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Neue Zürcher Zeitung | 10. Oktober 2007
Peter Hagmann
Neubeginn mit Sturmwarnung
Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und sein Chefdirigent Ingo Metzmacher
›Von deutscher Seele‹ heisst das umstrittene Stück des umstrittenen Komponisten Hans Pfitzner. Ingo Metzmacher hat es an einem sensiblen Datum in Berlin dirigiert, was laute Empörung hervorgerufen hat. Zu Unrecht, wie die Aufführung und ihr Kontext erwiesen.
Mit der ›Festlichen Ouverture‹ von Dmitri Schostakowitsch und daraufhin einem Programm, das auf fröhlichen Effekt zielte, hatte es begonnen. In der Folge gab es drei Programme, die erkennen liessen, wohin das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit seinem neuen Chefdirigenten Ingo Metzmacher aufbrechen würde: ›Ein Heldenleben‹ von Strauss plus ›Amériques‹ von Varèse, ›Das Blaumeer‹ des Gehörlosen-Spezialisten Helmut Oehring vor Mahlers Vierter, das Konzert für Orchester von Lutoslawski zwischen den ›Haydn-Variationen‹ und dem zweiten Klavierkonzert von Brahms – das zeigte an, dass nach den erfolgreichen Jahren mit Kent Nagano am Pult nochmals eine neue Zeit beginnen würde.
Hier das Werk, dort das Leben?
Konzertprogramme, so Metzmacher, seien oft genug beliebig; das dürfe ruhig anders werden – gerade beim Deutschen Symphonie-Orchester, das neben den Berliner Philharmonikern bekanntlich nicht den leichtesten Stand hat. Anders werden soll es mit Hilfe thematischer Inseln, die über die kommenden Jahre hinweg Akzente im Programm setzen. Die Rolle der Farbe im Orchesterklang, so eine erste Insel, soll erkundet werden, etwa mit Olivier Messiaen, dessen hundertster Geburtstag im kommenden Jahr ansteht. Heikler eine zweite Insel. »Von deutscher Seele« soll dort die Rede sein, und das Eröffnungsstück war justament jene »Romantische Kantate« Hans Pfitzners, die diesem Bereich den Titel leiht.
Schon einmal hat ein deutscher Dirigent seinen Amtsantritt mit Pfitzner begangen und ist dafür gescholten worden. Allein, Ingo Metzmacher ist nicht Christian Thielemann und Konservativismus ebenso wenig seine Sache wie Nationalstolz. Metzmacher entstammt dem Kreis um Michael Gielen, bei dem er in Frankfurt gelernt hat, und dem Ensemble Modern, dem er als Pianist angehört hat: ein in der Gegenwart stehender, aufgeschlossener Musiker. Heute, und Metzmacher erinnert dabei an die Fussball-Weltmeisterschaft 2006, sei es auch für einen Deutschen wieder möglich geworden, von Heimat zu sprechen. Ja, hier sei seine Heimat, sagt der Dirigent und blickt durch das Fenster seiner Dachwohnung in Berlin Mitte zum Reichstag hinüber.
»Von deutscher Seele« - das Thema gerade mit dem umstrittenen Stück des umstrittenen Hans Pfitzner in Angriff zu nehmen, und das erst noch am »Tag der Deutschen Einheit«, das hatte es allerdings in sich. Der Zentralrat der deutschen Juden hat das Vorhaben denn auch mit scharfen Worten verurteilt; hier werde versucht, einen unbelehrbaren Antisemiten salonfähig zu machen. Antisemit war Hans Pfitzner (1869–1949) in der Tat, und unbelehrbar ebenfalls. Noch kurz vor seinem Tod hat der Komponist gegenüber einem langjährigen und treu ergebenen Freund, dem jüdischen Dirigenten Bruno Walter, das Wirken Hitlers gerechtfertigt und den Holocaust verharmlost. Befreundet war Pfitzner auch mit Hans Frank, dem brutalen Generalgouverneur Polens, dem er noch in die Todeszelle eine Solidaritätsadresse schickte.
