Foto: Marco Borggreve


Die norwegische Violinistin Vilde Frang wird für ihre Virtuosität, Musikalität und Ausdruckskraft weltweit geschätzt. Nicht nur als Gast großer Orchester, sondern auch als Kammermusikpartnerin von Künstlern wie Gidon Kremer, Sol Gabetta, Yuri Bashmet oder Martha Argerich ist die dreifache ECHO-Preisträgerin regelmäßig zu erleben. Am 28. Februar gibt sie unter der Leitung des designierten Chefdirigenten Robin Ticciati ihr Debüt beim DSO mit Erich Wolfgang Korngolds Violinkonzert.

Vilde Frang, fast wären Sie ja Bassistin geworden. Warum wurde es dann doch die Geige?

VILDE FRANG Als Kind hätte ich tatsächlich gerne Kontrabass gelernt. Wann immer ich meinen Vater und meine Schwester im Orchester spielen hörte, habe ich die Geigen gar nicht beachtet, sondern hatte nur Augen für sie. Mein Vater meinte aber, schon aus Platzgründen seien zwei Bassisten in der Familie genug. So hat er mir zunächst eine kleine Violine gebastelt, aus der allerdings kein Ton herauszubekommen war. Ich habe sie gehasst! Als ich dann mit vier Jahren endlich ein »lebendiges« Instrument bekam, war das ein magischer Moment. Von da an habe ich nie wieder zurückgeblickt ...

Das Geigenspiel haben Sie zunächst nach der Suzuki-Methode erlernt, die anfangs ohne Noten arbeitet und viel Wert auf Hören und Nachspielen legt. Hat das Ihre Art, mit Musik umzugehen, beeinflusst?

V.F. Das würde ich nicht sagen. Für kleine Kinder ist die Methode zwar gut, weil sie das spielerische Element betont, aber zu lange sollte man meiner Meinung nach nicht mit ihr arbeiten. Glücklicherweise habe ich sehr schnell Fortschritte gemacht ...

»Cecilia Bartoli hat mich durch ihre Musikalität und ihre Stimme schon als Kind inspiriert; ich habe damals versucht, auf der Geige so zu klingen wie sie.«  Vilde Frang

Mit zwölf Jahren debütierten Sie als Solistin mit dem Oslo Philharmonic Orchestra unter Mariss Jansons. Der Weg vom Wunderkind zur ernstzunehmenden Künstlerin kann durchaus gefährlich sein. Wie haben Sie ihn bewältigt?

V.F. Ich hatte eine wunderbare, sehr behütete, fast magische Kindheit. Schon früh habe ich sehr viel gelesen, meine Eltern nahmen mich in die Oper und in Konzerte mit, und es gab diese großartige Natur mit den Bergen, Wäldern und Fjorden. Da wollte ich lange gar nicht weg. Ich hatte das große Glück, dass es in Oslo das Barratt-Due-Musikinstitut gibt, das die begabtesten Talente aus Skandinavien anzieht. Dort habe ich nicht nur Geigenunterricht erhalten, sondern auch zehn Jahre im Orchester gespielt und Kammermusik gemacht. Es war ein sozialer, ein geschützter Raum, wo man sich in Ruhe der Musik widmen konnte – wie ein zweites Zuhause. Damals hat meine musikalische Persönlichkeit Formen angenommen, und so liegen meine künstlerischen Wurzeln dort in Norwegen. Mit elf durfte ich Anne-Sophie Mutter vorspielen, die mich ein paar Jahre später in ihre Stiftung aufnahm. Sie ermutigte mich, hart an mir zu arbeiten, ernsthaft meinen Weg zu verfolgen und schließlich auch zum Studium nach Deutschland zu gehen. Sie war eine wichtige Mentorin für mich.

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Hier haben Sie bei Kolja Blacher und Ana Chumachenco studiert. Wie hat Sie das geprägt?

