Ingo Metzmacher im Interview
Die Zeit | 27. September 2007
Claus Spahn
Ich bin eine deutsche Seele
Ingo Metzmacher, der neue Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, will am Tag der Deutschen Einheit den Antisemiten Hans Pfitzner aufführen. Ein Gespräch über das Deutsche in deutscher Musik
Herr Metzmacher, in Ihrer ersten Spielzeit als Chefdirigent des Deutschen Symphonieorchesters in Berlin begeben Sie sich auf die Suche nach der »deutschen Seele«. Warum?
Weil ich selbst eine bin.
Woran merken Sie das?
Ich bin auf der Suche nach dem, was das Deutsche ausmacht. Wo komme ich her? Worin wurzele ich als Musiker? Das sind Fragen, denen ich schon lange nachgehe. Ich habe sehr viel von meinem Vater gelernt, der ja auch Musiker war. Er hat in den zwanziger Jahren in Leipzig studiert, noch bei Julius Klengel. Da war Max Reger gerade tot, und es wurde, als mein Vater dort war, von ihm erzählt, als würde er noch leben. Es ist eine sehr deutsche Tradition, in der ich groß geworden bin. Als sich jetzt abzeichnete, dass ich nach Berlin gehen würde, war es ein spontaner Impuls, das Deutsche in der Musik in einer Konzertserie zu erforschen. Wir werden Hans Pfitzner und Kurt Weill aufführen, Schumann, Liszt, Eisler, Beethoven, Mendelssohn, Henze.
Ist denn die Frage nach dem Deutschen in der Musik im Moment besonders aktuell?
Klar. Spätestens die Fußballweltmeisterschaft im vergangenen Jahr hat doch gezeigt, dass man an solche Fragen offener und unbefangener herangehen kann.
Sie glauben also daran, was viele behaupten: Die Fußball-WM hat den Deutschen die Selbstversöhnung gebracht?
Ich glaube nicht, dass sich durch die WM alles geändert hat. Das war schon vorher anders, aber die WM war der Moment, wo das ganz natürlich herauskam.
Und deshalb führen Sie nun am Tag der deutschen Einheit Hans Pfitzners romantische Kantate ›Von deutscher Seele‹ auf. Was interessiert Sie plötzlich an Pfitzner?
Ich habe um Pfitzner immer einen großen Bogen gemacht. Ein Freund hat dann mal eine CD mit Orchesterliedern aufgelegt. Ich war ganz beeindruckt und hab gefragt: Was ist das? Es war Pfitzner. Ich dachte mir, aha, siehst du, man muss halt erst mal die Musik hören, bevor man urteilt. Es gibt auch eine Geschichte mit meinem Vater, der Pfitzner kannte und mit ihm in den zwanziger Jahren musiziert hat.
Und was hat Ihr Vater über Pfitzner erzählt?
Dass er immer grantig war, wenn man zu spät kam.
Hat er ihn als positive oder negative Figur geschildert?
Mein Vater hat ihn sehr geschätzt, mir gegenüber aber nicht so viel von ihm erzählt. Von meiner Mutter weiß ich, dass er immer sehr gerührt war von Pfitzners Musik.
Hans Pfitzner war Moderneverächter und Antisemit. Von ihm existiert der Satz: »Ich habe zeit meines Lebens in die Kerbe gehauen, die heute als theoretische Voraussetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung gilt.« Er hat dem als »Polenschlächter« berüchtigten Nazi Hans Frank bis in die Nürnberger Prozesse hinein die Freundschaft gehalten.
Er war aber auch ein Freund des Dirigenten Bruno Walter.
Ja, aber als Bruno Walter ihn nach Kriegsende in einen Brief auf die Entsetzlichkeiten in den Konzentrationslagern hinwies, bekannte sich Pfitzner unbeeindruckt zu Hitler, zur NSDAP und tat die Massenmorde als »unvermeidlich« ab.
