Die DSO-Saison 2017 | 2018 steht ganz im Zeichen des neuen Chefdirigenten Robin Ticciati. Sein Amtsantritt wird mit einem Mini-Festival gefeiert, bei dem der 34-jährige Engländer in verschiedenen Facetten und auf unterschiedlichem Terrain zu erleben ist:

Als Präludium leitet Ticciati am 23.09. die Neuauflage des ›Symphonic Mob‹ auf der Piazza der Mall of Berlin. Nur drei Tage später, am 26.09., dirigiert er sein offizielles Antrittskonzert in der Philharmonie mit Werken von Rebel, Larcher und Strauss. Wiederum drei Tage später, also am 29.09., folgt in Kooperation mit ›Berlin Atonal‹ der hochkarätig besetzte Konzeptabend ›Parallax‹ im Kraftwerk Berlin, ehe der junge Maestro am 03.10. für ein französisch gefärbtes Programm erneut in der Philharmonie am Pult des Orchesters steht. Nicht zuletzt erscheint zeitgleich die erste gemeinsame CD des DSO mit Robin Ticciati bei Linn Records. Als Gast ist darauf die Mezzosopranistin Magdalena Kožená mit Debussys ›Ariettes oubliées‹ zu hören.

26.09. | Robin Ticciatis Antrittskonzert in der Philharmonie

Robin Ticciati. Foto: Fabian Finzel & Ayzit Bostan

Foto: Fabian Finzel & Ayzit Bostan

Am Anfang ist alles möglich, nichts festgelegt. Im Lauf der Zeit aber zeichnen sich Spuren und Strukturen ab, gerichtete, getaktete Bewegungen, Maße, Proportionen, Gestalten, Klänge und Farben von spezifischer Attraktivität. So führt Jean-Féry Rebel, der französische Barockmeister, die Hörer in seine Suite über die Elemente, über die Entstehung der Welt in Klang und Zeit. Mit diesem Werk eröffnet Robin Ticciati sein Antrittskonzert als achter Chefdirigent des DSO – spektakulär nicht durch klangliche Wucht, sondern durch die Brillanz der Idee.

Die Schöpfung, das Schaffen in der Spannung von Kunst und Welt bleibt ein Thema des ganzen Konzertabends. Es bewegte Thomas Larcher, als er seine Symphonie Nr. 2 schrieb (eine Nr. 1 existiert nicht), das zentrale Stück des Programms. »Ich möchte die Formen unserer musikalischen Vergangenheit im Kontext unserer heutigen (musikalischen und menschlichen) Erfahrungen erkunden«, erläuterte der Komponist. »Wie können wir eine zeitgemäße Tonsprache finden? Und wie können die alten Formen zu uns sprechen? Solche Fragen stelle ich mir oft. Dieses Stück handelt viel von den Sinnbild des Beginnens – Robin Ticciatis erstes Konzert als Chefdirigent am 26.09. unterschiedlichen Formen von Energie: gebündelt, gestreut, ausgeglichen, kinetisch oder wütend.« Aber woher kommen diese Energieströme, und wohin führen sie?

Hinter Begriffen wie der »heutigen menschlichen Erfahrung« verbirgt sich bei Thomas Larcher höchst Existenzielles: Er begann mit der Komposition der Symphonie, als »Tausende und Abertausende von Menschen im Mittelmeer ertranken, während ganz Europa untätig am Rand stand, diese Tragödie beobachtete oder sogar wegschaute« (Larcher). Er schrieb keine Programmkomposition, sondern eine Symphonie in der ganzen Strenge ihre Anforderungen an Form und Gestalt. Der Ton seiner Musik aber weiß und spricht von dem, was sich die Gattung Mensch derzeit zufügt und zumutet. Und er leuchtet in die Geschichte: Trägt sie uns, belastet sie uns, rät sie uns, hilft sie uns? Der Titel des Werkes, ›Kenotaph‹ (leeres Grab, Gedenkstätte), erinnert an Dmitri Schostakowitschs Auskunft, alle seine Symphonien seien Gedenksteine. Arnold Schönberg sprach von der Kunst als dem Notschrei der Menschheit. Beides scheint bei Larcher präsent zu sein. So wird seine Komposition im Antrittsprogramm Ticciatis zugleich zu einer ernsten Befragung von Richard Strauss’ ›Zarathustra‹ mit seinem visionären, hochfahrenden Ton.

