Dann sprühen Funken


Johannes Moser studierte bei David Geringas, gewann 2002 den Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau und gehört heute zur Weltspitze des Cello-Fachs. [Eine ausführliche Biographie finden Sie hier]

Mit den DSO-Nachrichten sprach er über seinen Weg aufs Podium, Besuche von Schulklassen, und Saint-Saëns´ Erstes Cellokonzert, mit dem er 2. und 3. März 2014 beim beim DSO zu erleben ist.

Foto: Uwe Arens

Herr Moser, vor zehn Jahren waren Sie in der Reihe ›Debüt im Deutschlandradio Kultur‹ zum ersten Mal beim DSO zu Gast. Wie hat sich Johannes Moser in der Zwischenzeit verändert?

JOHANNES MOSER Ich habe kürzlich durch Zufall eine alte CD von mir gehört, von vor 12 Jahren, und dachte mir: »Wer ist diese Person?« Denn genauso, wie man sich selbst verändert, so ändern sich auch die Auffassung und das Verständnis von Musik. Das ist ja auch gut so. Es macht mir immer wieder große Freude, ein Stück neu kennenzulernen. Ich schmeiße alle zwei Jahre meine Noten weg, um wie eine Schlange eine Häutung zu vollziehen und mich von dem alten Rest zu befreien.

War das auch mit dem Saint-Saëns-Konzert so, das Sie bereits mit 16 Jahren gespielt haben?

J. M. In der Tat. Man muss immer wieder versuchen, einen neuen, frischen Wind hineinzubringen, sonst wird man museal. Klassische Musik darf nicht nur Reproduktion sein, sondern sollte einen Heute-Bezug haben, den man immer wieder finden muss – auch in der Zusammenarbeit mit den Partnern. Ich habe das Konzert mit Tugan Sokhiev zwar schon einmal in Leipzig gespielt, doch bei jeder Aufführung entsteht eine eigene Version. Und gerade das macht es ja so spannend.

Weil sie gerade vom „sich Häuten“ sprachen: Welche Eigenschaft zeichnet den großen Musiker aus?

J. M. Das ändert sich für mich. Im Moment ist es ganz klar die Kommunikation. Musik muss zwar in allen Einzelheiten minutiös studiert werden, aber man darf dabei nicht vergessen, dass Musik von Menschen für Menschen gemacht wird. Die Musik geht zum Publikum und kommt in einer Form von Energie auch wieder zurück, sie ist aber auch links und rechts und hinter dem Solisten. Die Kommunikation findet also in 360 Grad statt. Und ich glaube, ein wirklich guter Musiker muss idealerweise auf all diesen Kanälen offen sein, auch in der Ausnahmesituation des Konzerts.

Gibt es an der Stelle zwischen dem Solisten und dem Dirigenten auch mal Reibungen, etwa um die Deutungshoheit einer Interpretation?

J. M. Ja, und das ist doch fantastisch! Wenn es Reibung gibt, dann sprühen Funken. Schwierig ist eine Konzertwoche für mich dann, wenn der Dirigent sagt: »Ich mache alles, was Sie wollen, ich folge.« Das ist nämlich eine Kapitulation. Dann geht es bergab. Mir ist es lieber, man hat eine Woche, in der man sich ein wenig aneinander reibt – natürlich mit der Maßgabe, ein gemeinsames Ergebnis zu erreichen, denn um 20 Uhr geht der Vorhang auf und wir dürfen uns nicht mehr streiten. Man kommt durch diese Reibung zu anderen Ergebnissen, und manchmal ist der schwierige Weg tatsächlich der, der mehr Feedback ins Konzert gibt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich schwere Wochen auch lohnen können.

Gehen wir einmal an den Anfang zurück: Wie fand der kleine Johannes Moser eigentlich zu seinem Instrument?

J. M. Indem er von der Geige weg will, und zwar händeringend. [lacht] Ich hatte mit fünf Jahren angefangen, kam aber mit der Handhaltung überhaupt nicht zurecht. Und da mein Vater selbst Cellist ist, bot sich der Wechsel einfach an. Als ich das Cello zum ersten Mal angestrichen habe und die tiefen Frequenzen am Bauch spürte, da merkte ich intuitiv, dass ich klanglich zu Hause war.

An welchem Punkt in Ihrem Leben haben Sie dann gemerkt: Das ist mehr als nur ein Hobby?

