Pjotr Tschaikowsky
Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll
Sergei Prokofjew
Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll

JAMES GAFFIGAN
Kirill Gerstein Klavier
Deutsches Symphonie-
Orchester Berlin


Erschienen am 13.03.2015
bei Myrios Classics
Koproduktion: Deutschlandradio Kultur

Der Pianist Kirill Gerstein, in Russland geboren und in den USA aufgewachsen, ist zunehmend auf den internationalen Bühnen präsent — als Gastsolist renommierter Orchester in Europa und den USA, aber auch als Kammermusikpartner an der Seite von Sir András Schiff, Tabea Zimmermann, Steven Isserlis oder Kolja Blacher. Seit 2007 lehrt er als Professor an der Stuttgarter Musikhochschule, seit 2014 zudem am Berklee College of Music und am Boston Conservatory.

Beim DSO gab er im März 2015 gleich ein doppeltes Debüt: Am 01.03. mit seinem Konzert-Einstand in der Philharmonie, am 13.03. mit der CD-Veröffentlichung der Weltersteinspielung des Ersten Tschaikowsky-Klavierkonzerts in der Originalfassung des Komponisten.

Herr Gerstein, Sie sind mit 14 Jahren von Russland nach Boston gezogen, um am Berklee College Jazzklavier zu studieren. Mit 16 haben Sie sich endgültig für die klassische Musik entschieden. Welche Erfahrungen haben Sie aus dem Jazz mitgenommen? Ist es ein anderer Blick auf das Verhältnis von Freiheit und Struktur in der Musik?

KIRILL GERSTEIN Ja, obwohl ich es für ein Vorurteil halte, es gäbe in der klassischen Musik keine Freiheit und im Jazz entstünde alles aus der Luft. Eigentlich gibt es auch im Jazz gesprochene und unausgesprochene Regeln der Kunst, und andererseits bietet die klassische Musik ebenfalls viel Flexibilität und eine große Bandbreite des Ausdrucks. Man könnte sagen, Jazz ist wie Stand-up-Comedy; der Comedien kommt ja auch nicht völlig unvorbereitet auf die Bühne, er hat einen roten Faden und Ideen, erzählt diese jeden Abend aber etwas anders. Als klassischer Musiker ist man eher wie ein Schauspieler, der einen bestehenden Text mit Leben füllt. Niemand würde behaupten, bei Shakespeare gäbe es keine Freiheit – da bieten sich tausende Variationsmöglichkeiten. Bei Beethoven oder Mozart ist das genauso.

Sie haben 2010 den mit 300.000 $ dotierten Gilmore Artist Award gewonnen und das Preisgeld in Kompositionsaufträge investiert …

K.G. Ich fand, es sei wichtig, neuen Werken auf die Welt zu helfen und damit zu zeigen, dass wir als Musiker nicht in einem Museum sitzen. Ich konnte, neben anderen Komponisten, dafür auch zwei Jazz-Musiker gewinnen: Der eine ist Chick Corea, der zum ersten Mal etwas für einen anderen Pianisten komponiert hat – das empfinde ich als große Ehre, denn er gehört zu den Helden meiner Jugend –, der andere ist Brad Mehldau, der sich ja auch in der Klassik enorm gut auskennt, das hört man seiner Musik sehr an.

»Ich betrachte ein Konzert ja nicht als Benefizveranstaltung zur Rettung bedürftiger oder hässlicher moderner Stücke.«  Kirill Gerstein

Zeitgenössische Musik liegt Ihnen also am Herzen?

K.G. Aber natürlich! Das sollte nicht nur für uns Musiker, sondern auch für das Publikum ganz normal sein. Ich betrachte ein Konzert ja nicht als Benefizveranstaltung zur Rettung bedürftiger oder hässlicher moderner Stücke, und deswegen halte ich es für wichtig, das auch entsprechend zu präsentieren: Werke so zu kombinieren, dass sie gut zusammen klingen, egal, aus welcher Zeit sie stammen.

Sie kombinieren auch als Orchestersolist gerne zwei Klavierwerke – im März verknüpfen Sie beim DSO die Burleske des 21-jährigen Richard Strauss und den ›Totentanz‹ von Franz Liszt. Warum?