Furchtbar, was Pfitzner so alles von sich gegeben hat, gegen die internationalen Juden oder gegen die Moderne in der Musik. Obwohl ihn die Nazis ja nicht mochten, weil er so eine grüblerische, in sich verknotete Musik geschrieben hat.
Ist es wirklich eine gute Idee, ausgerechnet am Tag der deutschen Einheit, den politisch völlig inakzeptablen Pfitzner aufzuführen?
Ich will ein Stück zur Debatte stellen. Man kann doch an so einem Tag nicht nur irgendeine festliche Musik spielen. Die Bereitschaft zur streitbaren Auseinandersetzung gehört für mich dazu. Ich sehne mich in meiner Arbeit immer danach, dass Musik auch eine gesellschaftliche Bedeutung hat, dass die Leute nicht nur hingehen und hinterher sagen, die haben aber gut gespielt. Vielleicht kriege ich dafür am Ende einen auf den Deckel, kann sein.
Sie möchten, dass man das Politische und Biografische bei Pfitzner mal außen vor lässt und nur die Musik hört?
Genau. Ich will dieser Musik eine Chance geben. Vielleicht ist das auch deshalb möglich, weil ich völlig unverdächtig bin, in einer rechten politischen Ecke zu stehen. Die Kantate berichtet von deutscher Seele, sie ist eigentlich ein Liederzyklus, aber geschrieben für vier Sänger, großen Chor und Orchester. Ich kenne kein anderes Stück in dieser Art. Von Pfitzner weiß man, dass er in Liederabenden als Begleiter Überleitungen improvisiert hat, von einem zum nächsten Lied. Die hat er hier auskomponiert. Es gibt zwischen den Liedern riesige Orchesterzwischenspiele, eine Nachtmusik zum Beispiel. Ich dirigiere ja eigentlich nur Werke, denen ein Moment des Wagnisses, des Aufbruchs, des mutigen Behauptens innewohnt. Das finde ich unbedingt gegeben bei diesem Stück. Einerseits hat Pfitzner gegen die Moderne gehetzt, andererseits ist ein Orchesterzwischenspiel, ›Tod des Postillion‹, unglaublich modern. Das steht unmittelbar neben Gustav Mahler.
Ist dem Stück ein nationalistischer Ton einkomponiert?
Es gibt nur eine Stelle in dem Eichendorff-Texten, an der heißt es: Und das Land ist doch frei!
Das klingt unangenehm dröhnend: Blech, volles Orchester, C-Dur!
Da ist ihm der Gaul durchgegangen. Man muss bedenken: Pfitzner hatte angeblich seine beste Zeit in Straßburg als Musikdirektor. Und dann wurde Straßburg nach 1918 französisch. Das sogenannte Diktat von Versailles hat ihn, wie viele Deutsche, extrem geschmerzt. So schrieb er 1921 in seiner Kantate diese Stelle…
…aus der ein revanchistischer Geist tönt…
Mal abwarten. Ich hab’s ja noch nicht gemacht.
Das Fortissimo steht aber doch drin in der Partitur.
Aber es ist ja klar, dass wir dieses Werk nicht aufführen können wie jedes andere Stück Musik. Es ist eine Aufgabe, die wir uns da gestellt haben. Und selbstverständlich möchte ich nicht hinterher auf die Schulter geklopft bekommen im Sinne von: Mensch, der Metzmacher macht den Pfitzner wieder gesellschaftsfähig, dem wird politisch jetzt alles vergeben.
Mit welcher inneren Einstellung gehen Sie an Pfitzner ran? Darf man das eine heimlich erwachte Liebe nennen, oder ist es eine kritische Auseinandersetzung mit Provokationseffekt?
Ich habe mich immer instinktiv zu bestimmten Sachen hingezogen gefühlt, das war damals bei Karl Amadeus Hartmann, für den ich mich starkgemacht habe, nicht anders. Ich hab dann das Gefühl, ich muss das jetzt unbedingt machen.
