Foto: Lisa Marie Mazzucco

Der US-amerikanische Pianist Emanuel Ax gewann 1974 mit 25 Jahren den ersten Arthur-Rubinstein-Klavierwettbewerb in Tel Aviv und erhielt 1979 den begehrten Avery Fisher Prize in New York. Seither ist er ein gefragter Gast der großen Symphonieorchester, mehrfacher Grammy-Gewinner und Kammermusikpartner von Musikern wie Itzhak Perlman und Yo-Yo Ma. 2013 war er zuletzt beim DSO zu Gast, im Dezember 2015 kehrt er mit gleich zwei Programmen zum Orchester zurück.

Emanuel Ax, Sie wurden als Sohn polnischer Eltern in der Ukraine geboren und verbrachten Ihre ersten Jahre in Warschau und Kanada. Im Alter von zwölf Jahren kamen Sie schließlich nach New York, wo Sie auch heute noch zu Hause sind. Wie haben Sie als Jugendlicher das Musikleben der Stadt wahrgenommen?

Es war großartig. Als ich in den 1960er-Jahren in New York aufwuchs, war ich manchmal bis zu vier Mal in der Woche in der Carnegie Hall und konnte mir alle großen Pianisten der Welt anhören, und das mehrfach. Ich habe nicht nur an der Juilliard School, sondern auch in diesem Konzertsaal die beste Ausbildung genossen, die man haben konnte.

Hat das Ihre Entscheidung, Pianist zu werden, beeinflusst?

Natürlich träumte ich damals davon, mit großartigen Dirigenten und wunderbaren Orchestern zu arbeiten, und für mich ist der Traum dann ja auch in Erfüllung gegangen. Ich war allerdings kein Wunderkind, sondern ein ganz normaler Junge, der Musik mochte – und zwar so sehr, dass er dabei geblieben ist …

Welche Pianisten, die Sie damals in der Carnegie Hall hörten, wurden Ihnen zum Vorbild?

Viele! Wenn man jung ist, möchte man wie seine Vorbilder klingen. Also habe ich jeden Tag beim Üben versucht, den Pianisten zu imitieren, den ich am Vorabend gehört hatte. Ich wollte wie Horowitz, Rubinstein, Richter, Gilels oder der junge Ashkenazy klingen – aber selbst wenn man noch so talentiert ist, ist das natürlich unmöglich. Man kann nicht wie jemand anderes klingen!

»Ich habe nicht nur an der Juilliard School, sondern auch in der Carnegie Hall die beste Ausbildung genossen, die man haben konnte.« Emanuel Ax

Aber vielleicht findet man dadurch seinen eigenen Klang?

Ja, man lernt dabei unglaublich viel, und aus all den Erfahrungen, die sich in Hirn und Herz ansammeln, entsteht dann hoffentlich das ganz eigene Paket. Der Musikerberuf fußt in der Tradition, und wenn wir den großen Künstlern der Vergangenheit zuhören, beeinflusst das natürlich unsere eigenen Klangvorstellungen.

Heute ist das umgekehrt: Sie lehren seit vielen Jahren selbst an der Juilliard. Gehört das Unterrichten für Sie zum Künstlersein?

Ich bin der Meinung, das ist eines der wichtigsten Dinge, die ich mit meinem Leben anstellen kann. Dabei muss es gar kein formeller Unterricht sein. Ich habe natürlich Studenten an der Hochschule, mit denen ich regelmäßig arbeite; aber auch auf meinen Reisen treffe ich sehr viele junge Pianisten, die mir ein wenig vorspielen und mit denen ich über Musik diskutiere. Ich würde das gar nicht »unterrichten« nennen, es ist vielmehr ein Austausch mit der nächsten Generation, der mir sehr wichtig ist. Manchmal profitiere ich davon mehr als sie ...

Foto: Lisa Marie Mazzucco

Wie hat sich denn dieser Nachwuchs aus Ihrer Sicht verändert?

Natürlich gibt es historische Monolithe – niemand spielt »besser« als Horowitz, Michelangeli oder Rubinstein –, aber das pianistische Niveau ist heute so hoch wie noch nie zuvor. Und niemand, das muss ich leider sagen, spielt mehr falsche Noten. Das verblüfft und begeistert mich immer aufs Neue. Für einen alten Mann wie mich ist das sehr beängstigend, ich verspiele mich ja immer mal wieder [lacht].

