Foto: Eric Brissaud


Herbstliche Stimmung


Christoph Eschenbach gehört zu den herausragenden Dirigentenpersönlichkeiten unserer Zeit. Nach einer frühen Pianistenlaufbahn reüssierte er u. a. als Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters, des Houston Symphony Orchestra und des Orchestre de Paris. Er ist seit 2010 künstlerischer Leiter des National Symphony Orchestra in Washington, D. C. – und sowohl im Konzert, als auch bei CD-Aufnahmen ein gern gesehener Gast am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Mit den DSO-Nachrichten sprach er über Nachwuchsförderung, Tzimon Barto und seine Konzerte mit dem DSO.


Maestro, in beiden Konzerten stellen Sie eine Symphonie Schumanns einem Brahms-Klavierkonzert gegenüber. Was hat sie an dieser Konstellation gereizt?

CHRISTOPH ESCHENBACH Sie liegt natürlich auf der Hand, aufgrund der Freundschaft der beiden Komponisten. Die Anregung zu Brahms kam ursprünglich von einer Schallplattenfirma, die seine Klavierkonzerte aufnehmen wollte, vorzugsweise mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, womit ich sehr einverstanden war. Und da beide Konzerte so riesig sind, fand ich eine Schumann-Symphonie als Gegenpart sehr passend. Im ersten Konzert kombinierte ich die beiden d-Moll-Stücke, die vierte Symphonie und das erste Klavierkonzert, und im zweiten Programm das B-Dur-Konzert, das viel sonniger ist als das Erste, mit der hellen C-Dur-Symphonie von Schumann.

Robert Schumann schrieb seine Zweite Symphonie »im Dezember 1845 noch halb krank; mir ist’s, als müsste man ihr dies anhören. Erst im letzten Satz fing ich an mich wieder zu fühlen; wirklich wurde ich auch nach Beendigung des ganzen Werkes wieder wohler«.

C. E.
Es stimmt, Schumann komponierte sie zur Zeit seiner ersten tiefen Depression. Doch ich habe immer das Gefühl, er schrieb diese dadurch weg. Nur im langsamen Satz, der unglaublich schön, aber auch unglaublich tragisch ist, drückt sich sein Leiden noch einmal ganz authentisch aus, während er es in den anderen Sätzen wegzufegen versucht, gerade im virtuosen und überhaupt nicht depressiven Scherzo.


Tzimon Barto
Foto: Eric Brissaud for Ondine

Den Gegenpart, das zweite Brahms-Konzert, wird wieder der Pianist Tzimon Barto gestalten. Was macht ihn zum interessanten Brahms-Interpreten?

C. E.
Dass er diese Musik auslotet und in sie und in sich selbst hineinhört – und deshalb auch relativ langsame Tempi wählt, die er aber absolut ausfüllt. Man hört so viele Zwischenstimmen, Nuancen und Farben heraus ... Das Zweite Brahms-Konzert habe ich schon mit ihm gespielt, als wir uns vor mehr als 25 Jahren kennenlernten. Seine Interpretation hat seitdem eine Entwicklung durchlaufen: Die sehr stürmische Wiedergabe von damals hat sich gesetzt und ist einer herbstlichen Stimmung und einer Durchglühtheit gewichen, die er hervorzaubert. Das ist faszinierend, und wunderschön.

Tzimon Barto war damals eine Ihrer ersten Entdeckungen. Die Förderung junger Musiker liegt Ihnen sehr am Herzen?

C. E.
Ja natürlich, denn ich bin selbst von zwei großen Dirigenten gefördert worden, von George Szell und von Herbert von Karajan, und ich habe unglaublich viel von Ihnen gelernt. Deswegen ist es mir sehr wichtig, und ich ermutige auch immer Kollegen dazu, unsere Erfahrung als ältere Musiker an jüngere Künstler weiterzugeben. Es macht wahnsinnig viel Spaß, zu sehen, wie junge Leute das aufsaugen. Ich merke sofort, wo sie mit einer Interpretation hinwollen, und gebe Ihnen dann Hinweise, wie sie schneller an ihr eigenes Ziel kommen. Als Ratgeber, nicht als Lehrer.