Unsäglich sei das alles, sagt Metzmacher, und unerträglich. Er hat damit ebenso Mühe wie mit dem kämpferischen Konservativismus, der die Schriften Pfitzners kennzeichnet. Den Komponisten darauf zu reduzieren, wie es der Zentralrat der deutschen Juden in seiner Stellungnahme tat, geht seiner Meinung nach jedoch an der Wirklichkeit vorbei: an der Wirklichkeit eines musikalischen Schaffens, das in manchem weit über das hinausgeht, was Pfitzner mit Worten vertrat. Für Metzmacher steht ausser Frage, dass «Von deutscher Seele» ein hervorragend gemachtes, interessantes, ja bewegendes Stück ist. Nicht dass er sich mit dieser Auffassung für die Trennung von Leben und Werk, wie sie bei Wagner und Richard Strauss üblich ist, stark machen möchte. Eher geht es ihm darum, die Spannung zwischen dem einen und dem anderen bewusst werden zu lassen und sie so zur Diskussion zu stellen.
Eine Einladung zum Nachdenken also. Und das umso mehr, als Metzmacher im Lauf der Saison noch ganz andere Beispiele zum Deutschen in der Musik folgen lassen wird. Den Gegenpol zu Pfitzners Kantate bildet «Der Silbersee», die letzte Oper, die Kurt Weill vor seiner Emigration in Deutschland zur Aufführung bringen konnte. Ein weiterer Abend stellt mit ›Les Préludes‹ von Liszt und der fünften Sinfonie Beethovens zwei Stücke, die in der Propagandamaschinerie der Nazis eine besondere Stellung einnahmen, den ›Ernsten Gesängen‹ gegenüber, mit denen Hanns Eisler gegen die gesellschaftlichen Entwicklungen in der DDR Einspruch erhob. Für Metzmacher stellt diese Art, Programme zu gestalten, auch ein Stück Arbeit wider das Vergessen dar; viele Menschen jüngerer Generation wüssten nicht mehr, was ›Les Préludes‹ in den dunklen Jahren Deutschlands bedeutet hätten. Ohne ihre Rezeptionsgeschichte könne man Musik aber nicht hören – dafür stand Metzmacher schon 2002 bei der zusammen mit Peter Konwitschny erarbeiteten Hamburger Inszenierung von Wagners ›Meistersingern‹ ein.
Tradition, Vision
›Von deutscher Seele‹ ist zuerst eine Verneigung vor einem grossen Erbe. Die »Romantische Kantate« versammelt ein- und mehrstimmige Lieder, Choräle und Chorsätze, die allesamt auf Texten Joseph von Eichendorffs basieren. Und wie Pfitzner in den von ihm begleiteten Liederabenden vom einen zum nächsten Lied improvisierend überzuleiten liebte, hat er an einzelnen Stellen Orchesterstücke eingebaut – so dass das Werk fast zu einer vokal erweiterten Sinfonie wurde. An die ›Gurrelieder‹ von Schönberg und Mahlers Achte denkt man, wie Pfitzner in dem 1921 entstandenen Stück überhaupt virtuos mit den kompositorischen Errungenschaften seiner Zeit umgeht. Die Tonalität bleibt unangetastet, aber die prägnanten Tonfälle, die der Komponist anschlägt, deuten an, wie hier einer auf der Basis der Tradition zu seiner ganz eigenen Vision vorgestossen ist.
Zusammen mit dem prachtvollen Rundfunkchor Berlin (Leitung: Michael Gläser), den Solisten Solveig Kringelborn (Sopran), Nathalie Stutzmann (Alt), Christopher Ventris (Tenor) und Robert Holl (Bass) sowie seinem herrlich klingenden Orchester hat sich Metzmacher in der Berliner Philharmonie mit Liebe dieser Partitur zugewandt. In aller Klarheit erstrahlten die Strukturen; jedenfalls war gut zu verfolgen, wie linear diese Musik gedacht ist und wie opulent die Akkorde gefüllt sind. Zugleich war die Aufführung in ihrem verfeinerten Spiel mit den Instrumentalfarben von hoher sinnlicher Wirkung.
Und dann, kurz vor Schluss, diese problematische Stelle, wo nach den Worten «Das Land ist ja frei» ein scharfer Militärmarsch in rasselndem C-Dur ausbricht. Drei Jahre waren vorbei seit der Niederlage des Ersten Weltkriegs und seit dem Verlust von Strassburg, wo Pfitzner nach Jahren der Entbehrung seine Lebensgrundlage gefunden hatte – dieser Schmerz schlägt hier in Rachsucht um. Metzmacher stellte das krass heraus, indem er den Marsch grell, ja überdreht spielen liess. Nicht nur mit der Wahl des Stücks, auch als Interpret hat er hier Stellung bezogen und hörbar gemacht, dass Leben und Werk in einer Spannung zusammengehören können, die man erst einmal aushalten lernen muss.
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