Immer wieder Neues entdecken


Am 22. + 23. November kehrt Christoph Eschenbach, der Leiter des Kennedy Center for the Performing Arts sowie des National Symphony Orchestra in Washington und ein regelmäßiger und gern gesehener Gast des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, ans Pult des DSO zurück, diesmal mit Anton Bruckners Siebter Symphonie E-Dur.

Als Solistin der Konzerte ist die japanische Geigerin Midori Goto zu erleben, die sich einfach nur ›Midori‹ nennt. Sie hat unlängst ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Seit sie mit elf Jahren mit dem New York Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta ihr Debüt erlebte, kann sie auf eine einzigartige Karriere als Musikerin, Neuerin und Pädagogin zurückblicken. Sie gehört heute zu den bedeutendsten Geigerinnen unserer Zeit. Zuletzt war sie im Jahr 2006 mit einem sensationell aufgenommenen Sibelius-Konzert beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zu Gast. Nun kehrt sie mit dem Zweiten Violinkonzert von Béla Bartók zum DSO zurück. Den DSO-Nachrichten hat sie einige Fragen beantwortet:

Midori, im Oktober war Bartóks Erstes Violinkonzert von 1907 beim DSO zu hören. Man könnte es als eine »zärtliche musikalische Liebeserklärung« beschreiben. Sie spielen nun sein Zweites Konzert, das er dreißig Jahre später komponierte. Fällt Ihnen ein ähnliches Schlagwort dazu ein?

MIDORI: Ich bin mir nicht sicher, ob man so ein großartiges Stück in einem Satz beschreiben kann. Man sagt ja oft, Bartóks Zweites Konzert sei das romantische Violinkonzert, das auf das Werk von Johannes Brahms folgt. Es stimmt, es ist eines der wichtigsten Concerti des 20. Jahrhunderts. Wenn man seine Form und Konstruktion betrachtet, aber auch nach den technischen und musikalischen Anforderungen geht, dann kann man es mit keinem anderen Werk vergleichen.

Sie haben das Bartók-Konzert schon sehr früh in Ihrer Karriere gespielt und aufgenommen. Wie hat sich seitdem ihr Blick darauf gewandelt, spielen Sie es nun anders?


MIDORI: Meine Auffassung des Konzerts hat sich in einer ähnlichen Weise entwickelt, wie sich auch mein Blick auf andere Stücke gewandelt hat, die ich schon seit Langem spiele. Wenn man ein Werk zum ersten Mal aufführt, ist das in vielerlei Hinsicht eine neue Erfahrung. Man beschäftigt sich mit technischen Herausforderungen, aber auch mit Fragen der Interpretation und des Ausdrucks, denen man bislang nicht gegenübertreten musste. Mit der Zeit und durch die Praxis des Probens und Konzertierens gewinnt man naturgemäß tiefere Einsichten. Es gab natürlich auch etliche externe Faktoren, die meine Interpretation und mein Herangehen an dieses Werk geformt haben. Neue Ideen, die aus Partnerschaften und künstlerischer Zusammenarbeit entstehen, beeinflussen immer meine Art, zu spielen. Das ist, so glaube ich, eine der aufregendsten und spannendsten Seiten einer Bühnenkarriere.

Ihr Repertoire bietet eine große Bandbreite, von Johann Sebastian Bach bis Peter Eötvös, der Ihnen 2012 sein Violinkonzert ›DoReMi‹ widmete. Haben Sie dabei eine besondere Vorliebe?


MIDORI: Das kann und möchte ich nicht wirklich eingrenzen. Besonders liegt mir in der Tat die Musik der Barockzeit – dabei im Speziellen die von Bach – und des 20. Jahrhunderts am Herzen. Aber eigentlich gehört meine Liebe vielen unterschiedlichen Werken und Komponisten aus der gesamten Kompositionsgeschichte für mein Instrument.


»Neue Ideen, die aus künstlerischer Zusammenarbeit entstehen, beeinflussen immer meine Art, zu spielen. Das ist eine der aufregendsten Seiten einer Bühnenkarriere.«
Midori

Spielt die Kammermusik dabei eine große Rolle?

