Foto: Sim Canetty-Clarke


»Purer Nervenkitzel«

Der Pianist Stephen Hough im Gespräch über Johann Nepomuk Hummel und sein Konzert am 06.04.2013

Stephen Hough gehört zu den wichtigsten britischen Musikern der Gegenwart. Der Gewinn des New Yorker Naumburg-Wettbewerbs 1983 eröffnete dem damals 21-jährigen Pianisten die internationale Karriere. Seitdem ist er ein regelmäßiger Gast der großen Orchester, Kammermusikpartner von Musikern wie Steven Isserlis, Tabea Zimmermann oder dem Emerson Quartet und hat sich auch als Komponist einen Namen gemacht. Das künstlerische Schaffen Stephen Houghs ist mittlerweile auf mehr als 50 CDs dokumentiert. 1995 gab er sein DSO-Debüt mit Bartóks Drittem Klavierkonzert, 2009 interpretierte er Mendelssohns Erstes Concerto unter der Leitung Andrew Manzes. Am 6. April kehrt er mit dem a-Moll-Konzert von Johann Nepomuk Hummel zum DSO zurück.

Stephen Hough, in Ihrem Repertoire, besonders unter Ihren Aufnahmen, finden sich — neben hochgelobten Klavierkonzerten von Tschaikowsky, Rachmaninoff oder Saint-Saëns – etliche ungewöhnliche, selten gespielte und unbekannte Werke. Ist Neugierde Ihre künstlerische Antriebskraft?

Stephen Hough Die Meisterwerke des Mainstream liebe ich schon am meisten; nicht ohne Grund werden sie so oft gespielt. Das sollte einen aber nicht davon abhalten, neugierig auf weniger beachtete Werke zu sein, denn einige – wie das Hummel-Konzert – sind von wesentlicher historischer Bedeutung. In einem Buchladen beschränke ich mich ja auch nicht auf die Bestseller, die an der Kasse ausliegen, sondern stöbere gerne in den staubigen Ecken hinten im Laden.

Zahlreiche Werke aus Ihrer Feder sind im Druck erschienen, werden gespielt und aufgenommen, vor allem Vokal- und Kammermusik. Die gerade erschienene CD ›In the Shadow of War‹ des Cellisten Steven Isserlis, auf der er mit dem DSO zu hören ist, enthält ›The Loneliest Wilderness‹, eine Elegie für Cello und Orchester, die Sie 2005 komponierten. Für das Klavier allein haben Sie nur wenig geschrieben. Warum?

S. H. Ich glaube, dass es für einen Pianisten gefährlich sein kann, für das Klavier zu komponieren. Denn die Versuchung ist groß, nicht sein Innerstes zum Ausdruck zu bringen, sondern einfach so zu schreiben, wie es gut in den Fingern liegt. Ich habe aber mittlerweile zwei Klaviersonaten veröffentlicht, die erste spielte ich im vergangenen Jahr auch in Berlin.


»In einem Buchladen beschränke ich mich nicht auf die Klassiker, sondern stöbere auch in den staubigen Ecken hinten im Laden.«

Die Trennung zwischen Komponisten und Interpreten ist ein Konzept, das erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkam. Sehen Sie sich in der Tradition der komponierenden Pianisten?

S. H. Vor dem 20. Jahrhundert hätte ein Pianist, der ohne eigene Kompositionen in einer Stadt eintraf, für große Verwunderung gesorgt — wie ein Koch ohne Rezepte. Öffentlich aufzutreten hieß, seine eigenen Werke zu spielen. Ich selbst sehe mich aber nicht in dieser Tradition. Ich komponiere, weil ich dafür brenne. Würde ich nicht mehr komponieren, hätte ich trotzdem kein schlechtes Gefühl dabei, nur noch Werke anderer zu spielen. Dennoch bin ich der Meinung, dass alle Musikstudenten auch einmal komponieren sollten. Es ist eine Kulturtechnik, wie das Schreiben auch.

Sie sind Komponist und Pianist, Autor und Blogger, hatten kürzlich eine erste Einzelausstellung Ihrer Gemälde. Man hat Sie aufgrund Ihrer vielen Begabungen bisweilen als »Universalgelehrten « oder »Renaissancemenschen« bezeichnet. Folgen Sie der Idee eines »vollständigen Künstlers«?

