Ein richtiges Klangerlebnis

Marie Jacquot studierte zunächst Posaune in Paris, dann Dirigieren in Wien und Weimar. Die Stipendiatin des Dirigentenforums des Deutschen Musikrats ist nach drei Jahren am Mainfranken Theater Würzburg seit Herbst 2019 erste Kapellmeisterin an der Deutschen Oper am Rhein. Beim DSO gab die Französin 2018 ihren Einstand in der Reihe ›Debüt im Deutschlandfunk Kultur‹, am 6. Dezember ist sie nun erstmals in einem Abonnementskonzert zu erleben.

Madame Jacquot, Sie wären beinahe professionelle Tennisspielerin geworden. Warum haben Sie sich dann für die Musik entschieden?

Meiner Familie war es wichtig, dass wir Kinder sowohl ein Instrument lernen als auch Sport machen. Ich habe Klavier und Tennis gespielt, wobei mich das Klavier viel weniger interessierte. Am Tennis habe ich immer den spielerischen Aspekt geliebt und war darin auch sehr gut.  doch als ich dann professionell in Paris trainiert wurde, habe ich die Spielfreude Stück für Stück verloren und mich mit 15 Jahren für einen anderen Weg entschieden. Ich war in der Zwischenzeit vom ungeliebten Klavier zur Posaune gewechselt und habe beim Musizieren im Orchester wieder diese unvergleichliche Spielfreude erlebt, die ich alleine am Klavier vermisst hatte. Als dann ein Blechbläserquartett aus Paris bei uns in Chartres auftrat, hatte ich ein richtiges »Wow-Erlebnis« und entschied mich, in Paris Unterricht zu nehmen – und zwar eben nicht mehr Tennis, sondern Posaune. Das hat sich ganz organisch entwickelt …

Wie kamen Sie dann zum Dirigieren?

Das verdanke ich dem Orchesterleiter in unserem kleinen Konservatorium, ein großartiger Mensch, Musiker und Mentor, der die Begeisterung für die Musik gelebt hat und mich dazu inspirierte. Ich wollte unbedingt bei ihm studieren, egal was, und habe deswegen mit dem Dirigieren angefangen. Wäre er Bäcker gewesen, wäre ich wahrscheinlich Bäckerin geworden ... [lacht]

Konnten Sie vom Tennis etwas zum Dirigieren mitnehmen?

Ja, unbedingt: Die Unabhängigkeit der Arme, Vorausdenken, Anpassungsfähigkeit an das, was das Gegenüber einem anbietet. Das gilt sicher auch für andere Sportarten, aber für Tennis ganz besonders. 

Sie folgen der klassischen Kapellmeisterlaufbahn. Was ist für Sie das Spannende am Operndirigieren?

Ganz klassisch ist meine Laufbahn eigentlich nicht, denn die beginnt normalerweise mit der Korrepetition. Da ich keine Pianistin bin, hatte ich mich im Studium vor allem auf das symphonische Repertoire konzentriert. Doch meine erste Stelle in Würzburg, als Erste Kapellmeisterin ohne Klavierverpflichtung, war eine einmalige Chance und ein großes Glück. Seitdem kann ich mir ein Leben ohne Oper nicht mehr vorstellen. Hier gibt es keine Routine, es passiert immer etwas Neues, Unvorhergesehenes, man muss unglaublich fokussiert sein, immer 200 % seiner Energie geben. Ein gut vorgeprobtes Symphonieorchester könnte im Notfall auch alleine spielen, aber eine Oper funktioniert ohne Dirigent einfach nicht. Außerdem begegnet man in der Oper einer Vielzahl von Librettisten, Sprachen und Geschichten – das gefällt mir sehr.

Wie ist es für Sie, als Gast zum ersten Mal vor einem Ihnen unbekannten Klangkörper zu stehen?

Es ist für mich immer eine große Freude, neue Leute kennenzulernen. Und tatsächlich interessieren mich primär die Menschen in den Orchestern. Wenn Atmosphäre und Chemie stimmen, ist das ganz wunderbar. Dabei ist es wie im normalen Leben auch – manchmal muss man sich über längere Zeit aneinander gewöhnen, ein andermal ist es Liebe auf den ersten Blick – oder es funktioniert gar nicht. Das ist das Spannende an unserem Metier, und dasselbe gilt natürlich auch für Solistinnen und Solisten.