MIDORI: Auch wenn ich als Kammermusikerin nicht so stark eingebunden bin wie als Konzertsolistin, habe ich große Freude daran. Denn die Kammermusik bietet einem die wunderbare Möglichkeit, seine technischen Fertigkeiten und sein Geschick in der musikalischen Kommunikation weiterzuentwickeln, in einem Umfeld, das überschaubarer ist als ein Orchester. Ich ermuntere alle meine Studenten, sich als Kammermusiker zu probieren, ganz egal, wo ihr Schwerpunkt sonst eigentlich liegt. Das Kammermusikrepertoire hält einen reichen Fundus an Stilen, Komponisten, Einflüssen und vieles mehr bereit.

Sie haben es eben angesprochen: Sie sind neben Ihrer Tätigkeit als Solistin auch Professorin und Leiterin der Streicherabteilung an der University of Southern California. Was bedeutet Ihnen das Unterrichten?

MIDORI: Es trägt einiges zu einer allumfassenden musikalischen Erfahrung bei. Man muss etwas vollkommen verstehen, bevor man es effektiv anderen beibringen kann, und meine Arbeit als Lehrerin hat mich so vieles gelehrt – auf dem Gebiet des Instruments, der musikalischen Interpretation und der Aufführungspraxis. Trotzdem glaube ich nicht, dass ein außergewöhnlicher Musiker notwendigerweise ein großartiger Lehrer sein muss. Für beides sind völlig unterschiedliche Fertigkeiten erforderlich, und genauso, wie man üben muss, um auf der Bühne spielen zu können, muss man auch als Lehrer erst Erfahrungen sammeln, um so gut wie möglich unterrichten zu können.



Foto: Timothy Greenfield-Sanders

Sie haben unlängst Ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Ist die Musik immer noch ein Abenteuer für Sie?

MIDORI: Ja, denn man entdeckt jedes Mal wieder etwas Neues in ihr!

Sie engagieren sich mit mehreren von Ihnen gegründeten Organisationen für Musikförderung und musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen. Für dieses Engagement sind sie zur UN-Friedensbotschafterin ernannt worden. Wie kam es dazu?


MIDORI: Schon immer hat mich die Arbeit von musikalischen Initativen, die sich an Kinder richten, interessiert. Doch hinter meiner Entscheidung, mich aktiv zu engagieren, standen zwei Erkenntnisse: Zum einen erkannte ich, in welch schlechtem Zustand sich die musikalische Bildung an den öffentlichen Schulen in den USA befindet, vor allem wegen der Mittelkürzungen. Zum anderen war ich in der glücklichen Situation, ein starkes Netzwerk an Menschen zu haben, die mir dabei helfen konnten. Zuerst habe ich ›Midori & Friends‹ gegründet; die Organisation arbeitet mit benachteiligten Schülern an staatlichen Schulen im Großraum New York, und das seit 20 Jahren. Weitere Organisationen sind im Laufe der Zeit hinzugekommen, die in den Vereinigten Staaten, in Japan und anderen asiatischen Ländern tätig sind. Es war für mich eine unglaubliche Ehre, von Ban Ki-moon, dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, zur Botschafterin des Friedens ernannt worden zu sein und diese Arbeit im derzeitigen Umfang weiterführen zu können.

Das Programm im November wird Christoph Eschenbach leiten, der ein gern gesehener und regelmäßiger Gast am Pult des DSO ist. Sie haben ebenfalls viel mit ihm zusammengearbeitet und unlängst auch gemeinsam eine Hindemith-CD eingespielt. Was schätzen Sie an ihm?

MIDORI: Auch ich arbeite immer unglaublich gern mit Christoph Eschenbach, denn er zeigt uns Solisten gegenüber ein ungeheures Verständnis, und er bringt das Orchester dazu, aufmerksam auf alle Klänge zu hören, die es umgeben. Ich freue mich sehr auf das Konzert mit ihm!

Die Fragen stellte MAXIMILIAN RAUSCHER.


 

22
Fr 22. November 2013
20 Uhr Philharmonie Berlin
Christoph Eschenbach | Midori Violine
Bartók, Bruckner
23
Sa 23. November 2013
20 Uhr Philharmonie Berlin
Christoph Eschenbach | Midori Violine
Bartók, Bruckner
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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