition zu entwickeln? Was sind blinde Flecken? Wem antworte ich mit meinem Werk? Wen stelle ich mir vor, es zu hören? Wann? Und wo? Musikgeschichte ist aus kompositorischer Perspektive auch eine Entscheidungsgeschichte, zu wem oder was man sich in Beziehung setzen möchte, wen oder was man ausschließt, und welche ästhetischen Modelle fortgeschrieben oder befragt werden sollen. Sie beginnt in der Imagination. Es geht in meinem Vortrag nicht darum, die oben gestellten Fragen zu beantworten, sondern zu reflektieren, wie sie sich in der künstlerischen Praxis zeigen, schärfen, artikulieren und verwandeln können. 
 

›Kuratieren destrukturieren – Wege zu neuen Konzertprogrammen‹

Björn Gottstein

Wie viele gesellschaftliche Prozesse unterlag auch die kuratorische Gestaltung von Konzertprogrammen lange einem kaum hinterfragten Selbstverständnis, das sich, im Marx’schen Sinne, durchaus als notwendig falsches Bewusstsein beschreiben lässt. Veränderungen der kuratorischen Praxis setzen also eine ideologiekritische Selbstreflexion voraus, die Automatismen und vermeintliche Selbstverständlichkeiten außer Kraft setzt. Mit Beispielen aus der Praxis sollen mögliche Strategien vorgestellt und diskutiert werden. Eine besondere Rolle sollen dabei die strukturelle Unterschiede in den verschiedenen Praktiken spielen, die z. B. Hierarchien und Entscheidungsprozesse im Kulturbetrieb betreffen. 


Biografien

  • Dr. Dr. phil. Daniele G. Daude  ist Musik-, Theaterwissenschaftler*in und Dramaturg*in. Nach Abschluss des Musikstudiums am Conservatoire National mit Auszeichnung promovierte Daude 2011 im Fach Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin (Schwerpunkt Aufführungsanalyse) und 2013 im Fach Musikwissenschaft an der Université Paris 8 (Schwerpunkt Opernanalyse). Seit 2008 lehrt Daude an deutschen und französischen Universitäten. 2013–2015 ist Daniele G. Daude Gastprofessor*in für Darstellende Kunst am Campus Caribéen des Arts (Martinique), 2016–2020 Maître* de Conférences für Ästhetik und Philosophie. 2013–2023 gründet und leitet Daude den Com Chor Berlin. 2016 gründet Daude The String Archestra, um Werke von BIPoC-Komponist:innen aufzuführen. The String Archestra wurde 2021 mit dem TONALi Award in der Kategorie ›Umbruch‹ ausgezeichnet. Seit 2023 ist Daniele G. Daude die Künstlerische Leitung und Geschäftsführung des Theaters Ringlokschuppen an der Ruhr. Seit 2016 arbeitet Daniele G. Daude als Dramaturg*in, Dozent*in, Kurator*in und Autor*in. Derzeit unterrichtet Daniele G. Daude an der Universität der Künste.
    Mehr unter: www.danielegdaude.com / www.com-chor.de / www.thestringarchestra.com
     

  • Björn Gottstein erlernte zunächst den Beruf des Buchhändlers und studierte dann Musikwissenschaft, Germanistik und Volkswirtschaft in Köln. Er arbeitete als freiberuflicher Journalist in Berlin, wo er für die Tageszeitung taz schrieb und Rezensionen in Zeitschriften wie der Neuen Zeitschrift für Musik, den MusikTexten, den Positionen, der Spex und der Frieze veröffentlichte. Außerdem moderierte er regelmäßig Sendungen für den WDR, den BR und für Deutschlandfunk Kultur. 2009 kuratierter er gemeinsam mit Ekkehard Ehlers im Haus der Kulturen der Welt das Festival ›Audio Poverty‹. Von 2013 bis 2021 war er als Redakteur des SWR in Stuttgart tätig und leitete als solcher zunächst das Festvial ›ECLAT für Neue Musik‹ (mit Christine Fischer) und ab 2014 die Donaueschinger Musiktage. Seit 2022 ist er Sekretär des Kuratoriums der Ernst von Siemens Musikstiftung und lebt in München. 2024 erschien sein Buch ›Der Klang der Gegenwart. Eine kurze Geschichte der Neuen Musik‹ (Reclam Verlag).
     