Foto: Christian Topf

 

Wie definieren Sie Ihre Rolle als Dirigentin?

Mein Wunsch ist es, dem Komponisten und dem Werk zu dienen und dem Orchester zu helfen, sein Bestes zu geben. Wenn ich schließlich gar nicht mehr dirigieren müsste, weil das Orchester so weit ist, dass es am Ende meine Hilfe gar nicht mehr braucht, würde mich das sehr freuen. Die besten Konzertmomente sind für mich die, die an die Proben erinnern. Wenn in einer Probe eine besondere Verbindung zwischen uns entstanden ist, etwa bei der Arbeit an Takt 20, und im Konzert sehe ich an dieser Stelle in den Augen der Orchestermitglieder, dass sie sich an diesen Moment erinnern, dann ist das ein wunderbares Beispiel für die Kommunikation, für das Geben und Nehmen, die für mich die Musik ausmachen.

In Ihren Programmen finden sich immer wieder interessante Entdeckungen, etwa die Sinfonietta von Korngold. Liegt Ihnen das Seltene und Unbekannte besonders am Herzen?

Auf jeden Fall! Ich bin sehr neugierig und habe große Freude daran, neben Brahms, Tschaikowsky oder Schumann, die ich sehr liebe und verehre, auch Musik, die kaum gespielt wird, mit dem Orchester und dem Publikum zu entdecken. Wenn ich dann zu Brahms zurückkehre, ist die Freude umso größer, weil ich ihn eben nicht zu oft dirigiere. Ich verbringe viel Zeit damit, neues Repertoire zu suchen, Unbekanntes anzuhören, mir Notizen zu Besetzungen und Programmen zu machen. Es ist allerdings nicht immer einfach, diese Ideen umzusetzen: Korngold beispielsweise ist leider nicht unbedingt ein Quotenbringer. Umso schöner ist es, wenn man bei der Programmgestaltung einmal freie Hand hat.

Lange Zeit gab es nun gar keine Aufführungen, die Covid-19-Pandemie hat nicht nur das Kulturleben weiterhin fest im Griff. Wie haben Sie die vergangenen Monate erlebt?

Ich bin im März selbst an Corona erkrankt, bei einer Opernproduktion in Strasbourg haben sich fast alle Beteiligten angesteckt. Mein Verlauf war nicht sehr dramatisch, aber selbst heute, fast sieben Monate später, leide ich noch an den Spätfolgen, schmecke und rieche sehr wenig. Man darf dieses Virus also keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen! Ich habe die Zeit genutzt, um fünf neue Opern zu lernen – von denen dann drei abgesagt wurden. Das einzige Plus war, dass ich ohne die üblichen Termine mehr Zeit für mich hatte, das hat mir sehr gut getan.

Sie begleiten am 6. Dezember beim DSO zunächst den Cellisten Kian Soltani bei Schumanns wunderbarem Cellokonzert und dirigieren danach tatsächlich eine Rarität, die f-Moll-Symphonie von Richard Strauss. Was hat Sie daran gereizt?

Diese Symphonie ist ein sehr, sehr schönes Stück Musik, vor allem wenn man bedenkt, dass Strauss erst 20 Jahre alt war, als er sie komponierte – das fasziniert mich. Sie ist noch sehr der Tradition verbunden, man hört viel Brahms darin, ein Beethoven-Zitat, ein wenig Volksmusik, vielleicht sogar etwas Dvořák. Man hört aber auch die Strauss’sche Musiksprache langsam erblühen, merkt, dass sich hier Türen öffnen. Ich fühle mich Strauss sehr verbunden, wage mich aber noch nicht an seine Hauptwerke heran, weil ich seine Musik systematisch von Anfang an kennenlernen möchte. Dafür scheint mir die f-Moll-Symphonie der richtige Weg zu sein. Und mit dem DSO, das eben auch diesen deutschen Klang beherrscht, kann das ein richtiges Klangerlebnis werden.

Das Gespräch führte MAXIMILIAN RAUSCHER.
Erschienen in den DSO-Nachrichten 11/12 2020.

 

Konzerte mit Marie Jacquot