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Frankfurter Allgemeine Zeitung | 10. September 2007
Martin Wilkening
Auf die Seele, fertig, los!
Wenn es einen Dirigenten der mittleren Generation gibt, dessen Persönlichkeit so sehr in der Verantwortung für die Musik aufgeht, dass sämtliche Klischeebildungen an ihm abprallen, dann ist es Ingo Metzmacher. Der neue Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters ist bei Verdi ebenso zu Hause wie bei Bach, gerade weil er die Musik des klassischen Repertoires ganz aus der Nähe zur Musik der Gegenwart begreift.
Nachdem er in Hamburg und Amsterdam, dessen Opernhaus er mit Ende dieser Spielzeit verlässt, vor allem als Anwalt des Neuen auftrat, besetzt er in seiner ersten Berliner Saison das Kernrepertoire, mit Brahms oder Beethoven, aber auch solchen Schlachtschiffen wie Strawinskys „Sacre“ oder Messiaens „Turangalila-Symphonie“, mit denen fast jeder neue Chef in dieser Stadt in den letzten Jahren seine Visitenkarte abgegeben hat. Das ist natürlich Strategie im Berliner Dirigenten-Haifischbecken, aber auch ein Zeichen des Widerstands gegen den Etikettenschwindel, der die Vermarktung bestimmt.
Besondere Verpflichtung
Aber, seltsam genug, auch daraus lässt sich werbetechnisch noch etwas machen, und beim DSO ist man spätestens seit der Nagano-Ära nicht gerade zimperlich, was das In-Szene-Setzen des Musikchefs angeht. So fügt es sich werbetechnisch ganz wunderbar, dass Metzmacher, den seit längerem das Thema der deutschen Identität umtreibt, hier auf ein Orchester trifft, das in den Nachwendejahren just jenes Adjektiv für seinen Namen adoptierte und bei seiner nunmehr genau sechzigjährigen Geschichte, die als Rias-Symphonie-Orchester begann, tatsächlich noch nie einen deutschen Chefdirigenten besaß. Das war zuvor eigentlich niemandem besonders aufgefallen, wird von Metzmacher, der auch den internationalen Musikbetrieb gut kennt, aber offensichtlich als besondere Verpflichtung begriffen.
Dass gerade dieses Orchester sich, etwa mit geschichtsbeladenen Stücken von Wolfgang Rihm, schon länger an sozusagen urdeutschen Themen und Traumata musikalisch abgearbeitet hat, gehört ja zu seiner eigenen Identität. Aber wozu dient es, dass der Chefdirigent mit verschmitztem Lächeln und wie nebenbei vom Podium herab sein Orchester geradewegs zu einem Repräsentanten „der guten Geschichte dieses Landes“, der Bundesrepublik, erklärt? Offensichtlich wünscht sich Metzmacher jedenfalls solch eine provokative Belastung des Musikhörens und -machens für seine erste Spielzeit, und ein Blick in das Saisonprogramm zeigt dann auch wieder, welche Brüche mit der Strapazierung des „Deutschen“ auch in den Blick geraten, wie Metzmacher sein Publikum in eine durchaus zwiespältige Begegnung mit sich selbst hineinziehen will.
Jenseits von Brecht und Broadway
So eröffnet Hans Pfitzners 1921 entstandene Eichendorff-Kantate „Von deutscher Seele“ als spannendes Werk mit eher unangenehmer Rezeptionsgeschichte einen Konzertzyklus mit ebendiesem Namen. Kurt Weills „Silbersee“ als Gegenpol lenkt den Blick einmal auf den Musiktheater-Komponisten jenseits von Brecht und Broadway. Und in dem schillerndsten Programm zwingt Metzmacher Franz Liszts durch Nazi-Missbrauch bis heute nahezu tabuisierte „Les Préludes“ in ein Zusammentreffen mit Hanns Eislers „Ernsten Gesängen“ und Beethovens Fünfter.
Zwischen solchen Seelenquälereien locken aber auch sogenannte etwa einstündige „Casual Concerts“ ihr Publikum zum Niedrigpreis mit freier Platzwahl in die Philharmonie, bei denen in legerer Kleidung musiziert wird und der Dirigent auch als Moderator auftritt. Mit solchen Gesten an sein zukünftiges Publikum zeigt Metzmacher, ebenso wie mit der Bandbreite seines Angebots, überdeutlich, wie weit zu gehen er bereit ist, um Menschen für die Musik zu gewinnen. Das Gleiche gilt auch gegenüber dem Orchester, denn die Präsenz des neuen Chefs ist, auch dank langer Vorplanung, beeindruckend. Im September und März arbeitet er fast den ganzen Monat mit den Musikern zusammen, stemmt dabei alleine zum Saisonauftakt zehn Konzerte mit sechs Programmen.
Klangvoll, präzise und konzentriert
Das Orchester sollte es ihm zu danken wissen, denn so entspannt, dabei doch klangvoll, präzise und konzentriert und bis in die kleinste rhythmische Geste von Sinn erfüllt, wie in dem Gala-Konzert zur Saisoneröffnung hat man das Orchester nicht oft gehört. Und Metzmacher ist ein Dirigent, der seinen Musikern nicht die Show stiehlt, ihnen vielmehr durch sein beeindruckend ökonomisches und souveränes Dirigieren die Sicherheit für Höchstleistungen vermittelt. Wenn er bei Verdis Ouvertüre zur „Macht des Schicksals“ auch einmal in die Knie geht, dann erscheint selbst das in diesem Moment nicht als ein Nachmalen dessen, was im Orchester geschieht, sondern wirklich als in diesem Moment sinnvollste Geste, um eine ebenso gespannte wie plötzliche Zurücknahme ins Piano zu erreichen.
Das Programm hatte Metzmacher, der sich als Super-Nachfolger und Synthese gleich aller seiner Vorgänger präsentierte, als Hommage an diese zusammengestellt. Schostakowitschs „Festliche Ouvertüre“, ein Werk, dessen stramme Fanfaren und hohl quirlender Optimismus keineswegs zum Eigentlichen dieses Komponisten zählen, durfte dabei auch den nach einjähriger Schließzeit frisch renovierten Sendesaal im Haus des Rundfunks wiedereröffnen - ein merkwürdig unreflektierter Auftakt, der nicht nur an die Nachkriegsjahre des Berliner Rundfunks unter sowjetischer Regie erinnerte, sondern auch an die „Wunschkonzert“-Jahre davor.
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