Gibt es da nicht einen Widerspruch: Auf der einen Seite haben Sie in Hamburg gemeinsam mit Peter Konwitschny Wagners ›Meistersinger‹ unter der Prämisse auf die Bühne gebracht, dass man das Werk nicht von seiner Rezeption lösen kann. Sie haben die Musik in der prekären Schlussansprache von Hans Sachs angehalten und darüber auf offener Bühne diskutieren lassen. Nun plädieren Sie bei Pfitzner dafür, mal von der unheilvollen Rezeption abzusehen. Wie passt das zusammen?
Moment, Moment. Wir hatten bei den ›Meistersingern‹ ein Problem mit dem Text an der Stelle. Wir haben deutlich gemacht, dass der Text damals bei Wagner etwas anderes meinte als heute, nach der Geschichte, die wir seitdem erlebt haben. Bei Pfitzner ist das nicht so. Der hat selbst ganz bewusst auf die Zeitgeschichte reagiert, in Deutschland im Jahr 1921. Jetzt ist die Frage, wie ich das heute aufführe: Das werden wir am 3. Oktober sehen. Vergessen Sie auch nicht: Pfitzner ist ja nicht der einzige Komponist, den wir in unserer Konzertserie spielen. Das nächste Projekt ist gleich Kurt Weill: ›Der Silbersee‹. Das Stück wurde 1933 uraufgeführt, da waren die Nazis gerade an die Macht gekommen. Es basiert auf einem Schauspiel von Georg Kaiser und beleuchtet eine ganz andere Schnittstelle deutscher Geschichte. Am Ende gehen die beiden Helden mitten im Sommer über einen vereisten See ins Ungewisse.
Und Sie machen zusammen mit der fünften Symphonie von Beethoven und den ›Ernsten Gesängen‹ von Eisler ›Les Préludes‹ von Liszt, das die Nazis als Erkennungsmelodie für ihre Wehrmachtsmeldungen missbraucht haben. Wollen Sie dem Stück auch wieder eine Chance geben?
›Les Préludes‹ hat sich von dem Missbrauch durch die Nazis nie erholt. Es ist ein Stück, dass zeigt, wie sehr Musik instrumentierbar ist.
Und in allem haust die deutsche Seele. Was macht sie denn nun aus?
In ihr hat vieles Platz. Banal formuliert: Sie ist zu extremen Äußerungen fähig, in alle Richtungen. Das macht ihre Faszination und zugleich ihre Verführbarkeit aus. Mich interessiert in diesem Zusammenhang auch eine Figur wie Wilhelm Furtwängler, der mir früher völlig fremd war. Man ist schnell dabei, zu sagen, er sei weltfremd gewesen und unpolitisch und habe nur für die Musik gelebt. Das könnte man von meinem Vater auch sagen, aber das stimmt so nicht. Es gibt bei Furtwängler einen Zusammenhang, zwischen der Haltung, die Welt nur durch die Musik zu betrachten, und dem Entschluss, in Deutschland zu bleiben, um die großen Ideale zu verteidigen. Dass er genau dadurch missbraucht wurde, finde ich erschreckend.
Hätten Sie das vor fünfzehn Jahren genauso gesehen?
Metzmacher: Da hätte ich gesagt: Wer sich so verhalten hat, den kann ich nicht akzeptieren.
Interessiert Sie auch, was Furtwängler musikalisch gemacht hat?
Inzwischen mehr, ja. Allein so ein Satz wie: »Es kommt immer drauf an, wie es klingt«, auf die Frage nach dem richtigen Tempo. Wenn man, wie ich, von der modernen Musik kommt, ist man von einer Absolutheit des Tempos geprägt. Da steht geschrieben: Achtel gleich 172, Sie stellen ihr Metronom ein und spielen das so. Es gibt kein Herantasten: Wie soll das eigentlich klingen? Furtwängler hatte recht, dass Klang und Tempo einander bedingen. Auch seine Freiheiten in der Agogik weiß ich heute viel mehr zu schätzen. Musik ist viel beweglicher, als ich, von der neuen Musik kommend, einmal dachte.