HABAKUK TRABER


26
Di 26. September 2017
20 Uhr Philharmonie Berlin, Großer Saal

Konzert zum Amtsantritt als Chefdirigent des DSO

Robin Ticciati
Rebel, Larcher, Strauss

29.09. | ›Parallax‹ – Raum und Klang im Kraftwerk Berlin

Seine Offenheit für Neues, für Begegnungen und Erkundungen, für das Spiel mit Räumen und Klängen stellt Robin Ticciati nur wenige Tage nach seinem Antrittskonzert in der Philharmonie auf völlig anderem Terrain unter Beweis: Im Kraftwerk Berlin, der einhundert Meter langen Turbinenhalle eines ehemaligen Heizkraftwerks an der Köpenicker Straße, einer Kathedrale aus Stahl und Beton, von roher Gestalt und gewaltigen Ausmaßen. Seit 2013 ist hier das Festival ›Berlin Atonal‹ beheimatet, eine der international anerkanntesten Plattformen für die Entwicklung und Aufführung experimenteller elektronischer Musik und Klangkunst.

Am 29. September treffen das DSO und ›Berlin Atonal‹ hier aufeinander. ›Parallax‹ ist ihre gemeinsame Reise durch Soundwelten und Klangfarben überschrieben, benannt nach einem Phänomen aus der Astronomie, nach dem sich die Position eines Objekts im Verhältnis zu seinem Hintergrund zu verändern scheint, wenn der Betrachter seinen Standpunkt wechselt. Was geschieht, wenn man die optische Dimension dieses Effekts durch eine akustische ersetzt? Wie verändert sich die Wahrnehmung von Raum, Klang und Zeit, wenn man musikalische Gedanken durch die Filter von Tradition und Avantgarde betrachtet, den Blickwinkel vom Orchester zur elektronischen Musik und zurück verschiebt? Und was passiert, wenn sich in einem elektroakustischen Experiment all diese Elemente verbinden?

»Eine ›Sequenza‹ von Berio, Ives’ ›Unanswered Question‹, Bachs Violinkonzert E-Dur erklingen von verschiedenen Positionen im Raum, ehe sich das gesamte Orchester auf großer Bühne zu Ligetis ›Atmosphères‹ und Debussys ›La mer‹ zusammenfindet«, beschreibt Robin Ticciati den Versuchsaufbau. »Dazwischen blenden wir zwei Neukompositionen« – Auftragswerke für Elektronik allein und für Elektronik und Streichsextett, die von ›Berlin Atonal‹ eigens für diesen Anlass kuratiert wurden. Sie reflektieren, brechen und beantworten die Werke von Ives und Ligeti auf ihre ganz eigene Weise. Die große Synthese wagt schließlich Moritz von Oswald mit einer Komposition für Orchester und Elektronik, die das DSO bei dem klassisch ausgebildeten Schlagzeuger und Technopionier in Auftrag gegeben hat. Auf das Ergebnis darf man überaus gespannt sein.

C.E.


29
Fr 29. September 2017
21 Uhr Kraftwerk Berlin

›Parallax‹ – präsentiert von DSO und ›Berlin Atonal‹

Robin Ticciati | Alina Ibragimova Violine | Elsie Bedleem Harfe | Moritz von Oswald Elektronik | Valerio Tricoli Elektronik | PYUR Elektronik | Paul Jebanasam Elektronik
Berio, Ives, Tricoli + PYUR, Bach, Ligeti, Jebanasam, Debussy, Oswald

