Ingo Metzmacher, von 2007 bis 2010 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des DSO, kehrt Anfang Februar erneut ans Pult seines einstigen Orchesters zurück. Die programmatische Arbeit seiner Berliner Jahre zeichnete sich durch kreativ konzeptionelles Denken aus; sein künstlerisches Credo verbindet er bis heute mit dem Sinn für gesellschaftliche Vermittlung. Auch Kulturinstitutionen müssen auf den Wandel der Lebens- und Kommunikationsverhältnisse antworten. Von Berufsorchestern werden überzeugende, einladende Programme und Präsentationsformen erwartet, die den Interessen verschiedener Generationen Rechnung tragen. Beiden Herausforderungen stellt sich Ingo Metzmacher. In jeder Saison setzte er inhaltliche Schwerpunkte, die sich als Rückgrat des vielgestaltigen Konzertangebots durch die gesamte Spielzeit zogen. Mit den Casual Concerts, in denen er Werke erst erläuterte, dann gemeinsam mit dem Orchester als Ganzes aufführte, schuf er eine neue Kommunikationsform zwischen Künstlern und Publikum.

Ingo Metzmachers Konzert am 8. Februar gibt ein Beispiel seiner gestalterischen Handschrift; es vereint Werke von Komponisten, die der polnischen Musik im 20. Jahrhundert Profil und Ausstrahlung verliehen: Karol Szymanowski und Witold Lutosławski. Am Tag nach dem Symphoniekonzert leitet Ingo Metzmacher auch selbst wieder ein Casual Concert. Er sprach mit Habakuk Traber für die DSO-Nachrichten:


Lieber Herr Metzmacher, wie kamen Sie auf die Idee Ihres Szymanowski-Lutosławski-Programms?

Ingo Metzmacher: Die Ursprünge liegen einige Jahre zurück. In meiner Hamburger Zeit [Metzmacher war von 1997 bis 2005 GMD der Staatsoper und der Philharmoniker] habe ich einmal Szymanowskis ›Stabat mater‹ dirigiert. Von der Reaktion des Publikums war ich völlig überwältigt: gespannte Konzentration während der Aufführung, ein langer Moment der Stille nach dem Verklingen und dann starker Applaus. Ich hatte mit einer derart intensiven Wirkung nicht gerechnet. Damals fasste ich den Entschluss: Das Werk musst Du noch einmal dirigieren. Wir stellten dem ›Stabat mater‹ seinerzeit Schuberts As-Dur-Messe voran – ein enormer Kontrast. Für mich waren aber auch andere Kombinationen denkbar. Nun, nach gut zehn Jahren ist es so weit. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit dem DSO und mit dem Rundfunkchor Berlin, und ich bin ein wenig stolz darauf, dass wir mit Aleksandra Kurzak, Ewa Wolak und Tomasz Konieczny für alle drei Solopartien polnische Künstler gewinnen konnten.

Lassen Sie das Werk auch in polnischer Sprache singen?

I.M. Ja, selbstverständlich. Der Text des ›Stabat mater‹ ist zwar eine lateinische Versdichtung aus dem 13. Jahrhundert, Szymanowski verwendete für seine Komposition jedoch eine polnische Übersetzung, die das Versmaß des Originals beibehält. Die lateinische Fassung erscheint in der Partitur und im Klavierauszug unter dem polnischen Text, aber nur als zweite Wahl. Zum authentischen Klang des Werkes gehört die polnische Sprache.

Mit dem ›Stabat mater‹ beschließen Sie Ihr Programm. Sie eröffnen es mit einem anderen Werk von Szymanowski, der relativ früh komponierten Konzertouvertüre …

I.M. … einem sehr schwungvollen Werk. Es steht noch stark unter dem Einfluss von Richard Strauss, den sich Szymanowski in jungen Jahren zum Vorbild nahm. In ihm begegnet man den Anfängen von Szymanowskis künstlerischem Weg; das ›Stabat mater‹ schrieb er rund zwanzig Jahre später, es gehört zu seinen reifen Werken. In der Unterschiedlichkeit erfährt man, denke ich, als Musiker wie als Hörer etwas von der Weite der Entwicklung, die Szymanowski durchlaufen hat.

»Zum authentischen Klang des ›Stabat mater‹ von Karol Szymanowski gehört die polnische Sprache.«  Ingo Metzmacher

Sie stellen Szymanowskis ›Stabat mater‹ Werke eines anderen, jüngeren polnischen Komponisten, Witold Lutosławski, gegenüber. Was bewog Sie zu dieser Entscheidung?

