Faszination des Abgründigen

Der Cellist Daniel Müller-Schott im Gespräch über Schostakowitsch, Rostropowitsch und sein Konzert am 05.01.



Daniel Müller-Schott gehört zu den herausragenden Cellisten unserer Zeit. Er gewann mit 15 Jahren als erster Deutscher den Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb für junge Musiker, studierte bei Heinrich Schiff, Steven Isserlis und Mstislaw Rostropowitsch und ist als Konzertsolist und Kammermusiker auf den Bühnen der Welt zu Hause. Am 5. Januar gibt er mit Schostakowitschs Erstem Violoncellokonzert sein Debüt beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin.

Herr Müller-Schott, Sie spielen seit Ihrem fünften Lebensjahr Cello. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie aus Ihrem Talent mehr als nur ein Hobby machen könnten?

DANIEL MÜLLER-SCHOTT: Das hat einige Zeit gedauert. Der Anfang auf einem Streichinstrument ist ja immer mühsam und ernüchternd. Aber ich habe mich nicht davon abbringen lassen, weiter mit diesem wunderschönen Instrument zu experimentieren und Klänge zu suchen. Ich habe schon als Kind viel und gerne improvisiert und mich am Anfang auch sehr gegen die strengen Notensysteme gewehrt. Aber mit 12 Jahren, nach ersten Wettbewerben, habe ich gemerkt, dass mich nicht nur die Musik berührt, sondern auch, dass daraus ein Beruf werden könnte. Obwohl meine Interessen damals sehr breit gestreut waren.

Was wäre aus Ihnen geworden, hätten Sie die musikalische Laufbahn nicht eingeschlagen?

DMS: Etwas Künstlerisches wollte ich schon immer machen. Ich habe mich sehr für Architektur interessiert, auch Filme haben mich fasziniert. Als die ersten Videokameras auf den Markt kamen, habe ich Drehbücher geschrieben und mit Freunden kleine Krimi-Episoden gedreht. Später bin ich auch in Richtung bildender Kunst gegangen und habe u.a. mit Sprühdosen gearbeitet. Aber das Cello und die Musik waren doch immer die stärkste Kraft.

Sie haben u.a. bei Heinrich Schiff und Steven Isserlis studiert, wurden von Anne-Sophie Mutter und ihrer Stiftung gefördert. Sie hat Ihnen auch den Kontakt zu dem legendären Cellisten Mstislaw Rostropowitsch vermittelt, bei dem Sie ein Jahr lang regelmäßig Unterricht nehmen konnten. Was hat er Ihnen beigebracht, was konnten Sie mitnehmen?

DMS: Er war ein vollkommener Musiker, der nicht nur am Cello eine unglaubliche Freiheit erlangt hatte, sondern auch im Unterricht am Klavier die Partituren spielen und dabei die Struktur der Musik offen legen konnte. Und all das verband er mit einer unmittelbaren Emotionalität. Diese Kombination war für mich ganz neu. Ich war oft dabei, wenn er als Dirigent mit Orchestern gearbeitet hat, und darüber hinaus habe ich auch viel Zeit mit ihm verbracht. Das hat bei mir einiges in Gang gesetzt, mir Facetten am Musikersein eröffnet, die ich bislang nicht kannte und mich sehr motivierten, weiter an mir zu arbeiten. Es war eine unglaublich prägende Zeit.

»Mich fasziniert die Abgründigkeit in Schostakowitschs Musik — und ihre zutiefst humanistische Botschaft.«

Haben Sie mit Rostropowitsch auch die Werke erarbeitet, die Komponisten wie Prokofjew, Schostakowitsch, Britten und Boulez für ihn geschrieben hatten?

DMS: Ja, denn es war ihm sehr wichtig, dass seine Schüler auch diese Werke spielen. Er hat mir nahegelegt, das gesamte Cellowerk von Britten einzustudieren. Es konnte ihm gar nicht schnell genug gehen, und ich musste ihn sogar ein wenig bremsen, da das innerhalb weniger Tage tatsächlich unmöglich war. [lacht]

Er stand diesen Komponisten auch beratend zur Seite. Haben Sie davon profitiert?

