Die Seele der Musik


Vladimir Ashkenazy ist einer der wenigen Künstler, die eine Karriere als Pianist und Dirigent erfolgreich kombinierten. Der Gewinn des Chopin-, des Königin-Elisabeth- und des Tschaikowsky-Wettbewerbs eröffnete ihm seine internationale Karriere, sieben Mal wurde er mit einem ›Grammy‹ ausgezeichnet. Er war von 1989 bis 1999 Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, leitete die tschechische Philharmonie und das NHK Symphonieorchester in Tokio. Er ist Musikdirektor des European Union Youth Orchestra und noch bis Ende 2013 Chefdirigent des Sydney Symphony Orchestra. 2012 ging er mit dem DSO auf Südamerika-Tournee, am 17. Februar kehrt er mit einem englisch-tschechischen Programm ans Pult des Orchesters zurück.

Mit den DSO-Nachrichten sprach er über seinen Weg ans Pult, Edward Elgar und seine Anfänge beim DSO.

Maestro Ashkenazy, als Sie sich Anfang der 70er-Jahre dem Dirigieren zuwandten, waren Sie bereits ein weltweit gefeierter Pianist. Wann erwachte Ihr Interesse an symphonischer Musik?

Schon in frühester Kindheit hat mich das Orchester eigentlich viel mehr fasziniert als das Klavier. Ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt und Schüler an der Zentralen Musikschule des Moskauer Tschaikowsky-Konservatoriums, als mir ein Mitschüler, der Geiger Victor Danchenko, eine Kinderkarte für ein Konzert des Staatlichen Symphonie-Orchesters organisierte, in dem sein Vater spielte. Dieses erste Orchesterkonzert meines Lebens, wahrscheinlich eine Tschaikowsky-Symphonie, machte einen ungeheuren Eindruck auf mich. Ich war überwältigt vom Klang des Orchesters. Und selbst als ich dann große Erfolge als Pianist feierte, habe ich viel Zeit mit Orchesterpartituren verbracht. Und ich ging andauernd ins Konzert. Pianisten hörte ich mir eher selten an, mit Ausnahme von Swjatoslaw Richter oder Emil Gilels. Und auch wenn das Angebot in Russland eher beschränkt war, begann ich, Schallplatten zu sammeln. Dabei wäre ich nie auf die Idee gekommen, selbst zu dirigieren. Das Zuhören genügte mir.

Wie kam es dann zu Ihrem Schritt ans Pult?

Als ich viele Jahre später in London lebte, fragte mich mein Schwiegervater, der dort ein semi-professionelles Orchester leitete, ob ich es nicht auch einmal versuchen wolle, er würde mir schon alles Nötige zeigen. Ich dirigierte also Beethovens ›Coriolan‹-Ouvertüre, und das natürlich nicht sonderlich gut [lacht]. Aber das Ende gelang prächtig, was mich sehr überraschte. Als ich dann in Island lebte – der Heimat meiner Frau –, habe ich mit dem dortigen Orchester gearbeitet, und Ende der 70er-Jahre lud mich das Philharmonia Orchestra ein, in der Royal Festival Hall Tschaikowskys ›Manfred‹-Symphonie zu dirigieren, das müssen Sie sich einmal vorstellen! Ich hatte anfangs ziemliche Schwierigkeiten, habe aber viel dabei gelernt – und das Orchester war unglaublich nett zu mir und lud mich wieder ein, denn sie schätzten meine Art, Musik zu machen. Das hat mich sehr berührt, und ich bin immer wieder gekommen. Das letzte Mal liegt erst ein paar Wochen zurück.

Foto: Benjamin Ealovega

Wie verstehen Sie Ihre Rolle als Dirigent? Sergiu Celibidache soll einmal gesagt haben, ein Dirigent sei eigentlich ein Diktator, der sich zum Glück auf das Feld der Musik beschränke. Sie sehen das wahrscheinlich anders?

Allerdings. Das Diktatorische liegt nicht in meiner Natur. Wenn ich mit einem Orchester arbeite, versuche ich das, was ich musikalisch ausdrücken möchte, den Musikern zu verstehen zu geben, ohne ihnen explizit vorzuschreiben, was sie tun sollen. Es ist also keine Diktatur, sondern eine kollegiale Zusammenarbeit. Für die Musiker bin ich einer von ihnen, und das sagen sie mir auch immer. Ich bin Musiker, und ich weiß, wie schwierig das sein kann, und das nur zu gut [lacht].

