Foto: Johs Boe


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Mi 10. Mai 2017
20 Uhr Philharmonie Berlin
Vladimir Ashkenazy | Truls Mørk Violoncello
Mjaskowski, Schostakowitsch

Der norwegische Cellist Truls Mørk gehört zu den herausragenden Musikern unserer Zeit. 2005 war er mit einer begeistert aufgenommenen Interpretation des Dvořák-Konzerts erstmals beim DSO zu Gast; zuletzt interpretierte er zusammen mit der Geigerin Lisa Batiashvili im Juni 2012 das Doppelkonzert von Brahms. Am 10. Mai kehrt er mit einer Repertoire-Rarität zum Orchester zurück: dem Cellokonzert von Nikolai Mjaskowski.

Truls Mørk, Sie haben in den über dreißig Jahren ihrer internationalen Karriere eine beeindruckende, vielfach preisgekrönte Diskographie eingespielt. Hören Sie eigentlich manchmal eigene Aufnahmen von früher an?

Nein, ganz und gar nicht. Eine CD-Aufnahme ist ein sehr intensiver, aufreibender Prozess, und wenn das fertige Produkt vorliegt, kann ich nichts mehr daran ändern und möchte es am liebsten vergessen. [lacht]

Wie kamen Sie zu Ihrem Instrument?

Ich war als Kind schon sehr früh von Musik umgeben. Meine Mutter war Pianistin, mein Vater Cellist, er probte zuhause mit seinem Streichquartett. Mit sechs Jahren fing ich an, im Knabenchor zu singen, erhielt bald darauf Klavier-, dann Geigenunterricht. Mit dem Cello habe ich eigentlich erst recht spät angefangen, da war ich bereits elf Jahre alt.

War das für Ihre Entwicklung von Bedeutung?

Von Vorteil war tatsächlich, dass ich schon eine Klangvorstellung hatte und wusste, wie und warum ich Cello spielen wollte. Ich habe mit Werken von Brahms und Bach begonnen, was für den Anfang eigentlich viel zu schwierig war, aber ich liebte diese Stücke und machte schnell Fortschritte, weil ich ungeheuer motiviert war.

Das Berufsziel »Musiker« hatten Sie also schon bald vor Augen?

Es hat tatsächlich nicht lange gedauert, bis ich mich dem Cellospiel wirklich verschrieben habe, und ich merkte schnell, dass ich gut darin war. Ein weiterer Vorteil des späten Einstiegs war auch, dass ich meine Spieltechnik von Anfang an so entwickeln konnte, dass sie meinem Klangideal entsprach. Für mich war es also gut, nicht zu früh mit dem Instrument anzufangen, der Normalfall ist das allerdings nicht.

»Das Cello ist für mich mit seinem Register, das der menschlichen Stimme gleicht, in erster Linie ein sehr ausdrucksstarkes Instrument, weniger ein virtuoses.«  Truls Mørk

Wie ist das bei Ihren eigenen Studenten?

Die sind meist schon sehr weit fortgeschritten. Mit 20 Jahren ist man in instrumentaltechnischer Hinsicht schon sehr gefestigt. Das macht sich meiner Erfahrung nach dann negativ bemerkbar, wenn diese erlernte Technik der vollen Entfaltung klanglicher Potenziale im Wege steht. Das zu ändern, ist eine große Herausforderung.

Was macht für Sie das Cellospiel vor allem aus?

Das Cello ist für mich mit seinem Register, das der menschlichen Stimme gleicht, in erster Linie ein sehr ausdrucksstarkes Instrument, weniger ein virtuoses. Auch wenn man natürlich viel Technik braucht, um mit diesem schwierigen Instrument zurechtzukommen. Man muss es in- und auswendig kennen – die exakten Ansatzpunkte für den Bogen, den Druck, die Geschwindigkeit der Bogenführung –, allerdings ist das nur die Grundlage für Klangfarben, musikalische Gestaltgebung und Ausdruck. Das macht das Cellospiel für mich so interessant.