War nicht Otto Klemperer Ihr Vorbild?
Das ist er immer noch. Es gibt ja nicht nur eine deutsche Tradition. Es gibt auch die, die Deutschland verlassen hat. Leute wie Klemperer, die gesagt haben, ich will in diesem Land nicht mehr spielen. Erich Kleiber, Fritz Busch – die bewundere ich sehr. Ihre Haltung war auch eine musikalische: kompromisslos, gerade, klar.
Was ist deutsch an deutschen Dirigenten?
Der berühmte Begriff des Kapellmeisters. Die Schulung an der Praxis. Die deutsche Karriere läuft ja immer über das Opernhaus. Man wird Repetitor und irgendwann in den Graben gestellt. Es geht dabei um Handwerk. Das formt sehr. Man hat nicht die Haltung: Ich bin Dirigent und muss jetzt was ganz Besonderes machen. Man lernt, sich nicht größer zu machen als die Musik.
Wenn’s ums Deutsche an der deutschen Musik geht, wird gerne Ernest Ansermet zitiert, der gesagt hat: Die deutsche Musik hat die Welt gelehrt, was Tiefe ist.
Das ist ein problematischer Begriff, weil der nahelegt, dass wir irgendwie tiefer seien als andere.
Und was ist mit dem viel diskutierten deutschen Orchesterklang? Gibt es den?
Glaube ich nicht. Orchester sind ja lebendige Organismen. Man muss mit ihnen den Klang bei jedem Stück und jedem Komponisten wieder neu suchen. Klang ist etwas, das reagiert auf Umgebung, auf Menschen, auf alles.
Was sagen Sie zu Joachim Kaiser, der über die deutsche Musik geschrieben hat: »Die Welt sollte einsehen, warum musikalische Menschen das ominöse Wörtchen ›deutsch‹ nicht voller Selbsthass aussprechen, sondern stolz und ein wenig melancholisch«?
Das hat er schön gesagt.
Tagesspiegel | 9. September 2007
Frederik Hanssen
Nach Nagano: Ingo Metzmachers Antrittskonzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester
Der Mann weiß, wie man auf die Pauke haut. Als Teenager hat Ingo Metzmacher erste Orchestererfahrungen als Schlagzeuger in einem Jugendensemble gesammelt. Später sattelte er dann aufs Dirigieren um, kam übers Frankfurter Ensemble Modern an die Hamburgische Staatsoper, wo er sich einen hervorragenden Ruf als engagierter Trommler fürs Unerhörte erarbeitete, so dass ihn das Deutsche Symphonie-Orchester schließlich als Nachfolger von Kent Nagano an die Spree lockte. Mit einem schrillen Beckenschlag sorgte er hier allerdings noch vor Amtsantritt für Wirbel, als er den verdienten Orchesterdirektor Andreas Richter vor die Tür setzte. Für den dritten Oktober hat er seinen nächsten Coup vorbereitet: Dann wird er mit dem DSO Hans Pfitzners 1921 komponierte Kantate „Von deutscher Seele“ aufführen – ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit ein Werk des bekennenden Anti-Avantgardisten. Im Gespräch kann Metzmacher allerdings absolut nachvollziehbar erklären, wie Pfitzner seine dubiose politische Haltung durch seine komplexen Kompositionen selber ad absurdum führt – und warum es sich für einen freien Geist wie Ingo Metzmacher in dieser und in den kommenden Spielzeiten lohnt, mit seinem neuen Orchester nach dem zu suchen, was die heimische Musikwelt im Innersten zusammenhält.