03.10. | Opulenz und Klangsinn mit Alina Ibragimova in der Philharmonie

Alina Ibragimova. Foto: Eva Vermandel

Foto: Eva Vermandel

Sie gehört zweifelsohne zu den Musikerinnen, die nicht nur das gängige Repertoire brillant beherrschen, sondern auch gerne und mit Erfolg gegen den Strom schwimmen. Die ihre ersten CDs nicht mit den üblichen Virtuosenkonzerten aufnehmen, sondern mit der Geigenmusik von Karl Amadeus Hartmann und Karol Szymanowski oder den Violinkonzerten von Nikolai Roslawez. Und die zwischen den Gastspielen bei den großen Orchestern mit ihrem hochgelobten Streichquartett auf historischen Instrumenten musizieren. Alina Ibragimova, 1985 in Russland geboren und seit 1995 in London ansässig, ist eine der vielseitigsten Geigerinnen der jungen Generation. Sie gibt ihren Einstand beim DSO gleich zweimal: im Kraftwerk Berlin am 29. September mit Bachs E-Dur-Konzert (siehe oben) und am 3. Oktober in der Philharmonie mit Jörg Widmanns Violinkonzert – einem intensiven, rhapsodischen Gesang über warmen Orchesterklängen, einem Panoptikum der Stimmungen und Klangfarben und – wie der Komponist schreibt – »schönheitstrunken, schwärmerisch«.

Klangsinnlichkeit durchströmt auch das weitere Programm zum Abschluss des kleinen Willkommensfestivals für den neuen Chefdirigenten – mit Musik französischer Provenienz, wie sie Ticciati auch auf seiner ersten CD mit dem DSO erkundet. Die berühmte antike Geschichte um Amor, den Gott, und die Sterbliche Psyche, deren Liebe auf eine lange Probe gestellt wird, vertonte César Franck 1888 im letzten seiner Symphonischen Poeme – schwelgerisch, an der Schwelle zum Fin de siècle. Im Verzicht auf die ursprünglich vorhandenen Partien für unsichtbaren Chor entstand die heute zumeist gespielte Fassung in vier Fragmenten. Ein Vierteljahrhundert später schrieb Maurice Ravel seine Ballettmusik über ein anderes antikes Liebespaar und schuf mit der opulenten, bukolisch-flirrenden Partitur ›Daphnis et Chloé‹ ein impressionistisches Meisterwerk – und die perfekte Gelegenheit, Robin Ticciati von einer weiteren Seite kennenzulernen.

MAXIMILIAN RAUSCHER


03
Di 03. Oktober 2017
20 Uhr Philharmonie Berlin, Großer Saal
Robin Ticciati | Alina Ibragimova Violine
Berlioz, Widmann, Franck, Ravel

23.09. | Prolog zum Mitmachen – Der ›Symphonic Mob‹ ist Berlins größtes Spontanorchester

Symphonic Mob 2016 Berlin. Foto: Kai Bienert

Foto: Kai Bienert

Der neue Chef dirigiert – und jeder kann mitmachen! Kurz vor seinem offiziellen Amtsantrittskonzert lädt Robin Ticciati alle, die ein Instrument beherrschen oder gerne singen, dazu ein, gemeinsam mit ihm und den Orchesterprofis des DSO aufzutreten.

Im vergangenen Jahr sorgte der ›Symphonic Mob‹ mit über 1.000 Sängern und Instrumentalisten für weltweite Resonanz. Grund genug für eine Fortsetzung: Am 23. September findet Berlins größtes Spontanorchester zum vierten Mal statt – wieder auf der Piazza der Mall of Berlin und gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.

Auf dem Programm stehen diesmal die ›Morgenstimmung‹ aus Griegs erster ›Peer Gynt‹-Suite, der Torero-Marsch aus Bizets ›Carmen‹-Suite Nr. 1 und zwei Opernchöre von Wagner: ›Wach’ auf‹ aus den ›Meistersingern‹ und ›Einzug der Gäste‹ aus ›Tannhäuser‹. Um die Mitmachhürden niedrig zu halten, gibt es wie immer zusätzlich zu den Originalnoten vereinfachte Stimmen, und eine gemeinsame Probe am 17. September sorgt für den Feinschliff. Zudem gibt es ab Anfang September auch noch Pop-Up-Proben (Registerproben) für die einzelnen Stimmen. Die Teilnahme ist selbstverständlich kostenfrei.

Das Anmeldeformular, die Notendownloads und alle weiteren Informationen gibt es auf der Projektwebsite symphonic-mob.de.

23
Sa 23. September 2017
15.30 Uhr Mall of Berlin (Piazza)

›Symphonic Mob 2017‹ – Berlins größtes Spontanorchester

Robin Ticciati | mit Mitgliedern des DSO und Musikenthusiasten jeden Alters
Grieg, Wagner, Bizet
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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