S. H. Nicht bewusst, hoffe ich … Ich bremse mich aber einfach nicht mehr dabei, das auszudrücken, was ich empfinde – so wie ich das früher getan habe. Klavierspielen ist für mich kein Selbstzweck. Musik spielen, Musik hören, Musik schreiben – das ist für mich eins. Das Visuelle und das Verbale gehören für mich ebenfalls dazu.

Am 6. April sind Sie an der Seite Osmo Vänskäs beim DSO zu hören. Wie lange arbeiten Sie bereits zusammen?

S. H. Schon viele Jahre, seit er seit er Chefdirigent des BBC Scottish Symphony Orchestra war. Wir habe schon alles Mögliche zusammen gespielt. Ich schätze die Frische und Integrität, mit der er an alles herangeht, was er dirigiert.

Sie werden Johann Nepomuk Hummels a-Moll-Konzert spielen. Zu Lebzeiten war Hummel einer der bekanntesten Virtuosen und Komponisten, heute wird er kaum noch gespielt. Woran liegt das?

S. H. Alle großen Pianisten und Komponisten des 19. Jahrhunderts spielten Hummel – Franz Liszt, Robert und Clara Schumann, Johannes Brahms –, und ohne Hummel wären die beiden Konzerte von Chopin undenkbar. Er war das entscheidende Bindeglied zwischen dem Klassizismus Mozarts und dem, was später kam, als die Flügel größer wurden und mehr Möglichkeiten für virtuoses Spiel boten. Dass uns seine Musik heute vielleicht etwas unscheinbar vorkommen mag, liegt vermutlich daran, dass wir uns so sehr an harmonisch gehaltvolle Kost gewöhnt haben. Zudem sind Hummels Klavierparts unglaublich anspruchsvoll, voll heikler Doppelgriffe und schneller Passagen. Die lernt man nicht einfach so nebenbei, sie brauchen Stunden sorgfältiger Vorbereitung. Und es ist Musik, die nur dann gut klingt, wenn sie gut gespielt wird – darin ähnelt sie Meyerbeer oder Weber. Man muss den puren Nervenkitzel dieser schlichten, diatonischen Harmonien und der stürmischen rhythmischen Energie, der ihr innewohnt, erst entdecken.

»Hummels Klavierparts sind unglaublich anspruchsvoll, die lernt man nicht einfach so nebenbei.«

Wie haben Sie Hummel und seine Musik kennengelernt?

S. H. Durch einen befreundeten Komponisten, Lowell Liebermann. 1986 bot mir das Label Chandos eine CD-Aufnahme mit dem English Chamber Orchestra an, aber es sollte nichts von Mozart, Mendelssohn, Beethoven o. ä. sein. Man schlug mir John Field vor, aber dessen Konzerte gefielen mir nicht. Lowell zog eines Tages Hummels Konzerte aus dem Regal und fragte: »Wie wär’s hiermit?« Ich mochte sie auf Anhieb.

Was gefiel Ihnen daran? Sie haben neben zwei Konzerten später auch noch drei seiner Klaviersonaten eingespielt …

S. H. Ihre Frische und Direktheit finde ich sehr reizvoll. Hummel war zudem ein guter Komponist, der sein Handwerk ausgezeichnet beherrschte. Und sein Einfluss auf Komponisten nach ihm ist faszinierend. Ich glaube, wir können Chopins Klavierkonzerte
besser verstehen, wenn wir die von Hummel kennen. Chopins Tempi, die schnellen zweiten Sätze und der klassische Geist – all das ist bereits bei Hummel vorhanden.

Wie spiegelt sich Hummel, der Virtuose, in seinem Concerto?

S. H. Man hört dem Konzert an, was für ein erstaunlicher Pianist Hummel gewesen sein muss – und er hat wohl ganz gerne angegeben …

Lohnt es sich, mehr von Hummel zu entdecken?

S. H.Auf jeden Fall!


Die Fragen stellte MAXIMILIAN RAUSCHER.


06
Sa 06. April 2013
20 Uhr Philharmonie Berlin
Osmo Vänskä | Stephen Hough Klavier
Grieg, Hummel, Sibelius
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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