J. M. Es gab zwei Punkte. In der Pubertät war das Cello ein Begleiter, ein Rückzugsraum, das hat mir immer sehr gefallen. Und im Cello-Studium hatte ich eine große Krise, als ich merkte, ich erschaffe nichts. Innerhalb von zweieinhalb Sekunden ist das, was ich spiele, verklungen. Dann habe ich glücklicherweise mit meinen Schulbesuchen angefangen, über die von Yehudi Menuhin gegründete Organisation ›Live Music Now‹, zunächst nur, um Geld zu verdienen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass man mit Musik, wenn Sie Menschen erreicht, viel verändern kann, besonders auch bei den Besuchen in Einrichtungen für Behinderte, im AIDS-Hospiz, im Frauengefängnis – also Orten, an die unsere Gesellschaft Menschen »outgesourced« und verdrängt hat. Weil dabei eine große Echtheit stattfindet, gehe ich auch heute noch gern in Schulen. Wenn Sie mich fragen, wovor ich mehr Respekt habe: Das Saint-Saëns-Konzert zu spielen oder dem Besuch in einer Realschule 9. Klasse, dann ist die Antwort klar ... [lacht] Der Ausgang ist dort absolut offen. Es macht mir manchmal richtig Angst. Ich muss diese 30 Menschen davon überzeugen, dass das, was ich mache, interessanter ist als Facebook oder Blödsinn-machen. Diese Herausforderung hält mich sehr frisch, lässt mich für die Musik kämpfen. Und es ist ein fantastisches Gefühl, wenn auch nur zwei oder drei Schüler danach zu Youtube gehen und das Wort »Cellist« eingeben.

Foto: Uwe Arens

Sie werden auch im Vorfeld der Konzerte im März an einem der DSO-Schulprojekte teilnehmen. Nach welchem Konzept gehen Sie dabei normalerweise vor?

J. M. Das ist sehr stimmungsabhängig. Ich stelle mein Cello vor, es ist über 300 Jahre alt, spiele vielleicht etwas von Bach, dann sind die Kinder meist ganz interessiert, aber wenn ich dann anfange, Lutosławski und Ligeti zu spielen, dann ticken sie total aus. Das ist phantastisch, weil man merkt, die zeitgenössische Musik kommt an, die Phantasie fängt an zu sprühen, die Kinder können frei assoziieren, was sie gehört haben. Ich halte nicht nur einen Vortrag, sondern will auch, dass etwas zurückkommt. Und die Kinder merken, dass Musik erleben ein Kreislauf ist, dass aktives Zuhören und aktives Erleben den Musikgenuss sehr viel reicher machen. Die Reaktionen dürfen übrigens auch gerne negativ sein. Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist Indifferenz.

Mit welchen Altersgruppen arbeiten Sie?

J. M. Mit allen, von Grundschülern bis zu Leuten mit Musik-LK. Ich merke auch, dass die Reaktionen überhaupt nicht an einem Bildungs- oder Altershintergrund zu werten sind. Die Jüngeren sind fast interessanter, weil sie kreativer reagieren, gerne auch mal durchgeknallte Assoziationen bringen, ohne schon bildungsbürgerlich ausgeformt zu sein.

Sie werden am 3. März gemeinsam mit Tugan Sokhiev das Casual Concert moderieren ...

J. M. Das finde ich total wichtig. Wenn Sie keine Kinder sind, keinen Migrationshintergrund haben oder nicht sozial schwächer gestellt sind, gehören Sie eigentlich schon nicht mehr zur Zielgruppe der meisten Education-Programme. Deswegen sind mir diese Gesprächskonzerte so wichtig. Denn die Fragen, die eine siebte Klasse an mich hat, sind oft auch für Erwachsene interessant. Nur kommt es da fast nie zu einer Situation, in der man diese Fragen stellen kann. Das Interesse ist also durch die Bank vorhanden.

Gibt es bei all den Konzertterminen und dem ständigen Reisen auch mal Cello-freie Zeiten? Was macht das mit dem Menschen und der Technik?
 
