Foto: Marco Borggreve / Deutsche Gramophon

Weltweit gerühmt für die Intensität seiner Deutung der Klavierliteratur aller Epochen, genießt Pierre-Laurent Aimard eine hervorragende Stellung in der internationalen Musikszene. Geboren im Jahr 1957 in Lyon, studierte er am Pariser Conservatoire bei Yvonne Loriod und in London bei Maria Curcio, gewann mit gerade 16 Jahren den ersten Preis beim Messiaen-Wettbewerb und wurde drei Jahre später von Pierre Boulez zum ersten Solo-Pianisten des Ensemble intercontemporain ernannt. Neben seiner weltweiten Konzerttätigkeit ist der vielfach preisgekrönte Pianist künstlerischer Leiter des Aldeburgh Festivals und unterrichtet als Professor in Köln (mehr lesen Sie hier). Unter der Leitung Christoph Eschenbachs ist Pierre-Laurent-Aimard am 14. Dezember mit Antonín Dvořáks Klavierkonzert beim DSO zu Gast.



Musik als permanente Entdeckung

Monsieur Aimard, bereits im September 1978 haben Sie zum ersten Mal mit dem DSO musiziert, als einer von vier Solisten der Deutschen Erstaufführung von Olivier Messiaens ›Des canyons aux étoiles ...‹. Welchen Blick auf die Musikwelt hatten Sie mit 21 Jahren?

PIERRE-LAURENT AIMARD Damals war alles noch ganz neu und frisch. Ich wollte mich im Repertoire umsehen und für die Neue Musik kämpfen, das war mein Ziel. Vor allem aber habe ich Musik als permanente Entdeckung gesehen – daran hat sich bis heute nichts geändert.

Sie haben lange Jahre mit dem Ensemble intercontemporain gearbeitet und erst vergleichsweise spät eine Solistenkarriere angetreten. Hat das Ihrer Entwicklung als Künstler geholfen?

PL.A. Ich glaube ja ... Mich hat eben nicht die Solokarriere interessiert, sondern die Musik. Naturgemäß besteht das Klavierrepertoire zu einem beträchtlichen Teil aus Solostücken, aber ich fand es spannend, Musik in ihrer Vielfalt zu erleben – durch Liedbegleitung, in der Kammermusik, in Ensembles und mit einem möglichst breiten Repertoire. Und gerade bei der Neuen Musik war es mir damals ausgesprochen wichtig, Teil einer Gruppe zu sein und gemeinsam die Musik zu durchdringen. Die Zeit mit dem Ensemble intercontemporain war wunderbar, aber ich möchte mich gewiss nicht beschweren, denn das Solistenleben, das ich heute führe, hat durchaus viele Vorteile. Allerdings wäre es mir nicht genug, mich darauf zu beschränken.

Die zeitgenössische Musik, für die Sie sich vehement einsetzen, spielt im Konzertwesen unserer Zeit immer noch eine Nebenrolle. Gehört es zu Ihrem Selbstbild als Künstler, das ändern zu wollen?

PL.A. Ja, denn ich glaube, unsere Rolle als Musiker ist auch eine pädagogische. Dazu gehört es, auch unbekannte Stücke, die es verdienen, dem Publikum näherzubringen – weil es für unsere Kultur wichtig ist. Das betrifft übrigens nicht nur die Neue Musik, sondern die gesamte Musikgeschichte. Gerade die Alte-Musik-Spezialisten kennen die Freude des Entdeckens und das Vergnügen, das Entdeckte mit anderen zu teilen. Das macht einen Künstler aus – wenn er nicht opportunistisch ist und nur Bestseller spielt.

»Unsere Rolle als Musiker ist auch eine pädagogische. Das macht einen Künstler aus – wenn er nicht opportunistisch ist und nur Bestseller spielt.«  Pierre-Laurent Aimard

Der Dokumentarfilm ›Pianomania‹ von 2009 begleitet Sie u. a. bei den Aufnahmen zu Bachs ›Kunst der Fuge‹ und der sehr ausgefeilten Suche nach dem richtigen Klang und dem perfekten Instrument. Ist der Flügel für Sie ein Werkzeug oder mehr?

PL.A. Er ist mehr als das – in dem Sinne, dass das Werkzeug durch die Vorstellungskraft der Menschen ein kulturelles Potential erhält, und das ist abhängig von Anforderungen einer Epoche. Deswegen kann ein Instrument, das die kulturelle Vision seiner Zeit reflektiert, sehr inspirierend wirken. Es muss aber stimmig sein, denn eine postromantische Vision kann sich als Katastrophe für ein Stück aus der Barockzeit erweisen – und umgekehrt. Es gehört auch zu meiner Arbeit, diese Stimmigkeit sicherzustellen.

Sie haben vor ein paar Jahren besagte Aufnahme der ›Kunst der Fuge‹ vorgelegt, nun ist gerade das ›Wohltemperierte Klavier‹ erschienen. Sie sagten einmal, dass Sie sich ganz bewusst erst spät der Musik Johann Sebastian Bachs zuwandten. Woran liegt das?

