Programm

Sergei Prokofjew
Violinkonzert Nr. 2 g-Moll

Dmitri Schostakowitsch
Symphonie Nr. 4 c-Moll

Mitwirkende

Andris Poga

  • Sergey Khachatryan – Violine

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

Konzerteinführung als Podcast

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Symphonische Leidenswege

Von Leichtigkeit und Lebensfreude zur Katastrophe: Die russische Symphonik des 20. Jahrhunderts umspannt große Gegensätze. Schon bei früheren DSO-Gastspielen zeigte Andris Poga – nach dem Gewinn des Swetlanow-Wettbewerbs drei Jahre lang Assistent bei Paavo Järvi in Paris – dass er sich damit bestens auskennt. Der armenische Geiger Sergey Khachatryan, der zuletzt 2015 das DSO-Publikum mit Chatschaturjans Violinkonzert begeisterte, steuert dem seine eigene Sicht von Authentizität bei.

Schonungslose Bestandsaufnahme
Dmitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 4 ist ein monumentales Werk. Nicht nur durch ihre äußeren Dimensionen, mit über 100 Mitwirkenden auf der Bühne und von über einer Stunde Dauer, reicht die Vierte an die großen Mahler- Symphonien – die »Auferstehung« oder die »Symphonie der Tausend« – heran. An existentieller Tiefe, an katastrophalen Zusammenbrüchen und bitterstem Pessimismus geht sie vielleicht noch weiter. Explizite Mahler-Bezüge, die Banalität und Leere ironisieren – etwa die unablässig mäandernden, quasi »leiernden« Bewegungen aus ›Des Antonius von Padua Fischpredigt‹ aus dessen Zweiter Symphonie oder die Trauermarsch-Persiflage in der Largo-Einleitung zum Finale – lassen ebenfalls vermuten: Die Vierte betreibt Bestandsaufnahme der persönlichen Situation des Komponisten, ist »Spiegel seiner seelischen Verfassung«, wie sein Freund Krzysztof Meyer bemerkte.

Immer restriktiver versuchte die stalinistische Kulturpolitik das Dogma des Sozialistischen Realismus durchzusetzen. Im Januar 1936, mitten in der Arbeit an der Vierten, war der berüchtigte ›Prawda‹-Artikel erschienen, der das ganze bisherige Leben des 30-jährigen Komponisten auf den Kopf stellen sollte: Unter dem Titel ›Chaos statt Musik‹ erfolgte ein gnadenloser Verriss der Oper ›Lady Macbeth von Mzensk‹, deren bisheriger Erfolg durch Stalins Missfallen zunichte gemacht wurde. Der Komponist sah sich zum »Volksfeind« deklariert, seine Produktionsmöglichkeiten vernichtet, dachte an Selbstmord. Sein Werk vollendete er trotzdem, doch eine Aufführung konnte er nicht wagen. Auch wenn die ironisch kieksenden Holzbläser, die unheilvoll knarrenden Posaunen, stampfende »Maschinen«-Rhythmen oder erstickte nostalgische Walzeransätze sich nicht eindeutig als Schreckens- und Zerrbild der Stalin-Diktatur verstehen ließen, so war doch klar, dass damit nicht die strahlende sozialistische Zukunft gemeint sein konnte. Erst 1961 erlebte die Vierte, deren Stimmenmaterial im Krieg verloren ging und rekonstruiert werden musste, ihre orchestrale Uraufführung. Der Komponist selbst bemerkte, er hielte sein Werk für misslungen; es leide an »Grandiosomanie«.

Neue Einfachheit
Als Sergei Prokofjew 1935 sein Zweites Violinkonzert komponierte, befand er sich in einer gänzlich anderen Lage als sein Kollege. Nachdem er bereits 1918 Russland verlassen hatte, versuchte er zunächst in den USA und dann in Paris Fuß zu fassen. Dies gestaltete sich schwierig – die Konkurrenz von Rachmaninoff und Strawinsky war groß. Immer öfter begann er zwischen Paris und Moskau zu pendeln, der Gedanke an Rückkehr kam auf. Im Zuge des aufkommenden Neoklassizismus im Westen wandte sich auch Prokofjew immer mehr einer »Neuen Einfachheit« zu. Das Violinkonzert besticht durch klare melodische Linien, dissonanzenärmere Harmonik als im Frühwerk und klassisch-kontrapunktische Durcharbeitung. Doch anders als etwa bei Strawinsky gibt es keinerlei historische Anleihen oder gar Zitate – was Prokofjew als Verzicht auf eine eigene musikalische Sprache ansah. Kurz nach der triumphalen Uraufführung des Konzerts in Madrid kehrte er in seine sowjetische Heimat zurück. Dort wurde gerade das Violinkonzert als Verwirklichung von Verständlichkeit und Volkstümlichkeit begrüßt und als Einsicht des Komponisten »in die Ziellosigkeit seines formalistischen Experimentierens« interpretiert – was die Funktionäre nicht hinderte, ihn zehn Jahre später genau dieses »Verbrechens« zu bezichtigen.

ISABEL HERZFELD

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Sonntag, 10.04.2022 | 20.03 Uhr

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Sa 9 Apr '22

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Einführung mit Habakuk Traber vorab als Podcast

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