J. M. Man muss das gut planen. Für jede Woche, die ich mir freinehmen, brauche ich die doppelte Zeit, um wieder fit zu werden. Ich nehme jeden Sommer einen Monat frei, davon sind dann 10 Tage Cello-frei, und 20 Tage, um wieder präsentabel zu werden. Es ist schon erstaunlich, wie schnell die Feinmotorik nachlässt. Eine halbe Stunde am Tag hilft schon. Der erste Tag ohne Cello ist super, und schon am zweiten Tag bin ich wie ein Drogensüchtiger, ich weiß nichts mit mir anzufangen. Da muss man dann durch. Nach fünf oder sechs Tagen ist es toll, das Gehirn auf andere Bahnen zu lenken. Es ist wichtig, ein Leben außerhalb der Musik zu haben. Ich habe vor ein paar Jahren einmal sechs Wochen freigenommen und die Alpen mit dem Mountainbike überquert, mit einer geführten Gruppe. Das war so toll, weil ich nicht, wie sonst immer, über mein Cello kommuniziert haben und ich mich auch wieder daran gewöhnen musste, nicht mehr diesen Einstieg über das Instrument zu haben. Die Kommunikation ist natürlich leichter, wenn man ein Instrument dazu hat. Es ist natürlich auch sehr einfach und angenehm, in der Solisten-Welt zu leben, es ist für alles gesorgt: Ich komme an, werde abgeholt, ins Hotel gefahren, ich kann Roomservice bestellen, ich muss gerade einmal zwischen Hotel und Konzertsaal laufen. Sonst ist für alles gesorgt. Das ist natürlich völlig irreal. Wenn ich hier zuhause in Berlin bin und zu einkaufen gehe, mich frage, wieviel Milch brauchen wir, ist noch Joghurt im Haus? ... das sind die Situationen, in denen man wieder in die eigentliche Realität zurückfindet. Da muss man sehen, dass man dranbleibt.
 
Ein guter Weg, die Bodenhaftung zu behalten, ist das Unterrichten. Sie sind seit 2012 Professor an der Musikhochschule in Köln …

J. M. Köln ist super für mich ... Oftmals ist es ja so, dass Künstler erst dann, wenn sie den Schweif des Abendrots in der Karriere scheinen sehen, sich dem Unterrichten zuwenden. Das ist bei mir natürlich anders. Ich habe gemerkt, dass ich das stete Kreisen um mich selbst, das man als Solist hat, dadurch aufbrechen konnte und durch die Kommunikation mit meinen Studenten wieder zurück zur Musik und zurück zum Cello finden konnte. Der unverbaute Blick der Studenten ist sehr heilsam, weil ich dadurch viele meiner eigenen Sachen hinterfragen konnte. Dafür bin ich sehr dankbar. Natürlich verbringe ich die Zeit, die früher frei war, jetzt in Köln, das muss ich vielleicht auch noch ein wenig austarieren. Aber im Moment ist das ein toller Ausgleich.

Gibt es für den Solisten Johannes Moser im Cello-Repertoire einen Herzenskern, der Ihnen besonders lieb ist?

J. M. Immer das, was ich gerade spiele, das muss das wichtigste sein. Wenn ich Lieblingskinder hätte, dann wäre ich für den Rest der Zeit unglücklich. Was mir natürlich ein Herzensanliegen ist, sind die Stücke, die für mich geschrieben wurden, weil ich – mal mehr, mal weniger – auch »Geburtshelfer‹ war. Als das Konzert für E-Cello von Enrico Chapela nicht fertig wurde, bin ich dann nach Mexiko geflogen, und habe dann eine Woche auf dem Fussboden in seinem Wohnzimmer geschlafen und versucht, das Stück in richtige Bahnen zu lenken. Ich erkenne solche Stellen, an denen ich beteiligt war, dann beim Spielen wieder. Die Tragik des ausführenden Musikers ist ja, dass die Musik, wenn sie nicht aufgenommen wird, nach 2,5 Sekunden weg ist. Wenn man dann das Glück hat, an dem kreativen Prozess einer Komposition teilzuhaben, dann ist das super.


Foto: Uwe Arens

Haben Sie schon mal versucht, selbst zu komponieren?

J. M. Ich hab‘s versucht, bin aber grandios gescheitert ... [lacht].

Sie haben es bereits erwähnt, Sie spielen gelegentlich auch ein verstärktes E-Cello. Was unterscheidet es von einem normalen Cello, das man mit einem Tonabnehmer ausrüstet?

J. M. Der Unterschied liegt darin, dass das E-Cello keinen Korpus hat und somit keine Obertöne hat, d.h. die Ansprache ist sehr leicht und direkt, weil man nicht das ganze Cello zum Schwingen bringen muss, sondern nur den kleinen Bereich des Stegs. Das Instrument hat auch keinen Eigenklang. Wenn ich also einen total abgefahrenen Klang aus dem Rechner haben will, ohne den Eigenklang des Cellos, ist man mit dem elektrischen Cello gut bedient.

