Foto: Gregory Batardon


Gautier Capuçon gehört zu den spannendsten Cellisten seiner Generation. Der vielfach ausgezeichnete französische Musiker ist ein gern gesehener Gast der großen Orchester. Vor drei Jahren war er mit Richard Strauss’ ›Don Quixote‹ beim DSO zu hören, am 13. und 14. Mai kehrt er mit Henri Dutilleux’ Cellokonzert ›Tout un monde lointain ...‹ zum Orchester zurück.

Monsieur Capuçon, vor ein paar Jahren haben Sie zwei Tage nach einer Blinddarm-Operation bereits wieder ein Konzert gespielt. Ist Risikobereitschaft – im musikalischen Sinn – eine Voraussetzung dafür, ein guter Musiker zu sein?

Ja, ich denke schon. Als Musiker hören wir nie auf zu lernen, nach Neuem zu forschen. Wir streben nach Perfektion, auch wenn man diese nie erreichen kann, denn es gibt mehr als nur eine Art, ein Stück zu spielen. Deswegen bin ich auch nie zufrieden und versuche immer, noch weiter zu gehen. Ich stehe dabei nicht in Kostüm und Maske auf der Bühne, sondern bin ganz ich selbst, als wäre ich nackt. Sich so vor dem Publikum zu zeigen, erfordert natürlich Mut. Man kann ein Stück zwar bestmöglich vorbereiten – doch wenn einen auf der Bühne eine neue Inspiration ereilt, sollte man ihr auch folgen.

Nach großen Erfolgen als Kammermusiker sind Sie derzeit vor allem als Solist zu erleben …

Kammermusik hat bis vor etwa drei Jahren einen großen Teil meines Musikerdaseins eingenommen. Ich habe viel mit meinem Bruder, dem Geiger Renaud Capuçon, konzertiert, vielleicht sogar zu viel, manchmal 50 oder 60 Konzerte im Jahr. Mittlerweile spiele ich nur noch wenig Kammermusik, im Juni eine Trio-Tour mit Leonidas Kavakos und Nikolai Lugansky, und später eine Konzertreise mit Lisa Batiashvili. 95 Prozent der Zeit bin ich nun Solo-Musiker. Das ist für mich fast wie ein neues Leben!

»Man kann ein Stück zwar bestmöglich vorbereiten — doch wenn einen auf der Bühne eine neue Inspiration ereilt, sollte man ihr auch folgen.«  Gautier Capuçon

Sie haben am Pariser Konservatorium, u. a. bei Philipp Muller, studiert und später mit Heinrich Schiff in Wien gearbeitet. Was macht für Sie einen guten Lehrer aus?

Seit ich selbst unterrichte, beschäftigt mich diese Frage sehr. Ich hatte großes Glück mit meinen eigenen Lehrern: Zunächst hat mich Annie Cochet-Zakine 15 Jahre lang unterrichtet, wie eine Architektin Stein für Stein alles aufgebaut, später studierte ich dann mit Philipp Muller und Heinrich Schiff. So unterschiedlich sie auch waren, hatten sie doch eines gemeinsam: Sie haben mich weniger gelehrt als vielmehr geleitet und mir dabei geholfen, meine eigene Künstlerpersönlichkeit zu entwickeln und kein Klon zu werden. Das macht, denke ich, vor allem anderen einen guten Lehrer aus.

Sie selbst haben das Workshop-Konzept der ›Classe d’excellence de violoncelle‹ ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

Mit dem Gedanken ans Unterrichten habe ich mich schon seit ein paar Jahren getragen, doch mit einer aktiven Konzertkarriere kann man selten so kontinuierlich für jüngere Schüler da sein, wie sie es eigentlich verdienen. Bei älteren Studenten ist das anders. Am Anfang meiner eigenen Karriere traf ich mich einmal im Monat mit Heinrich Schiff, wir haben jeweils fünf Tage lang intensiv gearbeitet und viel Zeit miteinander verbracht. Das hat mir in diesem Transitbereich zwischen Studium und Musikerleben sehr geholfen, in dem man plötzlich auf sich allein gestellt ist. Dieses Modell schwebte mir vor, und als das Kunstmuseum der Fondation Louis Vuitton in Paris im Herbst 2014 seine Tore öffnete und mich nach musikalischen Ideen fragte, konnte ich es dort verwirklichen.

Wie sieht es genau aus?