Reden kann der 1957 geborene Hannoveraner nämlich fast ebenso gut wie dirigieren. Locker und unterhaltsam, ohne dabei je ins Oberflächliche abzugleiten. Darum moderierte er am Freitag auch gleich sein eigenes Antrittskonzert: Als Hommage an seine illustren Vorgänger ist das Programm angelegt, mit dem gleichzeitig das 60. Gründungsjubiläum des Orchesters gefeiert wird. Die zum „Galaabend“ proklamierte Veranstaltung findet zudem im frisch renovierten Sendesaal des RBB im Funkhaus an der Masurenallee statt. Sogar das Bundespräsidenten-Ehepaar gibt sich die Ehre. Nicht nur darum ist Ingo Metzmacher sichtlich nervös: Viel hat er sich vorgenommen, dirigiert zum Saisonstart gleich sechs sehr unterschiedliche Programme in Folge, von der als Klangrecherche angelegten Gegenüberstellung von Richard Strauss und Edgar Varèse über die Präsentation seines Lieblingszeitgenossen Helmut Oehring bis hin zum „Casual Concert“, einem Import aus den USA, bei dem Orchester wie Publikum zwecks Hemmschwellensenkung in Freizeitkleidung erscheinen sollen. Da lastet einiges auf den – zugegebenermaßen breiten – Schultern des Neuen.
Der Bürde, nun in einer Reihe mit den hoch geehrten früheren DSO-Lenkern Ferenc Fricsay, Lorin Maazel, Riccardo Chailly, Vladimir Ashkenazy und Kent Nagano zu stehen, entledigt sich Metzmacher wie gesagt dadurch, dass er ihnen gleich sein erstes Konzert zueignet – eine ebenso noble wie in der Berliner Nachkriegsmusikgeschichte wohl einmalige Geste. Nicht alles gelingt dabei gleich auf Augenhöhe: So brillant das DSO auch spielt, so geschickt Metzmacher die Qualitäten dieses hellen, wachen, stupend flexiblen Orchesterklangs zur Geltung bringt, insgesamt wirkt dieser Schostakowitsch-Bartok-Verdi-Gershwin-Ravel- Abend dann doch ein wenig verhetzt, überbelichtet, zu sehr auf Struktur getrimmt. Wie er seine Musiker zu virtuoser Schärfe, zu blitzender Präzision antreibt, darin ist Ingo Metzmacher an diesem festlichen Freitag seinem Berliner Kollegen Simon Rattle, ebenfalls einem Ex-Perkussionisten, sehr nahe: Rhythm is it!
Tagesspiegel | 27. März 2007
Jörg Königsdorf
Denk ich an Deutschland
Ingo Metzmacher, neuer Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, über seinen Berlinstart
Herr Metzmacher, Ihren Hamburger Posten haben Sie aus Protest gegen die dortige Kulturpolitik aufgegeben, und an der Amsterdamer Oper haben Sie einigen Gegenwind zu spüren bekommen. Warum übernehmen Sie jetzt überhaupt noch eine Position als Chefdirigent?
Mich interessiert es nun mal, an größeren Projekten zu arbeiten und mit meiner Arbeit nachhaltig beim Publikum wie bei den Musikern zu wirken. Und als Gastdirigent kann ich das nicht. Allein schon, weil ich dann die Programme, die ich spannend finde, gar nicht durchsetzen könnte.
Was finden Sie denn spannend?
Als ich mich zum ersten Mal mit der Möglichkeit auseinandergesetzt habe, Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters zu werden, fiel mir ein großes Thema ein: Ich möchte mich in den nächsten Jahren mit dem Deutschen in der Musik auseinandersetzen. Ich finde, das gehört hier nach Berlin, und außerdem werde ich der erste deutsche Chefdirigent dieses Orchesters sein, das das Wort »Deutsch« sogar im Namen hat. Ich wünsche mir, dass das DSO künftig als Deutsches Nationalorchester im positiven Sinn verstanden wird, ähnlich wie in Frankreich das Orchestre National de France.
Wie ist denn nun das Deutsche?
