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Der Tagesspiegel | 3. Mai 2008
Ulrich Amling
Die Suche nach dem reinen Ton
Der Verzicht auf ein Orchesterspiel mit Vibrato kann Unbehagen verbreiten. Es scheint, als ob das Ohr auf einer gewissen Menge akustischer Gleitmittel beharrt. Sir Roger Norrington ist ein charmanter wie konsequenter Vibrato-Killer, eine „Aneignung des Klangs früherer Zeiten“ will der britische Maestro mit dem Verzicht auf das Klangschwellen erreichen. Bei seinem Auftritt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester legt Norrington ein Werk seines Landsmannes Ralph Vaughan Williams auf die Pulte, dem diese Klangästhetik im Kern entspricht. Die fünfte Symphonie, uraufgeführt 1943, ist die Feier eines Orts jenseits von Krieg und Verderben, der mit Inbrunst gesucht wird. Das könnte mit den sanglichen Streichern schnell nach Breitwandunterhaltung klingen, doch das Herbe des reinen Tons, das der Dirigent einfordert, schützt das verletzliche Werk vor einer Banalisierung. Aufs Podium der Philharmonie siedelt Norrington für Beethovens fünftes Klavierkonzert um und wirft Emanuel Ax über die Saiten seines Flügels beschwörende Gesten zu. Alert greift das DSO jeden Akzent auf, ohne in Daueremphase zu verfallen. Norringtons Beethoven kennt viele Abbrüche, auch leere Stellen. Nichts zum Mitsummen, auch weil Ax fulminant zwischen koboldhafter Pranke und zartem Tagtraum zu wechseln vermag.
Berliner Morgenpost | 3. Mai 2008
Klaus Geitel
Eine Symphonie ganz ohne bombastischen Abschlusslärm
Neue Gedanken in alte Materialien einzubringen, darauf sah Vaughan Williams bis in alle Ewigkeit das Weiterblühen der Musik begründet. Er hielt sich mit Leib und Seele an die Tradition, aber diese Seele hatte viel zu sagen: alles, was ihr die Jahrhunderte an Erkenntnissen eingebläut hatten.Soviel wie irgend möglich setzte Vaughan Williams davon in seinen Kompositionen frei, und Sir Roger Norrington, sein Landsmann, verstand es in seinem Konzert mit dem Deutschen Symphonie Orchester in der Philharmonie bezwingend aufzudecken. Er dirigierte die 5. Sinfonie von Vaughan Williams: einen in den letzten Kriegsjahren entstandenen, knapp dreiviertelstündigen viersätzigen lyrischen Erguss, in nichts als musikpoetische Verklärung mündend. Seine Sinfonie verzichtet auf jeden herkömmlich bombastischen Abschlusslärm, dieses immer wiederholte bedrohlich letzte Kommando: "Hände hoch - und klatschen". Man bedachte Vaughan Williams' ungewöhnliches Werk dennoch mit hochachtungsvoll reichem Beifall. Der fiel natürlich, noch höher hinauf gesteigert, widerspruchslos über Beethovens 5. Klavierkonzert her, zu dem sich der großartige Emanuel Ax an den deckellosen Flügel setzte, der überdies tief ins Orchester hineinragte. Norrington hatte sein Dirigierpult, gleichfalls inmitten der Musiker, an der Seite des Klaviers aufgeschlagen und funkte mit leidenschaftlichen Gesten immer erneut ins musikalische Geschehen hinein, es wie mit Krallenfingern lautstark zu höchster rhythmischer Energie anzuspornen.
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