Robert Schumann: ›Das Paradies und die Peri‹
Berliner Morgenpost | 15. Januar 2008
Klaus Geitel
Der Tagesspiegel | 15. Januar 2008
Christiane Tewinkel
„Anmutige Wesen der Luft“, nannte Robert Schumann die Peris, engelgleiche Zwitterwesen, von denen sein Oratorium Das Paradies und die Peri erzählt. Das Deutsche Symphonie Orchester unter Ingo Metzmacher, der Rundfunkchor Berlin und sechs Solisten wenden sich dem zwischen Morgenland und romantischer Religiosität lavierenden Musikmärchen in der Philharmonie zu. Vor allem Mitwirkenden wie Werner Güra [Christoph Prégardien ist hier gemeint. Anm. d. DSO] ist es zu verdanken, dass die Erzählung Gestalt annimmt – zu fremd wirkt zunächst die Idee einer aus dem Paradies Verstoßenen, die für ihre Erlösung den Blutstropfen eines Helden vorweisen muss, den Seufzer eines liebenden Mädchens und am Ende die Träne eines reuigen Verbrechers. Güra [Christoph Prégardien ist hier gemeint. Anm. d. DSO] aber schildert die Suche der Peri nach jener Braut, die sich um ihren kranken Geliebten kümmert, ihr „wallend Haar im Teiche netzt, dass es die Stirn ihm kühlend nässt“ und dem Sterbenden schließlich einen Kuss gibt, der auch ihr selbst den Tod bringt, mit so liedheller, klarer Diktion, dass man versucht ist, über das Urteil hinwegzusehen, das Stück sei nichts als gute Musik zu einem skurrilen Text, und sich an Schumann zu erinnern, der darin seine beste Arbeit sah. Das DSO glänzt mit weichem Streicherklang und sorgfältig hergestellten Effekten, sprudelndem Holz, elegant orientalisierendem Schlagwerk, als es um die Gewässer des Nils geht – oder fahlem Ächzen, das die Binnenerzählung von Liebe, Krankheit und Tod umgibt. Stella Doufexis stellt mit kühl-kraftvoller Stimme alle für den Eintritt ins Himmelreich notwendigen Aufgaben, Marlis Petersen verleiht der Peri ein knabenhelles, irisierendes Timbre.
Berliner Zeitung | 16. Januar 2008
Wolfgang Fuhrmann
Wenn wir ganz ehrlich sind, dann war uns die deutsche Seele am liebsten, als sie sich noch in politischer Ohnmacht dem Dichten und Denken widmete, klassische Idealbilder des Humanen konstruierte oder sich der romantischen Sehnsucht nach dem Unendlichen hingab. Eines der schönsten Denkmäler, die dieser Ära gegen ihr Ende hin gesetzt wurden, hat Ingo Metzmacher soeben in seiner Reihe "Von deutscher Seele" mit dem Deutschen Symphonie Orchester aufgeführt (DSO): Robert Schumanns "Das Paradies und die Peri" von 1843. Deutsch ist hier nicht der Stoff - entnommen dem orientalisierenden Gedicht "Lalla Rookh" des englischen Poeten Thomas Moore -, deutsch ist allenfalls die Musik. Aber wäre es nicht treffender zu sagen, die Musik sei schumannesk? "Das Paradies und die Peri", ein längeres Werk für Solisten, Chor und Orchester, mag traditionell in Oratorienführern behandelt werden. Aber in seinem durchgehend lyrisch-liedhaften Formen, in seinem auf die Kategorie des Erhabenen fast völlig verzichtenden, bilder- und farbenreich erzählenden Ton ist es eine Gattung sui generis, ähnlich einzigartig wie Hector Berlioz’ "La damnation de Faust" und weitaus genießbarer; es zählt zum Allerschönsten, Innigsten und Inspiriertesten, was Schumann komponiert hat.
Himmelhoffnungsglück
Man muss sich über das Berliner Publikum wundern, das schon bei der zweiten Aufführung dieses äußerst selten zu hörenden Werks am Montag die Philharmonie nicht bis zum letzten Platz füllte. Wollen die Leute denn nur noch das hören, was sie ohnehin schon kennen, wie die Kinder ihre Gutenachtgeschichten? Dass "Das Paradies und die Peri", dieses seinerzeit unter Schumanns Werken an Beliebtheit nur noch von der Frühlingssymphonie übertroffene Werk, so gründlich von der Bildfläche verschwunden ist, mag gerade darin liegen, dass seine stillen Schönheiten der geistig-moralischen Aufrüstung Deutschlands seit der Reichsgründung und erst recht den antiromantischen Impulsen nach 1900 nicht gewachsen waren. Dem wackeren Nationalisten wie dem aufrechten Protestanten (das kam ja gerne zusammen) musste sein Stoff verdächtig scheinen: Einer Peri, einem jener feenhaften Flügelwesen aus der persischen Mythologie, denen der Zugang zum Paradies verschlossen ist, wird kundgetan, sie könne sich den Himmel gewinnen, wenn sie ihm seine "liebste Gabe" darbringe. "Im Herzen Himmelhoffnungsglück" macht sie sich auf die Suche und entdeckt kurz vor dem Verzagen: Des Himmels liebste Gabe ist - die Reueträne eines Sünders. Darüber wird nur lächeln, wer in seiner eigenen Lebensgeschichte noch niemals Anlass zur Reue gefunden hat.
Metzmacher, dessen bisherige Konzerte mit dem DSO einen gemischten Eindruck hinterließen, hat wirklich wunderbar dirigiert, die Orchesterleistung war in ihrer differenzierten klanglichen Staffelung und in der niemals lehrbuchhaften Auffächerung des typisch verhaltenen Schumann’schen Kontrapunkts mustergültig. Die Partitur widerlegt aber auch in jedem Takt das Klischee, Schumann habe schlecht orchestrieren können: Auf den Chor der Genien des Nils "Hervor aus den Wässern geschwind" etwa mit seinem flinken Wellengang und dem huschenden Wechsel von Streichern, Holzbläsern, Stimmen wäre auch Mendelssohn stolz gewesen. Der auf die Transparenz und Leuchtkraft der orchestralen Farben abgestimmte Rundfunkchor sang mit vorbildlich deutlicher Diktion, ebenso die auserlesene Solistenschar: Neben den mit kleineren Aufgaben betreuten Sängern Ruth Ziesak, Werner Güra und Günther Groissböck sind Marlis Petersen als lieblich-kühle Peri, Stella Doufexis und Christoph Prégardien als teilnahmsvolle Berichterstatter zu nennen, und ein besonderes Lob verdient der Bariton Michael Volle, der seine wenigen Zeilen mit einer Sorgfalt der Phrasierung sang, als gäbe er einen Liederabend.