Auch im Hinblick auf Karriereentscheidungen?

C. E.
Natürlich. Dazu gehört auch, jungen Künstlern Agenten zu verschaffen, sie Orchestern vorzuschlagen, damit sie Bühnenerfahrung bekommen. Das ist heutzutage viel schwieriger als in meiner Jugend, da Orchester ungern junge Musiker einladen, oft aus kommerziellen Gründen. Gottseidank ist das beim DSO nicht so. Dort wagt man viel in dieser Hinsicht, ist neugierig – und erntet großen Erfolg.


»Ich ermutige auch immer Kollegen dazu, unsere Erfahrung als ältere Musiker an jüngere Künstler weiterzugeben.«Christoph Eschenbach

Sie haben Ihre eigene Laufbahn als Pianist begonnen. Hat sich ihre Pultkarriere daraus entwickelt?

C. E.
Ich habe Klavier und Dirigieren gleichberechtigt und intensiv bis zum Examen studiert. Und es war mein Wunsch und Wille, letzteres später zum Beruf zu machen. Die Solistenkarriere habe ich dann zunächst eingeschlagen, weil mir das der Gewinn einiger Wettbewerbe (ARD und Clara Haskil) ermöglichte. Doch nach einigen Jahren traf ich dann auf Szell und Karajan. Sie ließen mich, damals eigentlich undenkbar, bei ihren Proben zusehen. Bei Karajan, Anfang der 60er-Jahre, durfte nur noch ein anderer mit hinein, der hieß Claudio Abbado [lacht]. Ich habe viel dabei gelernt. Das ist eigentlich das Schwierigste: Zu lernen, wie man probt; wie man mit zwei, drei Worten schnell und effizient etwas auf den Punkt bringt. Dann habe ich wieder mit dem Dirigieren angefangen, gleich mit einer Bruckner-Symphonie, weil ich Bruckner liebe.

Als Dirigent waren Sie 1977 zum ersten Mal beim DSO zu Gast, zuletzt im vergangenen Jahr. Welchen Eindruck konnten Sie in dieser Zeit gewinnen?

C. E.
Wie jedes Orchester hat sich auch das DSO in diesen 35 Jahren verändert. Es ist ein äußerst dynamisches Instrument geworden, das aus lauter Persönlichkeiten besteht, die mitmachen, die geben und nehmen. Das bedeutet, dass ich offen bin für die Ideen der Musiker, die sie vielleicht in einer musikalischen Phrase kundtun, und sie das aufnehmen, was ich ihnen anbieten kann. Das ist ein ganz natürlicher Prozess. Und es macht das Musizieren mit dem DSO so lebendig.

Neben Ihren europäischen Engagements haben Sie mit vielen amerikanischen Orchestern zusammengearbeitet. Gibt es eigentlich noch Unterschiede in der Klangkultur diesseits und jenseits des Atlantiks?

C. E.
Vor 40 Jahren waren die amerikanischen Orchester berühmt für ihre Perfektion, aber eben auch für ihre Kühle. Die europäischen für ihr wärmeres Musizieren, aber auch ein bisschen Schlamperei [lacht]. Das hat sich vollkommen geändert. Die europäischen Orchester haben enorm an der Perfektion gefeilt. Besonders die deutschen Klangkörper musizieren sehr vital, sehr körperlich, was mir sehr liegt. Die Amerikaner sind immer noch ein wenig steif. In meinen drei Jahren beim National Symphony Orchestra in Washington habe ich es allerdings geschafft, diese Steifheit aufzubrechen und die Musiker frei werden zu lassen, seelisch frei in der Musik, und – das ist sehr wichtig – sie das auch zeigen zu lassen. Das macht man hier in Europa sehr gerne, und deshalb sind die Orchester so überaus lebendig, allen voran das DSO.

Maestro, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte MAXIMILIAN RAUSCHER.


 

07
Fr 07. Juni 2013
20 Uhr Philharmonie Berlin
Christoph Eschenbach | Tzimon Barto Klavier
Brahms, Schumann
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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