Auf jeden Fall ist es sehr vielseitig. Faszinierend ist doch gerade, dass im Deutschen die Extreme sowohl des Guten wie des Schlechten möglich sind. Wir starten zum Beispiel am 3. Oktober mit Hans Pfitzners Kantate ›Von deutscher Seele‹ - einem Stück, das bisher schon wegen Pfitzners Unterstützung der Nationalsozialisten unter starkem ideologischen Verdacht stand. Dann kommt Kurt Weills ›Silbersee‹, ein hoch symbolisches Stück, das Weill kurz vor seiner Flucht in die USA geschrieben hat. So werden wir versuchen, im Rahmen einer eigenen Konzertserie diese verschiedenen Seiten des Deutschen zu beleuchten – auch die leichte übrigens, die mit einer Kombination von Hans Werner Henzes Mendelssohn-inspirierter achter Sinfonie sowie dessen Musik zum ›Sommernachtstraum‹ vertreten sein wird.
Woher kommt dieses besondere Interesse für das Deutsche? Hat das auch biografische Ursachen?
Natürlich. Ich bin Jahrgang '57, meine Eltern haben das Dritte Reich noch voll miterlebt. Dieses Nachdenken darüber, was es heißt, deutsch zu sein, war für mich seit meiner Jugend präsent – als Student habe ich mich zum Beispiel viel mit dem deutschen Widerstand beschäftigt. Und später habe ich lange im Ausland gelebt, da wird man sich automatisch seiner Herkunft bewusster. Auch weil man sie öfter verteidigen muss.
Hat sich diese Auseinandersetzung schon früher in Ihrer Arbeit niedergeschlagen?
Sicher. Vor allem in meiner Zusammenarbeit mit dem Regisseur Peter Konwitschny. Die Opern, die wir zusammen in Hamburg herausgebracht haben, gehörten fast alle zum deutschen Kernrepertoire: von ›Freischütz‹, ›Lohengrin‹ und den ›Meistersingern‹ bis zum ›Rosenkavalier‹ und ›Moses und Aron‹.
Sie sind in Hamburg vor allem als Operndirigent hervorgetreten. Werden Sie auch in Berlin Oper machen?
Ich habe nicht die Absicht, an einem der Berliner Opernhäuser zu dirigieren – erst mal habe ich ja auch noch ein Jahr als Chef an der Amsterdamer Oper vor mir. Aber ehrlich gesagt bin ich nach all den Jahren auch etwas opernmüde. Ich habe das Gefühl, dass für mich jetzt ein Konzertorchester dran ist.
Sie gelten als energischer Befürworter der Moderne. Wie viel neue Töne verträgt das Berliner Publikum?
Ich glaube, dass die Empfänglichkeit des Publikums für Neue Musik stark davon abhängt, wie man sie präsentiert. Für mich besteht die Bedeutung eines Konzertprogramms darin, dass eine Zusammenstellung das Gefühl für jedes gespielte Stück schärft. Mir käme es zum Beispiel nie in den Sinn, Beethoven mit Mahler zu kombinieren. Aber Mahler mit Helmut Oehring, das macht Sinn. Helmut Oehring ist übrigens ein Komponist, den ich besonders fördern will: In jeder Saison soll ein größeres Werk von ihm auf dem Spielplan stehen. Oehring hat für mich einen ganz authentischen, eigenen Ton, im Gegensatz zu vielen jungen Komponisten, die zwar ungeheuer virtuos schreiben können, aber keine eigene, wiedererkennbare Stimme besitzen.
Das DSO ist mit drei anderen Ensembles im Dachverband der Rundfunkorchester und -chöre (ROC) zusammengeschlossen. Dort wünscht man sich ein stärkeres gemeinsames Auftreten der Ensembles.
Ich glaube schon, dass ein solches Projekt möglich und sinnvoll ist. Nur sollte es dann mit dem Entstehungsgrund der ROC zu tun haben. Diese Konstruktion ist eine Folge der Wiedervereinigung, und daher fände ich es sinnvoll, wenn sie sich mit der Musik beschäftigt, die in den beiden Teilen Deutschlands zwischen 1945 und 1989 entstanden ist. Da gibt es eine Menge aufzuarbeiten!