Meine Klasse besteht aus sechs herausragenden Cellistinnen und Cellisten, die sich in Vorspielen qualifiziert haben – dabei geht es mir nicht einfach um technische Perfektion, sondern um künstlerische Persönlichkeit. Sie sind Anfang zwanzig und in genau der Übergangszeit, die ich selbst mit Heinrich Schiff gemeistert habe. Ich möchte ihnen dabei helfen, sich weiterzuentwickeln und ihre individuellen Ziele zu erreichen – das können Kammermusikprojekte sein, die Teilnahme an einem Wettbewerb oder eine Stelle in einem tollen Orchester. Wir treffen uns ein halbes Jahr lang jeden Monat zu intensiven Arbeitsphasen von drei oder vier Tagen, sind immer zusammen, beim Unterricht, beim Essen, beim Abschlusskonzert. Ich ersuche, ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie im Musikleben alleine besser zurechtkommen. Auch das Gruppenerlebnis spielt dabei eine große Rolle.

Findet das hinter geschlossenen Türen statt?

Nein, alles ist öffentlich! Eine Celloklasse in einem Museum ist ja schon außergewöhnlich, und die Architektur von Frank Gehry trägt ihren Teil zu der großartigen Atmosphäre bei. Das Licht im Auditorium ist fantastisch, zu jeder Jahreszeit. Der Raum wird für ein paar Tage unser Wohnzimmer, und jeder der möchte, kann uns besuchen. Die Öffentlichkeit hilft bei der Vorbereitung auf den Berufsalltag. Alle Konzerte werden gefilmt und aufgenommen, wie das heute üblich ist. Das kann für die Künstler ein zusätzlicher Stressfaktor sein, an den man sich möglichst früh gewöhnen sollte. Gerne lade ich auch Gäste zu Workshops ein – im Dezember war das etwa der beste Handchirurg Frankreichs, der auch Amateurcellist ist, und im Jahr zuvor sprach eine Journalistin von Radio Canada darüber, wie man sich in der Öffentlichkeit präsentiert. So etwas lernt man sonst nicht. Vor meinem ersten Interview hatte ich panische Angst …

»Dutilleux' Cellokonzert ist zweifellos eines seiner besten Werke.«  Gautier Capuçon

Sie sind im Mai erneut beim DSO zu Gast, die Leitung hat Tugan Sokhiev. Haben Sie schon einmal mit ihm gearbeitet?

Oh ja, schon mehrfach, und ich freue mich sehr auf unsere gemeinsamen Konzerte. Besonders auch, weil wir ›Tout un monde lointain ...‹, dieses wunderbare Stück von Dutilleux aufführen. Seinen 100. Geburtstag, den wir in diesem Jahr feiern, hat er leider nicht mehr erlebt, er starb vor drei Jahren. Ich hatte das Privileg, ihn gut zu kennen, er war ein großartiger Mensch und bedeutete mir sehr viel. Das Cellokonzert ist zweifellos eines seiner besten Werke.

Die Musik ist hoch energetisch, aber auch mysteriös und hintergründig schimmernd. Was schätzen Sie an ihr?

Vor allem ihre Poesie, und das nicht nur, weil ihr Auszüge aus Baudelaires Gedichtzyklus ›Les fleurs du mal‹ zugrunde liegen. Dutilleux steht in einer sehr französischen Traditionslinie, und gerade Debussy und Ravel verdankt er viel. Er selbst stammte aus einer Künstlerfamilie, verkehrte mit Malern und bezeichnete sich als »Farbkomponisten«.

Über das Cello sagte Dutilleux einmal, es sei der ideale Mediator zwischen Baudelaire und der Welt des Klangs …

Dutilleux hat viel für die menschliche Stimme komponiert, und das merkt man auch an seinem Umgang mit dem Cello, das ein so lyrisches, gesangliches Instrument sein kann. Das Konzert ist phänomenal, aber überaus schwierig und delikat, gerade im Hinblick auf Farben und Atmosphäre. Dutilleux war zudem sehr anspruchsvoll, was die Exaktheit der Tempi betrifft …

Sie haben mit ihm an ›Tout un monde lointain ...‹ gearbeitet?

Ja, sehr oft und ausführlich. Erstmals habe ich das Stück anlässlich seines 90. Geburtstags gespielt, im Januar 2006 in Paris. Und raten Sie mal, wer damals der Dirigent war? Tugan Sokhiev!

Gautier Capuçon, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Maximilian Rauscher.



 

13
Fr 13. Mai 2016
20 Uhr Philharmonie Berlin
Tugan Sokhiev | Gautier Capuçon Violoncello
Prokofjew, Dutilleux, Mussorgski
14
Sa 14. Mai 2016
20 Uhr Philharmonie Berlin
Tugan Sokhiev | Gautier Capuçon Violoncello
Prokofjew, Dutilleux, Mussorgski
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

Gesellschafter: