Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Das DSO unter Kent Nagano zu Gast in Bad Kissingen | Konzert 17.06.

Main-Post | 18.06.2010
Mathias Wiedemann

Kent Nagano beim Kissinger Sommer: Hypnotische Auseinandersetzung
Kent Nagano und Mari Kodama beim Kissinger Sommer

Japaner sind, auch wenn sie in Kalifornien aufgewachsen sind, höfliche Leute. Jedenfalls bedankt sich Kent Nagano nach dem Eröffnungskonzert des Kissinger Sommers artig für den Applaus und kündigt – »wenn es Ihnen recht ist« – die erste Zugabe an. Wenn Nagano am Pult steht, ist »artig« allerdings vermutlich nicht die richtige Charakterisierung. Der Dirigent, Chef der Bayerischen Staatsoper, weiß genau, was er will.

Das ist in der eingangs gespielten ›Don Giovanni‹-Ouvertüre noch nicht so offensichtlich wie in Richard Strauss' Sinfonischer Dichtung ›Don Juan‹. Die klingt, als spiele das Deutsche Symphonieorchester Berlin völlig entfesselt auf, aber Nagano behält die Fäden eisern in der Hand. Das kunstvolle Neben- und Ineinander von (vermeintlichem) Chaos und höchst filigraner Struktur kommt so optimal zur Geltung. Auch das größte Getöse ist allezeit durchhörbar. Hinzu kommt, dass das Orchester das gefürchtete Probespielstück perfekt beherrscht – es gibt nicht die kleinste Unschärfe, nicht die kleinste Mogelei.

Nach dem puren Spaß an Brillanz und Klangwucht die nahezu hypnotische Auseinandersetzung: Mari Kodama ist Solistin in Beethovens viertem Klavierkonzert. Wie ihr Ehemann Kent Nagano strebt sie größtmögliche Klarheit an. Das kann bei einem so ungewöhnlichen Stück im ersten Moment fast ein wenig befremdlich wirken, denn Kodama/Nagano tun nichts, um die formalen Verschrobenheiten in einen verbindlicheren Rahmen zu stellen.

Im Gegenteil: Gläserne Akzente durchschneiden aufkeimende Kantilenen, unvermittelte Spieluhr-Einschübe scheinen das Thema karikieren zu wollen, und die Fortissimo-Schläge im Rondo kommen so jäh, kurz und trocken, dass auch der routinierteste Konzertbesucher aufhorcht.

Zum eigentlichen Erlebnis aber wird das kuriose Andante, in dem die Mitwirkung des Orchesters auf gelegentliche Einschübe beschränkt ist. Die Berliner steuern sie mit liebevoller Sensibilität bei. Kodamas Flügel klingt, als sei er für diesen Satz ausgewechselt worden: Nach funkelnder Härte nun verhangene Kühle und eine unendliche Weite, die schließlich einlöst, was der wunderbar versonnene Anfang versprochen hatte. Hingerissener Applaus.