Das trifft auch auf das lyrische Cellokonzert von Nikolai Mjaskowski zu, mit dem Sie am 10. Mai beim DSO zu erleben sind. Die Gesanglichkeit spielt dort eine viel größere Rolle als die reine Virtuosität.

Das stimmt, es ist ein großartiges, enorm expressives Stück mit einer melancholischen, sehr russischen Grundstimmung. Eine wunderschöne Melodie folgt auf die andere – dort Kontraste herauszuarbeiten, ist wahrscheinlich die größte Herausforderung. Das Konzert entstand 1944, kam mit seinem ernsthaften, nostalgischen Klangideal aber wohl mindestens 30 Jahre zu spät, anderenfalls würde es vielleicht öfter gespielt. Mjaskowski verband seit der gemeinsamen Studienzeit eine lebenslange Freundschaft mit Prokofjew, der mit ihm alle seine Partituren diskutierte, aber als Komponisten waren sie grundverschieden.


»Das Mjaskowski-Konzert ist ein großartiges, enorm expressives Stück mit einer melancholischen, sehr russischen Grundstimmung. [...] Es verdient einen prominenteren Platz im Repertoire!«  Truls Mørk

Warum haben Sie dieses Stück gewählt?

Im Konzertkanon stehen oft die innovativen Werke im Mittelpunkt, die der Musik eine neue Richtung gewiesen haben und dem jeweiligen Zeitgeist entsprachen. Werke wie das Mjaskowski-Konzert geraten dabei leicht aus dem Blickfeld – es ist zwar exzellent komponiert und von individuellem Ausdruck, aber eben nicht musikhistorisch einzigartig. Da das Cellorepertoire insgesamt eher übersichtlich ist, finde ich es wichtig und lohnend, zu Unrecht vernachlässigte Stücke wie dieses zu finden und zu präsentieren. Es ist immerhin wunderbare Musik und verdient einen prominenteren Platz im Repertoire!

Was macht dieses Repertoire aus?

Es gibt tatsächlich vielleicht 10 bis 15 Stücke, die ich im Laufe der Zeit immer wieder gespielt habe und besonders schätze, etwa das unglaubliche Dvořák-Konzert – es ist eigentlich das einzige, große romantische Konzert, was fast ein wenig schade ist, weil den meisten Menschen das Cello ja als das romantische Instrument schlechthin gilt. Vielleicht haben die Komponisten des 19. Jahrhunderts das Cello einfach nicht ernst genug genommen.

Woran liegt das?

Instrumente wie Trompete oder Violine heben sich durch ihr höheres Register besser vom Orchester ab, während sich das Cello gut, manchmal auch zu gut mit dessen Klang vermischt. Oft wird auch seine Kraft und Lautstärke überschätzt. Das stellt auch zeitgenössische Komponisten vor eine Herausforderung, sie nutzen es aber manchmal auch ganz bewusst.

Sie selbst haben zahlreiche Werke zur Uraufführungen gebracht …

Ja, denn als Künstler sehe ich mich als Werkzeug des Komponisten. Mein persönliches Urteil über neue Musik, die ich aufführe, ist mir dabei mitunter weniger wichtig als die Tatsache, das Repertoire für mein Instrument zu erweitern.

Das Konzert im Mai dirigiert Vladimir Ashkenazy, der ehemalige Chefdirigent des DSO S. 10. Haben Sie schon einmal zusammengearbeitet?

Ja, allerdings ist das fast 30 Jahre her [lacht] – das erste Mal 1985 beim Royal Philharmonic Orchestra in London, bei einem meiner ersten wichtigen Engagements, und dann noch einmal drei Jahre später. Er hat damals einen enormen Eindruck auf mich gemacht, deswegen freue ich mich sehr, endlich wieder einmal gemeinsam mit ihm aufzutreten.

Das Gespräch führte MAXIMILIAN RAUSCHER.


 

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