Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Blomstedt dirigiert Berwald & Bruckner

Berliner Zeitung, Feuilleton | 27. Mai 2008
Wolfgang Fuhrmann

Großartige Klanggewalt
Das DSO im RBB-Sendesaal: Herbert Blomstedt dirigierte Berwald und Bruckner Na bitte, geht doch, möchte man meinen: Auch ohne Philharmonie müssen große Orchesterkonzerte in Berlin nicht ausfallen -abgesehen vom Konzerthaus gibt es ja noch den Admiralspalast, die Waldbühne und den großen RBB-Sendesaal in der Masurenallee, wohin das Deutsche Symphonie-Orchester am Sonntag und Montag auswich. Der RBB-Sendesaal liegt zwar weitab der neuen Berliner Mitte und verströmt in seinen engen Wandelgängen dösigen West-Berliner, "Charme", er hat aber die mit großem Abstand beste Akustik aller Ausweichstätten und ist als Saal selbst von schlichter, nüchterner Schönheit. Es gibt nur ein Problem: Der RBB-Sendesaal ist zu klein, gerade mal 1 088 Leute passen da rein. Am Sonntagnachmittag war er voll. Durch sofortigen Verkaufsstopp, die Zurückziehung von Kontingenten für Altersheime und ähnliches hat das DSO-Management gerade noch verhindert, dass Kartenkäufer nicht zugelassen werden konnten. Es ist aber auch wieder unverständlich, dass das Kartenkäufer nicht zugelassen werden konnten. Es ist aber auch wieder unverständlich, dass das Konzert nicht schon lange ausverkauft war, schließlich stand Bruckners Neunte auf dem Programm und mit Herbert Blomstedt der (nach Günter Wands Tod) wohl unbestreitbar größte Bruckner Dirigent der Gegenwart am Pult. Souverän hat Blomstedt die Blöcke der Bruckner'schen Tektonik nebeneinander hingestellt, in idealem Verhältnis von atmenden Tempi und stets aufrechter Spannung, mit gleichem Sinn für das verhäkelte Detail wie für die ganz große Geste: Die akkordische Dissonanzenballung, auf der eine Steigerung im Adagio abbricht, war von geradezu vernichtender Wucht. Nicht nur klanggewaltig, sondern auch klangschön war die nur von minimalen Koordinationsproblemen getrübte Orchesterleistung. Allenfalls könnte man aussetzen, das (zumindest von einem der Plätze in der unteren Ebene) die tiefen Resonanzen der Streicher und Bläser manche höheren Töne verschluckten; bestimmte wichtige Kontrapunkte etwa der Flöten und Oboen waren kaum noch zu hören, was vielleicht auch am Saal liegt. Paukenschlag als Bürgerschreck Zuvor hatte sich der in den USA geborene Sohn schwedischer Eltern Blomstedt für seinen Landsmann Franz Berwald (1796-1868) eingesetzt und dessen "Sinfonie singulière" in C-Dur dirigiert. Eine deutsche Bewald-Renaissance wird von dieser an sich unanfechtbar disponierten Aufführung wohl nicht ausgehen. Berwald gilt als der bedeutendste schwedische Komponist des 19. Jahrhunderts, was sich freilich gleich relativiert, wenn man versucht, sich den zweitbedeutendsten schwedischen Komponisten des 19. Jahrhunderts ins Gedächtnis zu rufen. Die Konkurrenz war nicht besonders stark. Die "Sinfonie singulière" ist nun sicher ein interessantes Werk, schon der Beginn ist eigentümlich, der gar keinen Akkord in der Grundtonart bringt, sondern ein schlichtes Motiv über dissonanten Harmoniefolgen schichtet, überhaupt zählt die unruhige und unvorhersehbare Harmonik zu den Charakteristika Berwald'scher Musik. Und auch formale Ideen wie die, das Scherzo als einen Mittelteil in das Adagio zu integrieren, sind interessant - auch wenn die Ankündigung des neuen Formteils durch einen völlig unerwarteten Paukenschlag im dreifachen Fortissimo etwas Bürgerschreckhaftes hat (Jean Sibelius hat solche "Formfusionen" später weitaus raffinierter durchgeführt". Aber leider steht daneben Berwalds offenbare Unfähigkeit, einprägsame oder auch nur konventionell prägnante Themenformulierungen zu finden, und eine damit wohl nicht zufällig einhergehende Neigung zu kurzatmigen Sequenzbildungen - um das böse Wort Nietzsches über Brahms zu zitieren: Berwald beherrschte die Kunst, ohne Einfälle zu komponieren. Für das schwedische Musikleben zu unkonventionell, für das deutsche zu blass - kein Wunder, dass Berwald sich gezwungen sah, 1835 in Berlin, wohin er ausgewandert war, ein orthopädisches Institut zu eröffnen.