Berlins Orchester werben derzeit intensiv um neue Publikumssschichten – sowohl das Konzerthausorchester wie die Philharmoniker planen beispielsweise, durch die Integration islamischer Musik die türkischstämmige Bevölkerung anzusprechen.
Ich denke da eher von der Musik selbst her. Für mich selbst steckt in der klassischen bis zeitgenössischen E-Musik mehr Bedeutung drin als oft unterstellt wird. Für mich ist es wichtiger, die Hemmschwelle zu senken, die einem Konzertbesuch entgegensteht, als mit Multikulti- Projekten Aufmerksamkeit zu erregen. Wir werden deshalb in der kommenden Saison drei so genannte Casual Concerts veranstalten, bei denen das klassische Konzertritual aufgebrochen wird: Das Orchester trägt Zivil, es gibt Einheitspreise und freie Platzwahl, und ich werde auch etwas zu den Stücken sagen. Wir starten mit Musik von Leonard Bernstein, weil das sozusagen der Urvater der Klassik-Vermittlung ist. Und damit komme ich noch mal zur Anfangsfrage zurück: Solche Projekte kann man eben nur durchsetzen, wenn man selbst der Chef ist.
Die Welt | 26. März 2007
Manuel Brug
Musik ist ein Freund fürs Leben
Der Dirigent Ingo Metzmacher über Tradition, Moderne und seine Zukunft in Berlin
Der Ingo Metzmacher von heute sieht so anders aus als der vor fünf Jahren. Warum?
Er ist älter geworden. Das hat sich – naturgemäß – ergeben. Aber eine gewisse Verschlankung, die habe ich bewusst betrieben. Wie bei so vielem merkt man, dass sich Batterien nicht einfach so wiederaufladen lassen. Ich hatte einen sehr guten Physiotherapeuten, der mir viel über Balance, über Körperbewusstsein beigebracht hat.
Hängt das auch damit zusammen, dass sie anders als bei ihrem Start in Hamburg heute nicht mehr die Nachwuchshoffnung, sondern arriviert sind?
Hamburg war Sturm- und Drang-Phase, ich habe vieles zum ersten Mal ausprobiert. Heute reflektiere ich doch viel mehr.
Warum ist in Amsterdam so schnell wieder Schluss?
Ich will mich auf Berlin konzentrieren. Und ich habe gemerkt, dass es für mich nicht funktioniert, als Chefdirigent kein eigenes Orchester zu haben. Man ist dort König ohne Land. Aber das ist eben deren System.
Also wieder die Entscheidung für eine neue Epoche. Wo möchten Sie in zehn Jahren sein?
Ich bin sehr froh, jetzt nach Berlin zu gehen, auch hier zu wohnen, ich denke gar nicht daran, anderswo zu sein. Ich habe ein sehr gutes Gefühl mit dem Orchester. Es gibt Konkurrenz, die Finanzierung ist ständig in Bewegung. Ich habe große Lust, an diesen Prozessen mitzudrehen.
Wie wirkt sich das programmatisch aus?
Es gab bei mir einen spontanen, erstaunlich starken Impuls, als sich abzeichnete, dass es mit dem Deutschen Symphonie-Orchester etwas werden könnte. Da ist der Name, da ist diese – verhältnismäßig junge – Vergangenheit, die für Moderne und Zeitgenossentum, für eine erstaunliche stilistische Spielbandbreite steht. Und ich bin jetzt der erste deutsche Chefdirigent, es gibt die sehr gute Zusammenarbeit mit dem DeutschlandRadio. Das ist mir alles nicht unsympathisch, dem mag ich mich stellen, ohne Geklingel, ohne Sendungsbewusstsein.
Metzmacher, der Patriot?
