Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Martha Argerich & Charles Dutoit am 4.|5. Dez 2007

Berliner Zeitung | 6. Dezember 2007
Jan Brachmann

Ratz, fatz, basta! Das hat gesessen: Martha Argerich spielte mit dem DSO und Charles Dutoit
Die Aufregung war groß und auch die Vorfreude, als in der vergangenen Woche bekannt wurde, Martha Argerich würde für den erkrankten Jewgenij Kissin einspringen und mit dem Deutschen Symphonie-Orchester (DSO) unter der Leitung von Charles Dutoit das 3. Klavierkonzert von Sergej Prokofjew spielen. Ihre Auftritte sind rar; oft ist sie es, für die ein Kollege einspringen muss, weil sie kurzfristig absagt, wenn sie sich nicht in der Lage fühlt, an einem Abend alles, auch das Letzte noch zu geben. Entsprechend voll war die Philharmonie am Dienstag; Mitglieder anderer Orchester saßen im Publikum. Sogar die Musiker des DSO, die nach der eingangs gespielten Ouvertüre zu "Béatrice et Bénédict" von Hector Berlioz bei Prokofjew Pause hatten, huschten flugs in den Saal und setzten sich unter die Hörer. Dann wurde Argerich von ihrem einstigen Ehemann Dutoit zum Podium geleitet, und im Nu kam ein großes Ereignis in Gang. Prokofjews 3. Klavierkonzert zählt zu Argerichs Paradestücken. Sie hat es vor 40 Jahren mit Claudio Abbado aufgenommen, vor neun Jahren auch mit Dutoit. Und jetzt, mit 66 Jahren, übertraf sie sich selbst noch einmal. Schon in den parallel geführten Läufen beider Hände am Anfang zuckten mit noch entschiedenerer Zielsicherheit als bislang die widerborstigen Akzente hervor - und das ohne großen Bewegungsaufwand. Argerichs Technik ist kolossal. Der ganze Druck kommt aus den Fingerspitzen und dem Unterarm. Der Schultergürtel bleibt beim Spiel völlig unbewegt. In einer Fingerkuppe hat die Frau mehr Kraft als manch junger Kerl in der ganzen Faust. Selbst ein russischer Recke wie Boris Berezovsky wird dieses Konzert nicht konturierter und kraftvoller spielen können als sie. Aber es war gar nicht die Lautstärke, die hier Eindruck machte. Nein, selbst im Fortissimo behielt der Klavierklang etwas sehr Intimes. Es war der Kopf! Hier gingen jeder Bewegung ganz klare Entscheidungen voraus: Was muss wann wohin? Wo liegt der Zielpunkt jeder Phrase? Argerich brauchte nicht zu Tempoverlangsamungen Zuflucht zu nehmen, um die Musik zu gliedern. Ihr präzises Kalkül der unterschiedlichen Lautstärken und der weitgehende Verzicht auf den Einsatz des Verschmelzungspedals gestatteten ihr, straff im Zeitmaß zu bleiben und die Konturen der Musik dennoch hervortreten zu lassen: offensiv, alternativenlos, jede Diskussion kassierend - ratz, fatz, basta! Wie ähnlich sich Argerich und Dutoit im denkerisch-motorischen Temperament sind, konnte man noch in der "Symphonie fantastique" von Berlioz erleben. Auch Dutoit feuerte punktgenau und ohne in Schweiß zu geraten seine Ordres aus dem Handgelenk ins Orchester. Dramatische Zuspitzung entstand nicht durch Kraftausdrücke, sondern durch gezielte Platzierung von Effekten, einen obertonreichen Orchesterklang, der jenem von Originalinstrumenten verblüffend nahe kam, und scharfe Artikulation. Dutoit bekam am Ende minutenlangen Beifall vom Orchester und gab zu Recht seiner Bewunderung gerade für die Virtuosität der Streicher Ausdruck. Ingo Metzmacher, Chefdirigent des DSO, verfolgte das alles gereckten Kinns aus dem Saal.

