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Der Tagesspiegel | 11. September 2007
Jörg Königsdorf
Ehrenrettung für einen Helden
Um sein Herzensthema, die Auseinandersetzung mit dem Deutschen in der Musik, anzugehen, verliert Ingo Metzmacher keine Zeit: Schon in seinem ersten AboKonzert knöpft sich der neue Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Richard Strauss „Ein Heldenleben“ ein Stück vor, das das deutsche Selbstbild in seiner ganzen Zwiespältigkeit zeigt. Allzu oft klingt Strauss’ autobiografische Tondichtung wie ein Soundtrack zur wilhelminischen Ära: Selbstherrlich in seiner vollorchestralen Protzigkeit und der krachledernen Deftigkeit seines Heldenmotivs, dann wieder von sentimentaler Ergriffenheit im Gedenken an die eigenen Leistungen und zwischendurch, beim Spott auf die quäkenden Kritiker, gern auch ein bisschen antisemitisch.
Nicht jedoch bei Metzmacher: Der schnallt in der Philharmonie dem Helden seinen Kürass ab und findet dahinter ein romantisches Herz und einen kühnen Geist. Überrascht nimmt man zur Kenntnis, wie zart besaitet dieser Held ist. Das Porträt der Strauss-Gattin Pauline (souverän, wenn auch mit einer Überdosis Vibrato: Konzertmeister Wei Lu) ist eine noble Vignette im Rokoko-Geist, die Nachechos des Werdegangs werden zu Reflexionen über die eigene Existenz, die bis in die entlegensten, mit fabelhaften Klangmischungen ausgehorchten Seelen-pianissimi vordringen. Die auftrumpfenden Passagen spitzt Metzmacher ins Grelle zu, gibt ihnen zugleich eine eiskalte, nahezu gestanzte Präzision – das ist nicht das Geräusch der Krupp-Kanonen, sondern das eines freilich ebenso Menschen fressenden industriellen Produktionsprozesses.
Zu Edgard Varèses „Amériques“ von 1926, dem Klangpanorama der neuen Weltmacht USA, ist es da nur noch ein kleiner, folgerichtiger Schritt. Dessen Beginn scheint mit seinen Arabesken von Harfen und Holzbläsern direkt an eine Stelle im „Heldenleben“ anzuknüpfen. Die Kühnheit, mit der die Klangmöglichkeiten des Orchesters zum akustischen Totalitätsanspruch erweitert werden, ist das Verbindungsglied zwischen spätromantischer und neuer Musik. Eine Erkenntnis, die nicht nur dirigentische Kopfgeburt bleibt, sondern von einem fabelhaft disponierten Orchester mitgetragen wird.
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