I.M. Mehrere Gründe. Deutschland und Polen sind sich seit der europäischen Wende um 1990, insbesondere seit der gemeinsamen Mitgliedschaft in der EU noch näher gerückt. Es ist auch durch manche Kontroversen gelungen, politische Hypotheken zu benennen und abzubauen. Solche Prozesse m müssen meiner Meinung nach kulturell untermauert werden, wenn sie dauerhaft wirken sollen. Das ist eine Aufgabe, an der man nicht nur über Jahre, sondern über Jahrzehnte arbeiten muss; gegenwärtig bieten sich uns noch unendlich viele Möglichkeiten, die lange nicht erschöpft sein werden. Für uns Musiker ist dies vor allem eine Frage des Repertoires, das wir aufführen, und seiner Vermittlung. Ich kann mir aber auch einen viel lebhafteren Austausch etwa in Form von Gastspielen und Kooperationen vorstellen, als dies derzeit praktiziert wird. Aus diesen politischen und kulturellen Zusammenhängen entstand für mich ein Motiv für die Relevanz dieses Programms.

Der zweite Grund ist: Szymanowski und Lutosławski sind bedeutende Komponisten, und zwar nicht nur für ihr Land. Beide hingen ja nicht einem überlebten Bild von nationaler Größe an, sie sahen vielmehr die Ausstrahlung polnischer Kultur vor allem in der Art, wie sie sich am internationalen Konzert der Künste beteiligt und dort ihre spezifische Stimme einbringt. Beide haben sich gegenüber Einflüssen von außen nicht abgeschottet, sondern sie vielmehr gesucht. Darin liegt unter anderem die große Qualität ihrer Musik. Und es gibt für mich einen dritten ausschlaggebenden, musikalischen Grund. Wir spielen von beiden Komponisten Werke aus verschiedenen Schaffensperioden. Lutosławskis ›Musique funèbre‹, seine Trauermusik, ist zwar kein Frühwerk, aber sie bedeutete für ihn den Durchbruch Richtung Moderne, den er zuvor jahrelang in Skizzen und Studien vorbereitet hatte. Insofern steht die ›Muzyka żałobna‹, wie sie im Originaltitel heißt, am Anfang einer Entwicklung. Er widmete sie dem Gedenken an Bartók und nahm auch auf dessen Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta ausdrücklich Bezug. Er entwickelte sie aus einem Zwölftonthema, erreicht den Höhepunkt, das »Apogäum«, wie er es nannte, vor allem durch rhythmische Energie. Die Trauermusik ist streng komponiert, aber zugleich hochexpressiv – ähnlich wie Szymanowskis ›Stabat mater‹.

»Beide Komponisten haben sich gegenüber Einflüssen von außen nicht abgeschottet, sondern sie vielmehr gesucht. Darin liegt unter anderem die große Qualität ihrer Musik.«  Ingo Metzmacher

Und die Vierte Symphonie?

I.M. Sie ist die letzte umfangreiche Komposition, die Lutosławski vollendete, sehr kraftvolle Musik, die sich aus leisen Anfängen entwickelt, ihren dramatischen Gipfelpunkt aber nicht direkt ansteuert. Sie enthält neben Phasen intensiven instrumentalen Gesangs auch eine Passage, in der die Musiker quasi kammermusikalisch aufeinander reagieren. Kein Taktschema ist vorgegeben, der Abschnitt wird nicht durchdirigiert, die Zeichengebung des Dirigenten setzt erst wieder ein, wenn gleichzeitige, koordinierte Aktion verlangt wird. Das Programm besteht insgesamt aus zwei gegensätzlichen Teilen, einem, der auf Elan und Entfaltung ausgerichtet ist, und einem zweiten mit eher nachdenklichen Zügen.

Zwei Werke des Programms werden Sie auch als Casual Concert dirigieren, einer Veranstaltungsform, die Sie geschaffen haben. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?

I.M. Ich habe die Casual Concerts 2007 mit nach Berlin gebracht, und ich freue mich selbstverständlich, dass sie nicht nur damals auf ein reges Interesse stießen, sondern sich als besondere Konzertform und als ein Markenzeichen des DSO in Berlin etablieren konnten. Die Auswahl der Stücke ist pragmatisch vorgegeben: Da der Rundfunkchor am 9. Februar nicht zur Verfügung steht, schied das ›Stabat mater‹ als Programmpunkt leider aus. So bietet das Casual Concert ein Werk aus der Phase des Aufbruchs ins 20. Jahrhundert und eines, das in gewisser Weise die Summe aus Lutosławskis Komponistenleben zieht, in das ja die ganzen Erfahrungen vom Aufbruch Polens in die Unabhängigkeit, die deutsche Okkupation, die Befreiung am Ende des Zweiten Weltkriegs, die Kulturgängelung im sowjetisch gelenkten Polen und der beständige, letztlich erfolgreiche Kampf um eine Autonomie des Musiklebens in unserem Nachbarland eingegangen sind.

Maestro, herzlichen Dank für das Gespräch.

DIE FRAGEN STELLTE HABAKUK TRABER.


08
So 08. Februar 2015
20 Uhr Philharmonie Berlin
Ingo Metzmacher | Aleksandra Kurzak Sopran | Ewa Wolak Alt | Tomasz Konieczny Bass
Szymanowski, Lutosławski
09
Mo 09. Februar 2015
20.30 Uhr Philharmonie Berlin

Casual Concert

Ingo Metzmacher
Szymanowski, Lutosławski
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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