Mittlerweile sind zwei Cellokonzerte für Sie und das E-Cello entstanden. Gibt es weitergehende Pläne?

J. M. Nach den beiden Auftragswerken an Fabrice Bollon und Enrico Chapela fanden mehrere Komponisten Interesse daran. Mein Bestreben wäre natürlich, dass der Komponist die Seele des Instruments erkennt und nicht nur ein verkapptes E-Gitarren-Konzert schreibt, sondern merkt: Was kann das E-Cello, was andere Instrumente nicht können. Für das klassische Cello und die Probleme der Spielbarkeit ist Robert Schumann´s Cellokonzert ein Paradebeispiel: Vieles von dem, was er in seinem Konzert schreibt, geht auf dem Klavier phantastisch, auf dem Cello ist es aber echt haarig. Und da hat er sich ja auch nicht hineinreden lassen. Das Konzert liegt auf dem Cello gar nicht gut. Zur Seele des Instruments gehört auch die Spielbarkeit. Was ist dem Cellisten in die Hand geschrieben, und wo muss man unnötig ackern? Es ist für mich wichtig, dem Komponisten zu zeigen, was funktioniert, was leichter geht, etc.

Spielbarkeit ist ein gutes Stichwort. Camille Saint-Saens war ja ein phantastischer Pianist, schon früh ein Wunderkind, und Organist. Wie schreibt er für das Cello?

J. M. Das erste Konzert, das wir im März spielen werden, ist wirklich super fürs Instrument geschrieben und auch hervorragend instrumentiert. Heutzutage wird immer viel Probenzeit verwendet, um eine Klang-Balance herzustellen, gerade weil jeder Orchestermusiker mit einer solistischen Ausbildung aufwarten kann. Bei Saint-Saëns ist die Behandlung des Orchesters so fein und umsichtig, dass das nicht nötig ist. Gleichzeitig gibt es fulminante Orchestertutti, da lässt er's dann wieder knallen, aber die Abstimmung mit dem Soloinstrument ist sehr klug geschrieben. Außerdem ist es ein hinreißendes Stück!

Und das Cello ist auch von Anfang an präsent …

J. M. Eben. Beim Dvorak-Konzert hat man erst mal viereinhalb Minuten Zeit. Jetzt sitzen Sie mal bedeutungsvoll für viereinhalb Minuten! [lacht] Das Problem des aktiven Nichtstuns hat man bei Saint-Saëns nicht, man kann sofort in medias res gehen.

Was erwartet den Zuhörer, außer wunderbarer Musik?
 
J. M. Enorme Spannung zwischen Orchester und Solist, viel Dialog, was ich persönlich sehr aufregend finde. Technisches Feuerwerk im letzten Satz und ein absolut hinreißender langsamer Satz, der so fein und delikat ist und doch einen stark romantischen Gestus hat. Was ich an Saint-Saëns außerdem so toll finde, ist, dass er ein umfassend gebildeter Mensch war. Er hat Theaterstücke geschrieben, sich als Astronom betätigt. Irre. Heute sind alle soe sehr spezialisiert, sowohl in der Musik, als auch in der Medizin. Diese Idee des Universalgenies finde ich sehr spannend. Saint-Saëns war so eines.

Hört man das in seiner Musik?

J. M. Ich finde, eigentlich nicht. Ich habe manchmal das Gefühl, Saint-Saëns zieht sich ein bisschen aus dem Geschehen heraus. Es gibt diese berühmte Anekdote, dass er, als seine beiden Kinder direkt hintereinander verstarben, einem sehr guten Freund völlig abgeklärt und objektiv darüber berichtet hat. Er war nicht jemand, der, wie etwa Schumann, unter dem Einfluss seiner Emotionen stand. Oder in einem Wechselbad der Gefühle.

Und doch ist das Stück durchaus emotional ...

J. M. Ja, aber es ist eine Emotionalität ohne Abgründe. Why not? Wenn man Abgründe will, geht man eben zu Schumann oder Schostakowitsch! [lacht]

Johannes Moser, herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte MAXIMILIAN RAUSCHER.




 

02
So 02. März 2014
20 Uhr Philharmonie Berlin
Tugan Sokhiev | Johannes Moser Violoncello
Weinberg, Saint-Saëns, Roussel
03
Mo 03. März 2014
20.30 Uhr Philharmonie Berlin

Casual Concert

Tugan Sokhiev | Johannes Moser Violoncello
Saint-Saëns, Roussel
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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