PL.A. Er ist ein Komponist der Synthese, der die unglaubliche stilistische Vielfalt und Reichhaltigkeit seiner Kultur in seiner Musik vereint; der die Vergangenheit, die Gegenwart und mögliche Wege in die Zukunft stets im Blick hatte. Um Bachs Musik zu durchdringen, braucht man viel Zeit und kann nicht von Null anfangen. Für mich war das zumindest der Fall.

Im Dezember werden Sie das Klavierkonzert von Dvořák beim DSO spielen. Warum ist es im Konzertleben so selten zu hören?

Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen, weil eben vor allem Bestseller gespielt werden. Punkt. Als Künstler will man Erfolg haben, und deswegen spielt man immer dieselben Stücke – leider! Zweitens: Das Konzert passt eben nicht in dieses Schema. Bei einem romantischen Klavierkonzert geht es, überspitzt gesagt, ja oft darum, die Fähigkeiten des Pianisten herauszustellen. Das klappt bei Dvořák überhaupt nicht [lacht]. Der Solist spielt zwar viele Noten, aber kann seine Muskeln nicht zeigen, denn es ist ein ziemlich delikates Stück, mit einer hochinteressanten Durchmischung von Klavier und Orchester. Das Konzert ist kein theatralischer Kampf, sondern eher eine hochentwickelte Kammermusik, in der das Klavier das Zusammenspiel anführt. Ähnlich wie in den Klavierquintetten von Antonín Dvořák bereichert die Virtuosität der Klavierstimme hier vor allem die klangliche Textur. Sie soll nicht beeindrucken oder heroische Gesten erzeugen.

Foto: Marco Borggreve / Deutsche Grammophon

Es ist also ein Konzert, das einen Virtuosen braucht, aber keinen Virtuosen zeigt?

PL.A. Das stimmt, und es enthält unglaublich viele poetische und frische Ideen. Es ist wichtig und lohnenswert, diese wunderbare Musik lebendig zu halten und nicht zu vergessen.

Da wären wir wieder beim Künstler als Entdecker und Vermittler ...

PL.A. Wissen Sie, ich habe mich sehr früh schon dafür entschieden, ein interessantes Leben führen zu wollen. Ich wollte spannende Musik spielen, einer abwechslungsreichen, vielseitigen musikalischen Tätigkeit nachgehen. Genaue Vorstellungen hatte ich damals nicht, ich habe Klavier studiert, um Korrepetitor zu werden oder Liedbegleiter oder Lehrer. Ich hätte mir auch ein Leben vorstellen können, in dem Musik zwar eine zentrale Rolle spielt, aber nicht mein Beruf ist. Ich wollte aber keinesfalls ein langweiliges Leben nur mit kommerziell erfolgreichen Stücken führen. Ich wollte schöpferisch tätig sein, und nicht nur ein industrieller Xerox-Interpret, der mit immer denselben ewigen zehn Klavierkonzerten unterwegs ist.

Sie unterrichten ja auch selbst. Ist das ein anderer Aspekt des »Entdecken und weitergeben«?

PL.A. Das liegt an meinem Wunsch, nicht in der Bühnentätigkeit einzurosten. Das heute übliche Star-System birgt die Gefahr, in einer Illusion gefangen zu sein. Und mir war es immer wichtig, Kontakt zur jungen Generation zu halten. Dabei merkt man, wie relativ alles ist, was man macht. Vor allem aber kann ich das weitergeben, was ich in meiner langjährigen Zusammenarbeit mit Komponisten gelernt habe. Das ist das wichtigste, was ein Interpret erleben kann, und man darf nicht so egoistisch sein, das nur für sich selbst zu behalten. Deswegen muss man unterrichten. Natürlich ist es schwierig, beide Leben als Lehrer und Spieler miteinander in Einklang zu bringen, und beide Institutionen verstehen sich nicht gut. Aber als Künstler wir müssen kämpfen, um diese Institutionen lebendig zu halten und gegen den systemimmanenten Konservatismus vorzugehen.

Wie kann man das schaffen?

PL.A. Man muss sich Lebendigkeit und Neugierde erhalten. Man darf nicht nur Modelle reproduzieren, sondern muss seinen Programmen eine schöpferische Dimension geben, und immer wieder darüber nachdenken, was heutzutage, in einer Welt, die immer in Bewegung ist, noch einen Sinn ergibt.

Monsieur Aimard, herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte MAXIMILIAN RAUSCHER.

Konzert in Berlin

14
So 14. Dezember 2014
20 Uhr Philharmonie Berlin
Christoph Eschenbach | Pierre-Laurent Aimard Klavier
Dvořák

Gastspiel in Baden-Baden

13
Sa 13. Dezember 2014
19 Uhr Festspielhaus Baden-Baden
Christoph Eschenbach | Pierre-Laurent Aimard Klavier
Dvořák
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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