Das DSO in der Orchesterszene Berlins
Süddeutsche Zeitung | 12. November 2007
Jörg Königsdorf
Wir sind auch Berliner
Im Schatten der Philharmoniker blüht die Orchesterszene der Bundeshauptstadt.
Wenn ein Berliner Orchester auf Tournee geht, ist das für die Musiker meist mit einer desillusionierenden Erfahrung verbunden: Überall, wo sie auftreten, glaubt ein beträchtlicher Teil des Publikums, die Philharmoniker vor sich zu haben. Aus globaler Perspektive wird jedes Sinfonieorchester der Hauptstadt zu "The Berliners", und vermutlich leben von Portland bis Singapur Abertausend Menschen im guten Glauben, die legendäre Karajan-Truppe erlebt zu haben - während in Wirklichkeit das Deutsche Symphonie-Orchester, das Konzerthausorchester oder die Berliner Staatskapelle auf dem Podium saß.
Kein Wunder: Dass eine Stadt überhaupt mehr als ein Sinfonieorchester besitzt, dürfte in den meisten Ländern der Erde als unfassbarer Luxus gelten, und auch in Berlin selbst ist es nicht lange her, dass das Kulturbiotop von sieben - damals sogar noch acht - Klangkörpern zur Disposition stand. [...] Der Konkurrenzdruck hat dazu beigetragen, dass sich jedes Orchester um eine an den jeweiligen Stärken und Traditionen orientierte Profilierung gekümmert hat.
Das beginnt bei der Nummer zwei der Szene, dem Deutschen Symphonie-Orchester (DSO), das seinen Abgrenzungsehrgeiz noch aus Westberliner Zeiten herleitet. Seit seiner Gründung vor 60 Jahren musste sich das, wie es damals hieß, RIAS-Symphonieorchester gegen die Übermacht der Philharmoniker behaupten. Das gelang vor allem mit jungen dynamischen Chefdirigenten wie Lorin Maazel und Riccardo Chailly. Nach der Wende besaß die Truppe plötzlich in dem Rundfunksinfonieorchester Berlin (RSB) eine direkte Konkurrenz im Ostteil der Stadt. Doch beide Orchester konnten unter dem Dach einer GmbH überleben - eine der wenigen Erfolgsgeschichten aus dieser Ära.
Die Mischung aus Absicherung und Rivalität ist ein gutes Mittel zur Qualitätssteigerung. Während das RSB unter dem Präzisionsarbeiter Marek Janowski beachtlich an Spielkultur zugelegt hat und in seinen Programmen klug an die Rundfunkorchestertradition der zwanziger bis fünfziger Jahre angeknüpft hat, konnte sich das DSO als orchestraler Thinktank etablieren - als das Orchester, das mit herausfordernder Programmgestaltung Hörgewohnheiten und Werkklischees in Frage stellt und so das klassische Repertoire in ein neues Spannungsverhältnis stellt. Unter dem seit 2000 amtierenden Dirigenten Kent Nagano gelang das ausgezeichnet. Ideen wie die Durchbrechung von Brahms" Deutschem Requiem mit Zwischenspielen von Wolfgang Rihm oder eine Konfrontation von Bruckners Fünfter mit Bachs Goldbergvariationen wären zwar beim konservativeren Philharmoniker-Publikum vermutlich immer noch undenkbar, sie verschafften dem DSO aber ein Standing als innovatives Ensemble weit über die Stadt hinaus.
Als Nagano 2006 nach München ging, konnte er seinem Nachfolger Ingo Metzmacher ein ausgezeichnet aufgestelltes Orchester hinterlassen, das mit perfekter Homogenität der Bläserpulte und einem fülligen, dunkel timbrierten Streicherton das Ideal des traditionellen "deutschen Klangs" entpathetisiert in die Moderne überführt hat. So kamen die maßgeblichen Bruckner-Interpretationen in den vergangenen Jahren vom DSO und nicht von den Philharmonikern, die sich im romantischen Repertoire oft nur als Pool brillanter Solisten ohne gemeinsame klangliche Basis präsentierten. [...]
Vielleicht ist diese durch Konkurrenz erzwungene Spezialisierung ja nicht die schlechteste Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Institution Sinfonieorchester. Während Rattle und seine Philharmoniker unter dem schier unerfüllbaren Druck stehen, für das gesamte sinfonische Repertoire von Haydn bis Messiaen weltspitzentaugliche, stilistisch kompetente Ergebnisse präsentieren zu müssen, haben sich die übrigen Orchester diese Aufgabe einfach geteilt. Jeder kultiviert das, was er am besten kann und schafft sich gerade dadurch einen eigenen Zugang zum übrigen Repertoire. Im Halbschatten des berühmtesten Orchesters der Welt musiziert es sich mithin gar nicht so schlecht. Und das mit der Verwechslung wird sich vielleicht auch noch irgendwann geben. JÖRG KÖNIGSDORF
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.258, Freitag, den 09. November 2007 , Seite 15