K.G. Ich liebe es einfach, zu spielen – auch wenn zwei kürzere Klavierwerke manchmal aufwendiger vorzubereiten sind als ein langes. Aus der Kombination ergeben sich oft interessante Parallelen oder Kontraste – das ist wie in einer Kunstausstellung. Der junge Strauss war stark von Liszt beeinflusst – vom Tondichter und vom Pianisten. Der Klavierstil der Burleske ist sehr »lisztisch«, und viele der harmonischen Wendungen und Ideen sind geradezu von ihm gestohlen. Der ›Totentanz‹ ist ein visionäres Stück, das weit in die Zukunft blickt und großen Einfluss auf nachfolgende Komponisten hatte. Beide haben viel gemeinsam, die Tonart d-Moll, eine etwas makabre Stimmung ... Es ist ihr wechselhafter Charakter, zwischen kraftvoll und zart, laut und leise, der sie so attraktiv macht – und so schwierig. Zudem gibt es auch historische Verbindungen: Strauss war damals Assistent von Hans von Bülow in Meiningen, der den ›Totentanz‹ uraufgeführt hatte. Es ist deswegen lustig, dass Bülow die Burleske monströs und unspielbar fand. Sie ist allerdings wirklich recht heikel ...


»Die Originalfassung von Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert ist nicht mehr das russische »Schlachtross«, sondern ausbalancierter, weniger effektheischend und geht weniger Kompromisse ein.«  Kirill Gerstein

Sie haben unlängst gemeinsam mit dem DSO und James Gaffi gan eine CD aufgenommen, die am 13. März erscheint. Darauf ist zum ersten Mal eine Aufnahme des Ersten Tschaikowsky-Klavierkonzerts in der Originalfassung des Komponisten zu hören. Woran liegt es, dass seit über einem Jahrhundert das Konzert in einer Bearbeitung gespielt wird, die Tschaikowsky nie autorisiert hat?

K.G. Die Sache ist sehr interessant. Es gibt drei Versionen des Konzerts: Eine erste von 1875, die ebenfalls Hans von Bülow uraufgeführt hat. Daraufhin optimierte Tschaikowsky ein paar kleine Details in der Klavierstimme, damit sie besser spielbar ist – das ist die zweite Fassung von 1879, die er bis zu seinem letzten Konzert 1893 immer dirigiert hat. Diese haben wir jetzt aufgenommen. 1894, nach seinem Tod, entstand die dritte Fassung, die wir heute noch als »das« Tschaikowsky-Konzert kennen. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: Zum einen hat der Verlag das nie richtig kommuniziert. Zum anderen ist auch der Geist der damaligen Zeit für den freimütigen Umgang mit Bearbeitungen und dem geringen Respekt vor dem Willen des Komponisten verantwortlich. Die Änderungen der dritten Fassung stammen relativ wahrscheinlich von dem Pianisten Alexander Siloti. Es gibt aber keine Hinweise, dass sie von Tschaikowsky autorisiert waren.

Foto: Sasha Gusov

Was unterscheidet die Fassungen?

K.G. Die dritte Fassung, die wir kennen, macht das Konzert sportiver, brillanter und oberflächlicher, obwohl Tschaikowsky es eigentlich als sein »lyrisches Konzert« beschrieben hat. Das Lyrische, das es näher an Schumann rückt, ging durch die Änderungen ziemlich verloren. Die berühmten Akkordsprünge des Anfangs sind eigentlich arpeggiert zu spielen. Im dritten Satz der dritten Fassung gibt es eine Kürzung, die meiner Meinung nach dessen ganze Struktur destabilisiert und dessen Sinn entstellt. Die Originalfassung ist nicht mehr das russische »Schlachtross«, sondern ausbalancierter, weniger effektheischend und geht weniger Kompromisse ein. Das Klavier steht viel mehr im Dienst der Musik.

Wie kam es zu diesen Erkenntnissen?

K.G. Alle Informationen stammen aus einer kritischen Urtextedition, die im Rahmen einer neuen Tschaikowsky-Gesamtausgabe 2015 veröffentlicht wird. Ich hatte eigentlich wegen einer Detailfrage Kontakt zum Tschaikowsky-Museum im russischen Klin aufgenommen, doch dann führte eins zum anderen, und plötzlich hielt ich das Notenmaterial in Händen. Ich freue mich sehr, dass wir das DSO als Orchesterpartner für die allererste Aufnahme gewinnen konnten.

Was, glauben Sie, geschieht nun mit der bisher gespielten dritten Fassung im Konzertleben?

K.G. Aus musikalischen und wissenschaftlichen Gründen sollte man tatsächlich die zweite Version spielen, denn die andere ist eben nicht wirklich von Tschaikowsky, sondern ein Arrangement. Nach unserer Aufnahme kann man das zumindest nicht mehr ignorieren. Und ich hoffe, dass wir damit einen Trend setzen. Es gibt bereits großes Interesse von Orchestern und Dirigenten weltweit.

Das Gespräch führte MAXIMILIAN RAUSCHER.



01
So 01. März 2015
20 Uhr Philharmonie Berlin
Jakub HrŮŠa | Kirill Gerstein Klavier
Kodály, Strauss, Liszt, Janáček
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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