V. F. Die beiden sind als Pädagogen vollkommen gegensätzlich, wie Norden und Süden. Kolja Blacher war streng und direkt, manchmal sogar brutal in seinem Urteil, aber das hat mir trotzdem gutgetan, wie eine kalte Dusche. Ana Chumachenco [zu ihren Schülerinnen zählen u. a. Julia Fischer, Arabella Steinbacher oder Lisa Batiashvili — Anm. der Red.] ist dagegen wie eine Hillary Clinton der Geigenwelt, eine Ikone als Lehrerin, voller positiver Kraft. Bei ihr fühlt man sich jederzeit wohl und bestärkt. Sie hat sich viel Zeit genommen, hat auch immer angerufen, wenn Sie mich im Radio hörte. Das alles ist nicht selbstverständlich.

Gab es noch andere Vorbilder?

V. F. Cecilia Bartoli hat mich durch ihre Musikalität und ihre Stimme schon als Kind inspiriert; ich habe versucht, auf der Geige so zu klingen wie sie. Ich fand es beeindruckend, wie sie auf der Bühne in der Musik aufging – das geht mir noch heute so. Außerdem habe ich mich oft mit Mitsuko Ushida in London getroffen, mit ihr musiziert, Musik gehört, Bücher durchgearbeitet. Das war ein richtiger »Vitaminschub«, für den ich ihr sehr dankbar bin.

Inzwischen unterrichten Sie selbst an der Norwegischen Musikhochschule in Oslo.

V. F. Ja, und das genieße ich sehr. Beim Unterrichten lerne ich selbst so viel, besonders bei Kammermusik. Gerade wenn man etwas erklären muss, eröffnen sich immer neue Fragen, auf die man alleine vorher nie gekommen wäre, das ist unglaublich anregend.

Ihr Repertoire reicht von Bach bis Britten. Wie gehen Sie an neue Werke heran, wie finden Sie Ihre eigene Interpretation?

V. F. Das hängt ganz davon ab, auf welche Weise ein Stück für mich neu ist. Wenn ich es noch nie gehört habe, beschäftige ich mich intensiv mit dem Notentext, lese viel über seine Entstehung. Bei Stücken, die ich mein Leben lang kenne, aber noch nie gespielt habe, ist das etwas anders, denn unterbewusst habe ich schon eine Meinung dazu, fast wie eine Stimme, die mir die Musik im Kopf singt ... Aber je mehr Fakten man kennt, je ausgiebiger man ein Werk studiert, desto mehr Freiheiten gibt einem das auch bei der Interpretation.

»Korngolds Musik reißt einen einfach mit. Man kann sie nicht kontrollieren, man muss sich ihr hingeben.«  V. Frang

Am 28. Februar werden Sie das Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold spielen. Was schätzen Sie an diesem Werk?

V. F. Es ist ein wahrhaftig romantisches Violinkonzert, das die Musikwelt lange vernachlässigt hat. Es beginnt wie mit einer Umarmung, ist leicht und warm, eines der positivsten, optimistischsten Konzerte, die ich kenne. Dabei spielen für mich die Hollywood-Ankläge gar keine so große Rolle. Es sind die unglaubliche Ausdruckskraft und Gesanglichkeit, die mich daran faszinieren.

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Korngold schrieb zur Uraufführung 1947, er habe dabei eher an Caruso als an Paganini gedacht ...

V. F. Eben, das hört man aus jeder Note. Es sieht zwar einfach aus, aber es singt und fliegt!

Kann man dabei auch zu weit gehen?

V. F. Nein! Diese Musik reißt einen einfach mit, sie ist wie ein Vogel, der immer höher steigt und keine Grenzen kennt. Man kann sie nicht kontrollieren, man muss sich ihr hingeben.

Das Konzert wird Robin Ticciati leiten, der zukünftige Chefdirigent des DSO. Haben Sie schon einmal zusammengearbeitet?

V. F. Ja, 2006 beim Gävle Symfoniorkester in Schweden, damals waren wir beide noch sehr jung. Er ist einer der liebenswürdigsten Musiker, mit denen ich je gespielt habe, und er hat unglaublich viel zu sagen. Ich freue mich sehr auf unser Wiedersehen.

Vilde Frang, haben Sie vielen Dank.

Das gespräch führte Maximilian Rauscher.


 

28
So 28. Februar 2016
20 Uhr Philharmonie Berlin
Ludovic Morlot | Vilde Frang Violine
Widmann, Korngold, Ravel, Debussy
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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