Neben Ihren solistischen Konzertreisen sind Sie ebenfalls oft als Kammermusiker unterwegs, im September u.a. mit dem Geiger Itzhak Perlman ...

Ja, wir feiern damit seinen 70. Geburtstag. Außerdem spiele ich viel mit meinem alten Freund und Cellisten Yo-Yo Ma, mit dem ich seit 45 Jahren musiziere. Wir sind fast wie ein altes Ehepaar, und durch die Kammermusik bleiben wir zusammen [lacht]. Vor allem aber sind Pianisten immer Kammermusiker! Selbst bei einem Solo-Klavierabend spielen wir ja mehr als eine Stimme, und mit anderen Musikern kommen einfach weitere Stimmen dazu; man lernt soviel über Kommunikation dabei. Auch das Spiel mit einem Orchester ist für mich wie Kammermusik, als stünde ich mit 75 Freunden auf der Bühne.

Welches Repertoire spielen Sie dabei am liebsten?

Ich liebe natürlich die Musik von Chopin, das ist wohl bei fast allen Pianisten so, aber sonst fühle ich mich am meisten in der deutsch-österreichischen Musik zu Hause – Mozart, Beethoven, vor allem Brahms, Schumann, Schubert, auch Schönberg –, mehr als bei den französischen und russischen Komponisten. Ich liebe die fantastischen Konzerte von Rachmaninoff und Prokofjew, aber ich muss sie nicht selbst spielen. Und natürlich habe ich auch Werke von Zeitgenossen uraufgeführt, von John Adams, Bright Sheng oder Melinda Wagner. Allerdings bin ich ein »slow learner«, ich brauche immer recht lange, um etwas neu einzustudieren – aber ich gebe mein Bestes ... [lacht]

»Bei Brahms berührt mich die Kombination von Innigkeit und Größe, von enormer Kraft und
Traurigkeit.«
Emanuel Ax

Was möchten Sie gerne noch neu entdecken?

Oh, so vieles … Für einiges bin ich aber vermutlich zu alt. So habe ich etwa, als ich jung war, die ›Hammerklaviersonate‹ nie gelernt, dafür ist es jetzt wohl leider zu spät. Die ›Diabelli-Variationen‹, mein Lieblingsstück von Beethoven, werde ich mir für nächstes Jahr wieder einmal vornehmen. Außerdem gibt es so viele tolle Sachen, die kaum gespielt werden, Klaviermusik von Carl Nielsen, oder die Sonaten von Nikolai Medtner.

Im Dezember sind Sie beim DSO an gleich zwei Abenden zu erleben, mit zwei Zweiten Klavierkonzerten in B-Dur, von Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms. Gerade das Brahms-Konzert liegt Ihnen besonders am Herzen. Welchen Grund hat das?

Müsste ich einen wählen, wäre Brahms wohl mein Lieblingskomponist. Mit 13 oder 14 Jahren bekam ich eine Aufnahme seines Zweiten Klavierkonzerts mit Rubinstein geschenkt; die habe ich so oft gehört, dass sie buchstäblich verschliss und ich ein weiteres Exemplar kaufen musste. Ich liebe dieses Stück bis heute!

Woran liegt das?

Es ist ein Meisterwerk, das wissen wir ja alle. Vor allem aber berührt mich die Kombination von Innigkeit und Größe, von enormer Kraft und Traurigkeit. Das findet sich oft bei Brahms; ich habe seine komplette Kammermusik und die meisten Solowerke gespielt – nicht die erste Solosonate und die Paganini-Variationen, die sind mir zu schwer [lacht]. Außerdem war Brahms einer der intelligentesten, ernsthaftesten und logischsten Komponisten der Musikgeschichte.

In Berlin haben Sie diesmal zwei konzertfreie Tage. Was haben Sie vor?

Berlin ist eine der aufregendsten Städte der Welt, und es gibt so viel großartige Musik dort. Ich habe in einigen der Orchester Freunde, also treffe ich viele Musiker. Zudem gehe ich an freien Abenden gerne selbst ins Konzert oder in die Oper, und darauf freue ich mich ebenfalls schon sehr.

Emanuel Ax, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte MAXIMILIAN RAUSCHER.


 

15
Di 15. Dezember 2015
20 Uhr Philharmonie Berlin
Tugan Sokhiev | Emanuel Ax Klavier
Brahms, Schostakowitsch
18
Fr 18. Dezember 2015
20 Uhr Philharmonie Berlin
Tugan Sokhiev | Emanuel Ax Klavier
Beethoven, Elgar
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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