DMS: Einige dieser Stellen hat er mir gezeigt, so die Kadenz im zweiten Satz der Sinfonia Concertante. Prokofjew hatte ihn hierzu um Vorschläge gebeten, da er mehr vom Cello verstünde als er, und war von der Kadenz Rostropowitschs so begeistert, dass er sie fast 1:1 übernommen hat. Das hat Rostropowitsch mit großem Stolz erfüllt. Manchmal sagte er etwas süffisant, Prokofjew hätte dann nur noch eine Note geändert, doch gerade daran habe er gemerkt: »Das ist Genie.« [lacht] Er hat immer seine Ehrfurcht vor den großen Komponisten bekundet, und wenn er über Britten sprach, wirkte dieser wie eine Engelsgestalt. Für Rostropowitsch war die Musik heilig, und es war sehr schön, zu sehen, dass er diese totale Identifikation mit der Musik vorgelebt hat.

Sie geben im Januar Ihr Debüt beim DSO mit dem Ersten Cellokonzert von Dmitri Schostakowitsch. Was reizt Sie an seiner Musik?

DMS: Schon früh hat mich die Abgründigkeit in Schostakowitschs Musik fasziniert, ihre dunkle Klangsprache, all ihre Facetten und Ebenen und ihre zutiefst humanistische Botschaft, die gerade seinen langsamen Sätzen innewohnt. Das hat mich sehr berührt, und je öfter ich seine Konzerte spiele, desto mehr versuche ich, noch tiefer unter die Oberfläche zu blicken. Mich beeindruckt die Einfachheit seiner Themen: Sie sind nie vordergründig zu verstehen, sondern vermitteln immer eine Doppelbödigkeit, eine Botschaft. Das ist vor allem im historischen Kontext interessant: Schostakowitsch stand ständig unter der Bedrohung des Staates und musste fürchten, dass ihm ein neues Werk Nachteile bringen könnte. Er musste tatsächlich Angst um seinen Beruf und sein Leben haben. Diese Spannung drückt sich in der Musik aus, und es ist bewegend, das nachzuvollziehen.

Foto: Maiwolf

Der dritte Satz besteht nur aus einer Solo-Kadenz. Ist er ein Denkmal für das Cello?

DMS: Ja, vor allem aber eine Hommage an Rostropowitsch. Schostakowitsch hörte ihn die Sinfonia Concertante von Prokofjew spielen und kam dadurch auf die Idee zu einem Cellokonzert. Er hat hier wirklich alle Möglichkeiten des Instruments ausgeschöpft, von der lyrischen Verinnerlichung bis zu den vulkanischen Eruptionen am Ende, die dann in den Finalsatz übergehen. Das ist schon einmalig, das gab es vorher in der Musikgeschichte nicht.

Wie schreibt Schostakowitsch für das Cello?

DMS: Extrem gut und sehr wirkungsvoll! Selbst die rhythmischen, schnellen Passagen des ersten Satzes lassen sich hervorragend greifen. Er schöpft den gesamten Klangumfang aus. Besser kann man sich das kaum vorstellen. Ich habe gerade das zweite Konzert in Köln gespielt; das ist viel komplexer und schwieriger, auch in der Ausführung, dagegen ist das erste Konzert fast »bequem«. Wobei das natürlich relativ ist ... [lacht]

Sie schreiben selbst gern Programmnotizen und Booklet-Texte. Hilft Ihnen diese Auseinandersetzung mit dem Werk bei der Interpretation?

DMS: Ich könnte anders nicht arbeiten. Ich möchte immer erfahren, wie ein Werk entstanden ist, warum zu einer bestimmten Zeit, und in welchem musikalischen Umfeld. Auch lese ich, wenn ich mich mit einem Stück beschäftige, bevorzugt Literatur aus seiner Entstehungszeit, um mich in die Zeit, ihre Stimmung und die Künstler hineinversetzen zu können. Das macht es für mich leichter, in diese Musik einzutauchen und mehr von ihr zu verstehen. Deshalb schreibe ich auch gerne über die Stücke und lege mir ein klares Bild in Worten zurecht, das ich dann in Tönen auszudrücken versuche – und umgekehrt. Das eine inspiriert das andere.


»Kammermusik ist die intensivste, unmittelbarste Art des Musizierens.«

Sie lieben die künstlerische Herausforderung. Hatten Sie jemals Angst vor Grenzüberschreitungen?

