19.15 Uhr Einführung

C – ›Entdeckungen‹, Wahl-Abo

Übertragung

Termin wird noch bekannt gegeben

radio3 vom rbb

Programm

Samuel Barber
Adagio für Streichorchester

Michael Schachter, Caroline Shaw, Tyshawn Sorey, Davóne Tines
›Concerto No. 2: Anthem‹ für Bassbariton und Orchester

Dmitri Schostakowitsch
Symphonie Nr. 10 e-Moll

Mitwirkende

Daniele Rustioni Dirigent

  • Davóne Tines Bassbariton

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

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Er hat durchgehalten. Überlebt. Die längste Zeit seines Lebens und Arbeitens musste sich Dmitri Schostakowitsch zurücknehmen, anpassen, selbst zensieren – unter Stalins Herrschaft lebt der Komponist in ständiger Angst, fürchtet zuletzt sogar, deportiert zu werden. Nach dem Tod des Diktators 1953 zieht sich der 46-Jährige aufs Land in seine Datscha zurück und komponiert vielleicht das erste Werk seit langem, in dem er ausdrücken kann, was sich so lange aufgestaut hat. Doch das ist nicht leicht: »Obwohl mich niemand bei der Arbeit stört, komme ich nur mittelprächtig voran«, vertraut er einem ehemaligen Schüler an. Erst mehrere Monate später vollendet Schostakowitsch seine Zehne Symphonie: ein düsterer erster Satz, ein bitteres Scherzo als Porträt der Fratze Stalins, dann im dritten und vierten Satz immer wieder Schostakowitschs persönliches Emblem: D-Es-C-H. Das Individuum hält erbittert gegen, tritt aus dem Schatten hervor, bäumt sich auf, stöhnt, trauert, schreit.

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Auch Davóne Tines erhebt in ›Anthem‹ seine Stimme und befragt kritisch den aktuellen Zustand der USA. Die Gemeinschaftskomposition verbindet zeitgenössische Klänge mit Spirituals und gesprochenem Text zu einem großen »Was wäre«: wenn die USA ihre blutige Vergangenheit hinter sich lassen würde? – wenn sie ihre Identität, die auf der Ausbeutung von Eingewanderten und Sklav*innen errichtet wurde, ersetzen könnte durch die Idee einer inklusiven Gesellschaft? Unter anderem bläht ein Arrangement die US-amerikanische Hymne so sehr auf, dass sie an ihrem eigenen Pomp erstickt – und dann fragt die Stimme der Dichterin Mahogany L. Browne: Was bedeutet Freiheit, wenn »der Strick noch immer am Baum der Demokratie hängt?«.

Samuel L. Barbers Adagio für Streichorchester baut diesen politischen Auseinandersetzungen eine nachdenkliche Bühne: Auch wenn der Komponist nicht wollte, dass man das Streichquartett, aus dem das Werk stammt, auf diesen Satz reduziert, wurde dessen Erfolg zu einem Selbstläufer. Das betont langsam schreitende Klanggewebe verkörpert maximale Wehmut, ohne das Ohr jemals zu ermüden.

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