Am 26. September tritt Robin Ticciati sein Amt als neuer Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin an. Mit den DSO-Nachrichten sprach er über die künstlerischen Vorhaben seiner ersten Saison.

Maestro Ticciati – willkommen in Berlin! Sie verlegen ihren Arbeitsschwerpunkt hierher, und Sie haben sich hier eine Wohnung genommen. Was zog sie an: das Orchester, die Stadt?

Das Orchester, natürlich, aber auch die Stadt. Das kulturelle Klima, das Verlangen nach Kunst wirken inspirierend. Es wäre schwer, sich davon nicht anstecken
zu lassen. Als Dirigent reist man viel durch die Welt und sammelt die unterschiedlichsten Erfahrungen. In Berlin gehören Kunst und Kultur zum elementaren Lebensbedürfnis. Das finde ich großartig.

Ihr letztes Konzert mit dem DSO am 22. Juni begann hoch oben hinter dem Orchesterpodium, das musikalische Geschehen setzte sich im Bühnenhintergrund fort und kam dann in der Mitte der Philharmonie auf seinem angestammten Platz an. Stilistisch führte das Programm vom Frühbarock über ein zeitgenössisches Werk zu einem Großen der Vergangenheit, Gustav Mahler. Der Flug durch die Geschichte war zugleich ein Weg durch den Raum. Haben wir eine Vorankündigung Ihrer ersten Saison als Chefdirigent erlebt?

So war es gemeint, und ich freue mich, wenn es so verstanden wurde. Wir wollen die vielfältigen räumlichen Möglichkeiten der Berliner Philharmonie nutzen, etwa in Hector Berlioz’ ›L’enfance du Christ‹ am 17. Dezember. Mit Fiona Shaw erarbeiten wir ein szenisches Konzept, in dem nicht die Handlung des Oratoriums
realistisch nachgespielt wird, sondern Schauplätze, Ereignisebenen und Personen(gruppen) ihren Ort im philharmonischen Polygon erhalten. Das Publikum soll das Werk nicht nur als Gegenüber erleben, sondern sich mitten im Stück finden, von seinem musikalischen und inhaltlichen Geschehen umgeben sein.

Den Weg vom Barock zur Jetztzeit und dann ins Kernrepertoire wählen Sie auch für das Antrittskonzert S. 4. Ist das ein Grundmuster Ihrer Programmgestaltung?

Im Prinzip schon. Einem Konzertprogramm sind Zeitgrenzen gesetzt – ich spreche nicht von Sonderprojekten wie ›Parallax‹ im Kraftwerk, sondern vom philharmonischen Normalfall. Wenn man das »Kernrepertoire« neu erschließen will, tut man das am besten von verschiedenen Seiten, schafft Konstellationen,
die möglichst viele Aspekte zum Vorschein bringen. Die Musik von heute spielt für mich dabei eine unverzichtbare Rolle.

Für mein Antrittskonzert habe ich mich gefragt: Wie kann, wie sollte ich meine erste Saison mit dem DSO starten? Viele wählen in solchen Fällen eine große Symphonie oder ein anderes Monument aus der Musikgeschichte. Ich dachte mir:  Könnte es nicht interessant sein, mit einem Sinnbild des Beginnens und des (Er-)Schaffens anzufangen, dann im Programm weiterzugehen zu einem Zeitgenossen und von dort zu einem Werk aus der deutschen Symphonik des 19. Jahrhunderts? Jean-Féry Rebels Suite ›Les éléments‹ ist ein Stück über das Beginnen, über die sinnbildliche Entstehung der Welt in Klang und Zeit.

Ihr folgt am 26. September die Symphonie Nr. 2 des österreichischen Komponisten Thomas Larcher, die mit ihrer Uraufführung 2016 in der internationalen Presse ein überwältigendes Echo auslöste.

Larcher ist ein faszinierender Komponist, leider wird er hierzulande noch zu wenig gespielt. Ich habe bereits sein Violinkonzert und sein Ensemblestück ›Nocturne – Insomnia‹ dirigiert; beide haben mich tief beeindruckt. Deshalb freue ich mich auf die Deutsche Erstaufführung seiner Symphonie Nr. 2. In ihr geht es um instrumentale Form und Struktur, um die Frage, was musikalische Gattungen aus der Geschichte heute kommunizieren können. Ein solches Werk in der Mitte eines Programms ermöglicht vielfältige Bezüge. Man spürt aber auch: Für Larcher existieren Kunst und Welt nicht getrennt. Ihn treibt die Frage um, wie es um
unsere Menschlichkeit bestellt ist.

Sie nehmen regelmäßig zeitgenössische Komponisten in Ihre Programme, auch weniger bekannte. Von Helen Grime, die Sie in der vergangenen Saison vorstellten, werden sie erneut ein Werk dirigieren. Sie berücksichtigen aber auch Künstler, mit denen das Orchester häufiger zusammenarbeitete: Jörg Widmann und Toshio Hosokawa.

Jörg Widmann verbindet eine lange, produktive Freundschaft mit dem DSO. Für das Violinkonzert entschied ich mich, weil es vom Orchester noch nicht aufgeführt wurde, und weil ich so Alina Ibragimova dem DSO-Publikum bekannt machen kann, eine junge Geigerin, die ich außerordentlich schätze.

Wie kamen sie auf die Idee, dieses Werk mitten in ein französisches Programm zu stellen?

Widmanns Erfindungsreichtum in Bezug auf Farben, die man einem Orchester entlocken kann, scheint unerschöpflich. Darin steht er auf einer Höhe mit Maurice Ravel und Claude Debussy. Hosokawa wiederum geht es in seiner ›Meditation‹ um die Natur in ihrer Schönheit und Gefährlichkeit, um die Zeit, die sich Natur und Musik nehmen und uns geben, letztlich um die Liebe zur Welt. Sie leitet für mich ideal auf Mahlers natur- und weltzugewandte Dritte Symphonie hin, gerade weil die Werke grundverschieden sind. Das können Sie Ende November erleben.

Sie schärfen den Blick ins Innere der Musik. Gibt es Programme, die ganz aus Fragestellungen der Musik hergeleitet sind?

Selbstverständlich. Etwa das Bach-Schumann-Mozart-Programm Mitte November. Welche Rolle spielen barocke Einflüsse bei Mozart, in Schumanns Themen, bei beiden in letzten Werken? Wie formte sich ihre Tonsprache noch einmal neu? Oder das Programm mit Roy Harris, Arnold Schönberg und Jean Sibelius im April. Deren Werke entwickeln symphonische Konzepte in einem Satz, der mehrfach  untergliedert ist. Sie lassen die Form von innen her expandieren und finden zu einer offenen Tonalität, deren Potenziale mir nicht erschöpft scheinen. Oder das  Programm mit Lindberg, Berg und Bruckners Sechster im Februar … Insgesamt will ich in dieser Saison eine kaleidoskopische Sicht auf das schaffen, was ich mit  dem Orchester und dem Publikum erarbeiten kann. Leitgedanken, die sich durch  eine Saison ziehen, stehen für mich in dieser Anfangsphase nicht im Vordergrund  – mit einer Ausnahme: Bruckner, mit dem ich meinen Einstand beim DSO gab,  wird uns auch in den kommenden Spielzeiten beschäftigen.

Die Fragen stellte HABAKUK TRABER.

Konzerte mit Robin Ticciati