  • Dr. Harald Kisiedu ist historischer Musikwissenschaftler und Saxophonist und wurde an der Columbia University im Fach Historische Musikwissenschaft promoviert. Zu seinen Forschungsinteressen gehören afrodiasporische Komponist:innen klassischer und experimenteller Musik, Jazz als globales Phänomen, Improvisation, Musik und Politik und Wagner. Seine Schriften erschienen u.a. im WIRE, Grove Dictionary of American Music, Critical Studies in Improvisation und Journal der Künste. Er hat an der Hochschule für Musik und Theater ›Felix Mendelssohn Bartholdy‹ Leipzig und dem Institut für Musik der Hochschule Osnabrück gelehrt. Er ist der Autor von ›European Echoes: Jazz Experimentalism in Germany, 1950–1975‹ (Wolke Verlag) und, zusammen mit George E. Lewis, Mitherausgeber von ›Composing While Black: Afrodiasporische Neue Musik Heute/Afrodiasporic New Music Today‹ (Wolke Verlag).
    Mehr unter: www.haraldkisiedu.com/biography
     

  • Prof. George E. Lewis ist ein amerikanischer Komponist, Musikwissenschaftler und Posaunist. Er ist der Edwin H. Case Professor für amerikanische Musik an der Columbia University und Künstlerischer Leiter des International Contemporary Ensemble. Lewis ist Fellow der American Academy of Arts and Sciences, der American Academy of Arts and Letters und der British Academy sowie Mitglied der Akademie der Künste und der Association for the Advancement of Creative Musicians. Weitere Ehrungen sind unter anderem der Doris Duke Artist Award, ein Guggenheim Fellowship und ein MacArthur Fellowship. Er ist der Autor von ›A Power Stronger Than Itself: The AACM and American Experimental Music‹ (University of Chicago Press, 2008) und Mitherausgeber von ›Composing While Black: Afrodiasporische Neue Musik Heute/Afrodiasporic New Music Today‹ (Wolke Verlag, 2023). 
    Mehr unter: music.columbia.edu/bios/george-e-lewis
     

  • Prof. Isabel Mundrys Werke zeichnen sich durch eine differenzierte Klangsprache aus. Dabei öffnet sie sich in ihrem Schaffen stets neuen Wegen und unterschiedlichsten Realitätsbezügen, die sie mit ihrer in Timbre, Harmonik und Rhythmik nuancierten Musik erforscht. Ihre Werke wurden u.a. vom Chicago Symphony Orchestra, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Tonhalle-Orchester Zürich, Tokyo Symphony Orchestra, Ensemble intercontemporain oder Ensemble Resonanz uraufgeführt. Sie ist Mitglied der Akademien der Künste von Berlin und München sowie der Akademie für Wissenschaft und Literatur Mainz. Fellowships führten sie an das Wissenschaftskolleg Berlin 2002/2003, das Forschungskolleg Cinepoetics der Freien Universität Berlin 2017, Stipendien u. a. an die Civitella Ranieri Foundation in Umbrien 2019 und die Wilhelm-Kempff-Kulturstiftung Positano 2022. Seit 1998 war sie vielfach Dozentin bei den Darmstädter Ferienkursen. 2007/2008 war sie erste Capell-Compositrice der Staatskapelle Dresden. Composer in Residence war sie u. a. beim Tongyeong Festival in Korea 2001, Lucerne Festival 2003, Takefu Festival, Japan 2009, 2014 und 2017 und dem Suntory Hall Summer Festival in Tokyo 2023. Im selben Jahr war sie auch Artiste Étoile des Mozartfests Würzburg. Das Musikfest Berlin widmete ihr 2024 drei Porträtkonzerte. Ab 1996 lehrte sie Komposition und Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt, seit 2004 ist sie Professorin für Komposition an der Zürcher Hochschule der Künste und seit 2011 zudem an der Hochschule für Musik und Theater München.

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* Der Titel stammt vom Schwarzen Komponisten William L. Dawson und wird aus Respekt vor dem historischen Werk beibehalten, obwohl er als veraltet und diskriminierend gilt.

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