rbb Kulturradio am Morgen, Frühkritik | 5. Dezember 2007
Clemens Goldberg

Martha Argerich hat Prokofjews 3. Klavierkonzert schon sehr häufig gespielt, aber offensichtlich immer noch Spaß daran, dieses publikumswirksame Stück nicht nur herunterzuspielen, sondern gekonnt zu servieren. Im geschliffenen Dialog mit dem DSO unter Charles Dutoit kam auch die witzige und funkelnde Seite des Konzerts nicht zu kurz. Sehr schön wurde deutlich, wie französisch diese Musik klingen kann! Charles Dutoit machte schon mit der ersten tänzerischen Geste in der Ouverüre zu Béatrice et Bénédict klar, dass er der ideale Interpret für Berlioz ist. Er formt die Phrasen mit großer Liebe zum Detail, versieht jede Geste, jeden Dialoganteil mit dem richtigen Platz in der Architektur der Stimmen und des Stückes und lässt trotzdem genug Luft zur Entfaltung. Unter den Augen und Ohren des Chefs Ingo Metzmacher schwang sich das Orchester zu einer großen Leistung auf. Wie homogen die Streicher in der Symphonie fantastique spielten, mit wie viel Samt und doch immer durchsichtig und schlank, das können die Philharmoniker derzeit nicht. Dutoit weiß nicht nur Geschichten zu erzählen, er ordnet ein, formt große Abläufe, gestaltet Szenerien und weiß durchaus auch um die Knalleffekte dieser Musik - doch niemals wird das eitel oder selbstgefällig. Der Walzer geriet geradezu überirdisch, wie er eben sein muss, denn er ist ja nur ein Traum. Sonderlob gebührt dem anrührenden Dialog des Englischhorns und der Oboe im dritten Satz, vor allem aber dem Klarinettisten Markus Schön, der zu jenen seltenen Augenblicken in der Musik verhalf, wo man fast das Stück vergisst, das gespielt wird. Ein idealer Konzertabend.

Berliner Morgenpost | 6. Dezember 2007
Klaus Geitel

Eine Pianistin wird stürmisch gefeiert Martha Argerich beim DSO Berlin zu Gast

Natürlich hat sich die Klavier-Elite den Vortrag des Bravour sprühenden 3. Klavierkonzerts von Prokofjew nicht nehmen lassen. Sie drängelte sich geradezu, das fingerbrecherische Meisterwerk zu spielen. So kam es auch, dass für den erkrankten Jewgenij Kissin sofort eine Ersatzfrau einsprang: die einzigartige Martha Argerich, die das Konzert gerade erst unter ihrem Ex-Gatten Charles Dutoit in New York gespielt hatte. Ein im wahrsten Sinne des Wortes eingespieltes Paar also, jetzt zu Gast in der Philharmonie beim Deutschen Symphonie-Orchester. Der Beifall dafür glich einem Jubeltumult.

Begonnen hatte Dutoit (71), seit 25 Jahren nicht mehr an der Spitze des DSO, mit Berlioz' hinreißender, scharf gewürzter, rhythmisch lodernder Ouvertüre zu "Béatrice und Benedict", einem Alterswerk. Am Schluss stand abermals Berlioz: die "Symphonie fantastique", ein wahrhaft phantastisches Jugendwerk.

Zwischen diese beiden herausfordernden Kompositionen rückte Dutoit das Klavierkonzert des draufgängerischen Prokofjew, geschrieben für die eigenen, offenbar außerordentlichen, geradezu Staunen erregenden pianistischen Fähigkeiten, die Martha Argerich nun wie im Sturmwind egalisierte. Sie vereint Kraft, Finesse und manuelle Meisterschaft. Alle rhythmischen Vertracktheiten stieben bei ihr mit wilder Grazie dahin.

Sie spielt, dass die Funken sprühen, aber haargenau dorthin, wo Prokofjew sie haben will. Außer ihrem interpretatorischen Sachverstand besitzt sie unermüdbar intelligente Hände, die im vorgeschriebenen Takt makellos zu denken verstehen. Ihr einzig vergebliches Mühen ist es, sich das lang wallende graue Haar aus dem Gesicht zu streichen. So unglaublich es klingt, wenn man sie spielen hört: auch Martha Argerich ist inzwischen ins Rentenalter gelangt. Davon aber musikalisch nicht die geringste Spur. Sie ist eine Gipfelstürmerin ihrer Kunst geblieben.