Ich habe wieder festgestellt, wie sehr mich doch das Deutsche in der Musik interessiert. Besonders auch im 20. Jahrhundert. Ich denke aber nicht so viel nach, was machen die anderen, wie setze ich mich von Rattle, Barenboim, Zagrosek oder Janowski ab. Ich habe mich auf meine Linie besonnen. Und gerade in Berlin, da interessiert mich das Nebeneinander eines Pfitzner und eines Eisler. Das sind zwei Haltungen, die man immer noch diskutieren muss. Was mich gar nicht beschäftigt, ist die ominöse Diskussion um einen »deutschen« Orchesterklang oder das ewige Rühren in der deutschen Tradition des 19. Jahrhunderts. Das Zerrissene der deutschen Seele kommt erst später wirklich quälend zum Ausdruck. Hartmann, Stockhausen, Bernd Alois Zimmermann, Rudi Stephan, das sind für mich augenblicklich Namen als Spiegelbilder deutscher Geschichte, die an diesen widersprüchlichen Ort Berlin gehören. Dieses Orchester hat die deutsche Nachkriegsgeschichte mitbegleitet, das ist auch »mein« Deutschland. Ich muss hier aber bestimmt nicht das Rad neu erfinden.
Also eher wieder »konventionellere« Programme?
Diese Extreme wie bei Kent Nagano, der ein sehr gutes Programm gemacht hat, wird es bei mir nicht geben. Auch in konventionelleren Konzertformen kann man viel entdecken. Unser Publikum ist abenteuerlustig, es will sich herausfordern lassen. Dafür ist dieses sehr moderne Orchester eine wunderbare Startrampe. Ich bin gar nicht so sehr auf der Suche nach Neuentdeckungen, aber es gibt einen jüngeren Komponisten, an den ich sehr glaube, dessen eigensinnige Sprache mich begeistert und der eine Kontinuum beim DSO werden soll: Helmut Oehring. Nachdem ich in Hamburg als Bürgerschreck galt, mich freilich weitgehend mit Klassikern beschäftigt habe, muss ich jetzt erst wieder den Anschluss an die ganz aktuelle Musik finden.
Weitere Schwerpunkte?
Gar kein programmatischer, eher ein pädagogischer: die Bedeutung der Klangfarbe. Ich werde oft gefragt, warum die moderne Musik im Vergleich zu zeitgenössischen bildenden Kunst so wenig akzeptiert ist. Sicher auch weil das Ohr schutzloser, sensibler ist als das Auge. Parallel dazu gibt es aber die Emanzipation der Farbe in der Musik als eigenen Parameter. Daraus ist das moderne Orchester entstanden. Es hat aber auch die Funktion der Tonalität von innen ausgehöhlt. Man muss und man kann die Menschen über die Faszination für diese Phänomene ansprechen. Ich will ein großes Publikum in die Moderne ziehen, will sie selbstverständlich erscheinen lassen. Meinen Kindern, die alle Streichinstrumente spielen, sage ich: Musik ist ein Freund fürs Leben. Und mit einem schönen Ton macht man sich Freude.
Wie wollen Sie das Konzertritual aufbrechen?
Behutsam. Ich will mich nicht anbiedern. Diesen Gegensatz in Berlin, zwischen den Kommerzarkaden am Potsdamer Platz und dem doch erhabenen, stillen Ort der Philharmonie, wo Musik entsteht, das finde ich inspirierend. In Los Angeles habe ich ›Casual Concerts‹ erlebt, wo das Orchester in Alltagskleidung antritt und ein großes Stück erklärt und spielt. Das wollen wir beim DSO dreimal im Jahr zum Einheitspreis anbieten.
In München bewegt sich ihr Altergenosse Christian Thielemann weitgehend in der Tradition. Wie finden Sie das?
Der Beruf des Dirigenten ist heute ein umstrittener, die alte Autoritätsposition funktioniert nicht mehr. Da darf man sich nicht soviel reinreden lassen, muss seinen Weg gehen. Thielemann tut das. Und so wie er es macht, ist es authentisch. Das spürt das Publikum.