Sie haben gerade eine CD mit Klavierminiaturen von Rachmaninoff aufgenommen. Wie viel Zeit widmen Sie selbst noch dem Instrument?

Ich bin gut in Form, ich übe jeden Tag zwei bis drei Stunden. Aber als Solist möchte ich eigentlich nicht mehr auftreten. Ich werde jetzt keine Namen nennen, aber ich kenne etliche Instrumentalisten, die auch mit 70 oder 80 Jahren noch konzertiert haben und leider eben nicht mehr so gut waren wie früher. Das soll mir nicht passieren. Deswegen trete ich als Pianist nur noch im Duo mit meinen Söhnen Vovka [Pianist] und Dmitri [Klarinettist] auf. Dabei fühle ich mich sicher, als Teil von etwas. Und natürlich nehme ich weiterhin Schallplatten auf.

Sie werden im Februar das großartige Violinkonzert von Edward Elgar dirigieren. Was bedeutet Ihnen diese Musik

Sie berührt mich zutiefst. Wenn Elgar etwas komponiert hatte, fragte er seinen Verleger und Freund, ob dieser es für gut genug hielte. Er zweifelte an seiner Begabung und seinen Ausdrucksfähigkeiten. Er hat Gewichtiges zu sagen, aber ich finde, man spürt in seiner Musik auch immer diese Zerbrechlichkeit, und gerade das fasziniert mich. Ich mag das Violinkonzert unglaublich gern; ich habe fast alle Orchesterwerke Elgars dirigiert und freue mich auch diesmal sehr darauf. Die Musik ist phantastisch, sie ergreift mich, wie die von Rachmaninoff, auch wenn beide so gut wie gar nichts miteinander zu tun haben.

Foto: Benjamin Ealovega

Den Solopart wird im Februar James Ehnes übernehmen. Sie haben beide bereits 1995 gemeinsam mit dem DSO konzertiert.

Oh ja, das war ganz am Anfang seiner Karriere. Wir haben seitdem viel zusammengearbeitet, und er hat einen enormen Eindruck auf die Musikwelt gemacht. Er ist ein großartiger Musiker, ein guter Freund, und ich trete sehr gern mit ihm auf.

Im Anschluss steht Dvořáks Achte Symphonie auf dem Programm …

Ich liebe sie! Dvořák war für mich ein wunderbarer Mensch, bescheiden, warmherzig, er suchte sich niemals zu profilieren. Man hat ihm manchmal formale Mängel seiner Symphonien vorgeworfen, aber das ist überhaupt nicht wichtig. Johannes Brahms bewunderte ihn und schrieb [an seinen Verleger Simrock]: »Der Kerl hat mehr Ideen als wir alle. Aus seinen Abfällen könnte sich jeder andere die Hauptthemen zusammenklauben«. Dvořák ließ sich von nichts beirren, er goss einfach seine Seele in Musik. Das liebe ich ganz besonders …

Im Dezember 1974 traten Sie zum ersten Mal als Pianist mit dem RSO Berlin (heute DSO) auf, unter der Leitung des damaligen Chefdirigenten Lorin Maazel mit Prokofjews zweitem Klavierkonzert. 1987 waren Sie dann erstmals auch als Dirigent beim Orchester zu Gast, zwei Jahre später schon Chefdirigent des DSO. Wie haben Sie diese zehn Jahre zwischen 1989 und 1999 erlebt?

In meiner Erinnerung bedeutete diese Position mehr oder weniger den Beginn meiner Dirigentenkarriere, zumindest als Chefdirigent. Ich war den Orchestermusikern sehr dankbar, dass sie bereitwillig all das umgesetzt haben, was ich ausdrücken wollte – ohne dass ich ein unglaublicher Techniker gewesen wäre. Sie haben mich freundlich und offen aufgenommen, und dabei so gut gespielt, dass ich nur die besten Erinnerungen an diese Zeit habe. Ich habe sie ungeheuer genossen – und ich komme immer gern wieder!

Maestro, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE MAXIMILIAN RAUSCHER


 

17
Mo 17. Februar 2014
20 Uhr Philharmonie Berlin
Vladimir Ashkenazy | James Ehnes Violine
Elgar, Dvořák
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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