Ein hohes Flirren und Ziehen, ein pulsierender Schwarm, sprühende Funken, funkelnde Tropfen, vibrierende Cluster – es sind betörende, soghafte Klänge, die Dai Fujikura dem Hörer seines Cellokonzerts eröffnet. Der vielfach preisgekrönte  Komponist – 1977 in Osaka geboren, in England ausgebildet – schrieb es, auf der Basis seines Stücks ›osm‹ für Solocello, zunächst für Kammerensemble. Am 10. Januar erlebt die Fassung für großes Orchester ihre Uraufführung beim DSO. Den  Solopart übernimmt Jan Vogler, einer der einflussreichsten und vielseitigsten Cellisten unserer Zeit. Mit den DSO-Nachrichten sprach er über das neue Werk.

Herr Vogler, wie würden Sie Dai Fujikuras Cellokonzert beschreiben?

Es lebt in seiner eigenen Welt, die vom gewohnten Celloklang weit entfernt ist. Das Cello spielt hohe Lagen und Flageoletts, viele schnelle Läufe, die wie Licht und Wasser klingen, und es verstellt sich geradezu, tönt wie eine farbenreiche Harmonika, Orgel oder Flöte. Zudem gibt es darin Einflüsse aus der traditionellen japanischen Musik, man hört sie in der Tonalität, in der Struktur, in dem meditativen Charakter. Zugleich ist das Konzert sehr virtuos und originell, ich finde es überaus faszinierend.

Wie kam es zu diesem Projekt?

Die Anregung kam vom Dirigenten Manfred Honeck. Ich arbeite sehr gerne mit ihm, und wenn er mir etwas vorschlägt, lasse ich mich gerne auf Abenteuer ein und probiere Neues aus – für unseren gemeinsamen Auftritt 2012 beim DSO etwa das Konzert von Arthur Honegger. Die ganz eigene Musiksprache Fujikuras, diese verzauberte Fantasiewelt mit ihrer besonderen Atmosphäre habe ich sehr zu schätzen gelernt. Ich freue mich auf das Konzert und bin gespannt und neugierig, wie das Stück mit großem Orchester klingen wird!

Haben Sie es mit Dai Fujikura einstudiert?

Nein, wir haben uns nur per E-Mail ausgetauscht. Ich habe bei vielen Uraufführungen der letzten Jahre die Erfahrung gemacht, dass es für mich der  beste Weg ist, mir meine eigene Meinung zu bilden, das Stück alleine einzustudieren und erst bei den Proben den Komponisten einzubeziehen. Dabei  gibt es ganz verschiedene Typen: Die einen sind glücklich und legen die  Interpretation völlig in die Hände des Solisten; dazu gehören etwa Wolfgang Rihm oder Tigran Mansurian. Und dann gibt es Komponisten, die sehr stark eingreifen. Das extremste Beispiel ist etwa György Kurtág, der jede Note genau so hören möchte, wie er sie sich vorgestellt hat. Da bin ich sehr offen, ich finde beides interessant. Im Moment brauche ich aber erst einmal Zeit, um meinen Weg zu finden und nicht zu früh meine eigene Fantasie aufzugeben. Das ist bei der neuen Musik das Wichtigste, denn es gibt ja keine bekannten Hörmuster. Uraufführungen sind, anders als die Klassiker, für das Publikum immer schwierig, und Dirigent und Solist müssen als »Tourguide« den Hörer durch das Stück führen. Von diesem sollte man also eine klare Vorstellung haben, bevor man sie in den Proben dem Komponisten vorstellt. Und wenn er es gar nicht gut findet, dann kann er es ja immer noch sagen. [lacht]

Fujikura beschreibt das Konzert tatsächlich als »story« und den Cellisten als »storyteller«, als Geschichtenerzähler. Ist das nicht auch generell die Rolle des Musikers?

Das ist sogar die einzige Rolle, mit der ich mich identifizieren kann. Alles andere ist überflüssig. Ich lebe nur für das Publikum, und ich möchte ihm die Musik nahebringen. Das Stück der Partitur entsprechend zu spielen, versteht sich von selbst. Ich bin in Ost-Berlin damit aufgewachsen, jede Note und jeden Akzent auf die Goldwaage zu legen, aber das allein ist in der heutigen Zeit keine Legitimation mehr für eine Aufführung. Auch nicht die Perfektion: Ich gehe in viele Konzerte, und sicher wünsche ich mir manchmal mehr Spannung oder Risiko bei einer Interpretation, aber an Perfektion mangelt es fast nie. Das Geschichtenerzählen, das Erleben der Musik im Moment, unter immer anderen Rahmenbedingungen, das ist die komplexe Aufgabe, die mich interessiert. Wie kann ich mit dem DSO und Manfred Honeck in zwei bis drei Tagen eine gemeinsame Interpretation finden? Darin spüre ich die große Herausforderung beim Cellospiel.

Sie pflegen ein sehr breites Repertoire, das von Alter Musik bis zu Uraufführungen reicht. Wie setzen Sie Ihre Schwerpunkte?

Ich brauche Abwechslung! Ich habe letzte Woche Dvořák gespielt, davor Doppelkonzerte von Rihm, Harbison und Brahms in Schottland aufgeführt, morgen kommt das Elgar-Konzert in Breslau, nächste Woche bin ich wieder mit dem Schauspieler Bill Murray und unserem gemeinsamen Literatur-Musikprogramm in den USA unterwegs. Wenn mich etwas interessiert, dann bin ich besser! Nächstes Jahr spiele ich etwa zum ersten Mal mit Thomas Zehetmair das Brahms-Doppelkonzert auf Darmseiten. Dabei fängt man an, Dinge zu überdenken; das brauche ich um mich weiterzuentwickeln. Der Trick ist allerdings, immer wieder zu den »Inseln«, also den Klassikern, zurückzukehren, um nicht zu ertrinken. Aber ich kann mir nicht vorstellen, mit zwei Cellokonzerten eine Saison zu bestreiten, dafür ist meine Aufmerksamkeitsspanne wohl nicht lang genug. [lacht]

Das Gespräch führte MAXIMILIAN RAUSCHER.
Erschienen in den DSO-Nachrichten 01/02 2018.