Foto: Felix Broede

Liebe Freundinnen und Freunde des DSO,

es war eine überwältigende Überraschung, als ich Anfang 1998 gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könne, mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin als dessen Chefdirigent zusammen zu arbeiten und Musik zu machen. Wow! Welch eine Herausforderung! Und in Berlin! Ich kannte damals kaum das deutsche Musikleben, auch wenn ich gelegentliche Konzerteinladungen hatte bzw. wiederholt zu den Proben des von mir ausserordentlich verehrten Günter Wand nach Hamburg fuhr und dabei dessen Freundschaft gewann.

Alles war Veränderung und Aufbruch in Berlin; vor allem aber: es war ein Wille zur Selbstbehauptung zu spüren, ein Wille, etwas Besonderes und Grossartiges zu leisten. Das war auch gefordert; denn die Verhältnisse gehorchten keineswegs klaren und positiven Zeichen. Das Wort »Veränderung« liess vielfach Ängste bei den Musikern aufkommen; und diese waren spürbar. Die Hochstimmung aus der Zeit nach der historischen »Wende« schien vorbei. Doch vielleicht mobilisierte genau dies unsere Phantasie, unsere Kraft und Bereitschaft. Da war Aufbruch, und der brachte Zuversicht und mehr und mehr Vertrauen – trotz gewisser Schwierigkeiten.

Denke ich an diese Zeit zurück, dann zieht ein Leuchten durch mein Herz. Soviel Verbundenheit und Freundschaften, soviel Vertrauen und Erlebnisse des Besonderen und tatsächlich Einmaligen, soviel Gewinn und Freude! Heute erscheint mir der kulturelle Status Berlins gefestigter als damals und zugleich lebendig und frisch, wie immer wieder neu erfunden. Das ist eine Leistung dieser Stadt und ihrer Menschen, die hier leben. Sie bezeugt sehr eindrucksvoll, was Kultur »wert« sein kann und auch ist, wenn sie mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden ist.

Wenn ich heute nach Berlin komme zu meinen Musikerinnen und Musikern des DSO, drängen sich aber auch andere Gedanken in den Vordergrund, gerade angesichts der blühenden Kultur. Wieder liegt da »Veränderung« in der Luft – doch anders als vor siebzehn Jahren. Die Welt um uns scheint aus den Fugen geraten, Konflikte, Radikalisierungen, Ströme von Flüchtlingen, Feindschaften, blutige Kämpfe, Brutalitäten ohnegleichen, Unsicherheiten, Hilferufe allenthalben! Wohin treibt der Kampf der Kulturen zwischen dem Islam und dem Westen? Und wohin führen die Aufrüstungen im Osten und Westen? Es schmerzt die Vorstellung, wohin das führen kann.

Und wir Musiker...! Was können wir tun für Frieden und Freiheit, für die vielen Heimatlosen und auch für die vielen Verunsicherten und Ratlosen hier und andernorts? Die Musik, die wir spielen und in Konzerten aufführen, enthält ja tatsächlich eine grandiose Botschaft, nämlich die der tiefen Sehnsucht nach Frieden, nach Versöhnung, nach einem Leben im Miteinander und in gegenseitiger Achtung und Respekt voreinander. Unser Orchester, das DSO, wie jedes andere Orchester auch auf diesem Globus ist ein lebendiges Beispiel dessen, was Leben unter Menschen und in Gemeinschaft ist. Die Musik, die wir musizieren, ist grossteils viele Generationen alt. Sie hat Menschen in schlechten und katastrophalen Zeiten geholfen, hat sie glauben lassen, dass es noch etwas anderes gibt als beängstigende Schattenwelten. Diese Musik hat immer wieder überlebt und hat den Menschen, die sich ihr öffneten, immer wieder neuen Mut gemacht und Hoffnungen geschenkt. Das ist ihre Grösse und ist ihre Macht. Ihr sich in den Dienst zu stellen macht einen tiefen Sinn, weil diese Macht der Musik dem Frieden und dem Leben der Menschen in Freiheit und Würde dient.

Herzlichst, Ihr
Kent Nagano
Ehrendirigent des DSO


Über Kent Nagano

Foto: Felix Broede

Kent Nagano war von 2000 bis 2006 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Als Ausdruck der Verbundenheit ernannte ihn das Orchester im Juni 2006 zum Ehrendirigenten, eine Auszeichnung, die vor ihm nur Günter Wand erhielt.

Vor seiner Zeit beim DSO war er u. a. als Music Director an der Opéra National de Lyon und beim Hallé Orchestra tätig. 2003 wurde Nagano zum ersten ›Music Director‹ der Los Angeles Opera ernannt, nachdem er bereits zwei Jahre lang Principal Conductor der Oper gewesen war. 2006 übernahm Nagano die künstlerische Verantwortung für die Bayerische Staatsoper in München und für das Orchestre Symphonique de Montréal. Als regelmäßiger Gastdirigent der führenden Orchester der Welt leitete Kent Nagano die Berliner Philharmoniker, das Chicago Symphony Orchestra, die Staatskapelle Dresden, das New York Philharmonic, das Russian National Orchestra und die Wiener Philharmoniker.

2006 bis 2013 war Kent Nagano Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, 2015 übernimmt er die künstlerische Verantwortung für die Hamburgische Staatsoper: Seit 2006 ist Kent Nagano Music Director des Orchestre Symphonique de Montréal.

Für die Einspielung der Oper ›L’amour de l’oin‹ der Finnin Kaija Saariaho wurden Nagano und das DSO 2011 mit dem ›Grammy Award‹ für die beste Opernaufnahme ausgezeichnet.


Konzerte Kent Naganos mit dem DSO der Saison 2015 | 2016

30
So 30. August 2015
16 Uhr Haferscheune des Gutshauses Stolpe

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern

Kent Nagano | Udo Samel Sprecher
Schubert
20
Fr 20. Mai 2016
20 Uhr Philharmonie Berlin
Kent Nagano | Miah Persson Sopran
Wagner, Schönberg, Schubert, Strauss
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ist ein Ensemble der

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