DMS: Nein, solange es ernsthaft um die Musik geht. Ich bin beispielsweise schon mit einem Schostakowitsch-Konzert vor ein paar tausend Heavy-Metal-Fans auf dem Roskilde-Festival in Dänemark aufgetreten. Ein anderer Veranstalter engagierte mich als »Vorgruppe« für Metallica. Ich habe dort die d-Moll-Suite von Bach gespielt

Wie kam das an?

DMS Zunächst herrscht ein unglaublicher Tumult, aber nach einer Minute wurde es ganz still und andächtig. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass die Leute zugehört und eine sehr ungewöhnliche Konzentration entwickelt haben. Es sind jedenfalls keine Bierflaschen geflogen … [lacht] Es war ein geglücktes Experiment, die klassische Musik an ungewöhnliche Orte zu bringen und auf jeden Fall ein Abenteuer, das es wert war, auszuprobieren.

Sie engagieren sich auch für das »Rhapsody in School«-Projekt und tragen klassische Musik in Schulen. Das ist Ihnen wichtig?
DMS: Ich war selbst an einem naturwissenschaftlichen Gymnasium, und habe dort ernüchternd gemerkt, welchen Stellenwert der Musikunterricht hat und wie wenig vom kulturellen Schatz unserer klassischen Komponisten man dort vermittelt bekommt. Als mir dann der Pianist Lars Vogt von seiner Idee zu diesem Projekt erzählte, war ich begeistert von der Idee, in Schulen zu gehen und den Kindern unmittelbar zu zeigen, warum wir Musiker solch eine Leidenschaft für die klassischen Komponisten empfinden. Ich merkte dann auch, wie sich die Lehrer über die Unterstützung freuen, und dadurch auch mehr vom Schulrektor wahrgenommen wird, was der Musikunterricht bei den Kindern auslöst. Ich glaube, dass aus diesem Engagement viel Gutes entstehen kann. Inzwischen sind mehr als 200 Musiker an diesem Projekt beteiligt und gehen fleißig in die Schulen. Im September fand in Berlin ein Konzert statt, das unter dem Titel ›Rhapsody in Concert‹ viele Kinder und Familien zum ersten Mal in einen Konzertsaal gebracht hat. Das wollen wir in Zukunft auch wiederholen.

Momentan sind Sie auch im Klaviertrio mit Renaud Capuçon und Nikolas Angelich unterwegs. Wie wichtig ist Ihnen Kammermusik?

DMS: Das sind besonders erfüllende Projekte, weil man mit Freunden musizieren und sich musikalisch austauschen kann. Das möchte ich auch nicht missen, denn als Solist ist man sonst viel alleine in der Welt unterwegs. Kammermusik ist die intensivste, unmittelbarste Art des Musizierens. Manchmal stellt sich diese Art der Kommunikation auch mit Orchestern ein, und ich wünsche mir sehr, dass es in Berlin mit dem DSO auch so sein wird. Die Voraussetzungen dafür sind gut, denn ich kenne einige Musiker des Orchesters; das hilft mir immer sehr, eine Verbindung zu schaffen, die der Kammermusik ähnlich ist.

Krzysztof Urbański war 2011 zum ersten Mal in der Reihe ›Debüt im Deutschlandradio‹ beim DSO zu Gast und wurde sofort danach für das Konzert im Januar wieder eingeladen. Haben Sie schon einmal zusammengearbeitet?

DMS: Ja, mehrfach. Ich schätze ihn sehr. Wir haben zum ersten Mal in Amsterdam zusammen gespielt, vor einigen Jahren, und zuletzt beim NDR im Hamburg. Es hilft immer und ist inspirierend für den Solisten, wenn man am Pult jemanden hat, der einem vertraut ist und weiß, in welche Richtung die Interpretation gehen soll. Mit ihm habe ich das Gefühl, ein gemeinsames musikalisches Ziel zu verfolgen.

Herr Müller-Schott, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte MAXIMILIAN RAUSCHER




05
Sa 05. Januar 2013
20 Uhr Philharmonie Berlin
Krzysztof Urbanski | Daniel Müller-Schott Violoncello
Kilar, Schostakowitsch, Lutosławski
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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