Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Metzmachers DSO-Abschiedskonzert in Berlin | Konzert 14.06.

Der Tagesspiegel | 16. Juni 2010
Christiane Peitz und Frederik Hanssen

Auf Wiederhören
Ingo Metzmachers letztes Konzert als Chefdirigent in Berlin – und wie geht es weiter mit dem Deutschen Symphonie-Orchester?

Sag zum Abschied leise: weiter. So möchte man meinen, nachdem die Pastorale verklungen ist, diese unendlich gelassenen, die Stille nach dem Sturm genießenden letzten Töne von Beethovens Sechster. Ingo Metzmacher lässt sich alle Zeit der Welt dafür, so dass der symphonische Hirtengesang um ein Haar der Behäbigkeit anheimfällt – Risiken ist der Dirigent schon immer gern eingegangen.

Kein Auftrumpfen zum Ende, kein Trotz, kein Pomp. Stattdessen Heiterkeit, Freundlichkeit, ja Zärtlichkeit. Metzmacher geht, nach nur drei Jahren als Chefdirigent des Deutschen Symphonie- Orchesters, das viele in Berlin mit den Philharmonikern und der Staatskapelle gleichauf sehen – nur eben ohne ebenbürtige finanzielle Ausstattung. Metzmacher hat sich verkämpft, man braucht die unselige Geschichte von falschen Politikversprechungen, Begehrlichkeiten und herben Enttäuschungen nicht noch einmal zu erzählen, um zu begreifen, welch schmerzlichen Einschnitt der Weggang des 52-Jährigen im Musikleben der Stadt bedeutet.

Man nehme nur dieses eine Konzert: Metzmachers schwereloser, gleichsam geflüsterter, kammermusikalischer Beethoven eröffnet einen glückhaft utopischen Raum, in dem Lamm und Löwe friedlich beieinander liegen. Das Orchester ist in Topform, es übersetzt die federnde Eleganz seines Chefs in luzides, herzenswarmes, farbengesättigtes Timbre. Und bei aller Weichheit im Ansatz legen die Musiker doch französische Clarté an den Tag, auch bei Henri Dutilleux’ Cellokonzert ›Tout un monde lointain‹ mit seinen entrückten Slowmotion-Passagen, den dialogischen Gegenläufigkeiten und Endlosschleifen – und mit Alban Gerhardts passioniertem Cello.

Traumzeit in der Philharmonie: Begonnen hatte der Abend mit Debussys ›Prélude à l’après-midi d’un faune‹, mit einer zauberhaft lasziven, schläfrigen Flöte und Dunstschleiertänzen. Hingabe und Hochspannung, Innigkeit und Transparenz, die Anmut und die Architektur der Musik: Metzmachers Markenzeichen ist die Versöhnung dieser Gegensätze – eben das wird in Berlin fehlen, neben Rattle und Barenboim, Zagrosek und Janowski.

Er hat ja, von der Hamburgischen Staatsoper kommend, in den drei Jahren die Arbeit seines Vorgängers Kent Nagano kongenial fortgesetzt. Musikalisch, weil auch Nagano gern Beseeltheit und Analyse vereint, programmatisch, indem er nicht nur Konzerte, sondern auch die jeweilige Saison unter ein Motto stellte. ›Von deutscher Seele‹ lautete das erste 2007/2008; die als Affront empfundene Aufführung der gleichnamigen Kantate des Nazi-Sympathisanten Pfitzner am Tag der Deutschen Einheit löste eine Kontroverse über Musik und Politik aus. Mit ›Aufbruch 1909‹ warb das DSO einmal mehr für die im Konzertleben immer noch schwergängige Moderne, und ›Versuchung‹ in der aktuellen Saison thematisierte nicht nur die Erotik der Musik, sondern auch die propagandistische Kunst der Verführung.

Das Stammpublikum nicht verlieren, neue Hörer gewinnen: Den Spagat beherrscht das DSO unter Metzmacher mühelos, mit ›Casual Concerts‹, mit ›Schönberg Underground‹ im Tacheles oder Stummfilmmusik im Babylon. Die Bach-Messiaen-Doppelprogramme an Ostern 2008 hatten schnell Kultstatus, und eine auf den scharfen Kontrast setzende Werk-Kombination – wie Ende Mai mit Mozart und dem kanadischen Neutöner Claude Vivier – stößt längst nicht mehr auf Abwehr im Saal.

Metzmacher, der Gebärdensolist. Seine Beschwingtheit. Sein unermüdliches Tänzeln. Sein Fingerspitzendirigat. Die weich geballte Faust. Die Art, wie er in die Knie geht, weil er es noch sinnlicher, eindringlicher, plastischer will – kein Wunder, dass er in nächster Zeit vor allem Opern dirigiert. Noch sagt man sich nicht Adieu, man probt ja jetzt für die Salzburger Festspiele, für die Wolfgang-Rihm-Uraufführung am 27. Juli. Ovationen des Publikums, Blumen aus dem Orchester. Christiane Peitz

Und wie geht's nun weiter? Die Musiker des DSO haben sich bereits im vergangenen Dezember einen Metzmacher- Nachfolger ausgeguckt: Tugan Sokhiev. Beim Berliner Publikum ist der 1977 in Nordossetien geborene Dirigent noch nicht sehr bekannt, in Fachkreisen aber wird er als einer der heißesten Newcomerstars gehandelt, debütierte allein in dieser Saison bei den Wiener und den Berliner Philharmonikern. In Frankreich, wo er seit zwei Jahren Chef des Orchestre du Capitole de Toulouse ist, hat Sokhiev sogar schon eine echte Fangemeinde. »Jede Saison treten in der Pariser Salle Pleyel die großen Orchester aus Berlin, Amsterdam oder Chicago auf – doch auf wessen Konzerte stürzen sich die Leute als erstes, sobald der Vorverkauf eröffnet wird? Auf die von Tugan Sokhiev«, berichtete die Tageszeitung ›Le Figaro‹ vor einigen Tagen. »Die Alchimie zwischen Sokhiev und seinen Musikern ist ein Wunder, wie es in der Geschichte jedes Orchesters nur sehr selten vorkommt.«

Darum wollen auch die Pariser die Gastauftritte der Truppe aus der Provinz in der französischen Hauptstadt unbedingt erleben. Was wiederum den Bürgermeister von Toulouse so stolz macht, dass er dem Dirigenten 20 zusätzliche Musikerstellen finanziert, um ihn noch möglichst lange in seiner Stadt zu halten. »Denn alle wissen«, resümiert ›Le Figaro‹, »dass bedeutende Orchester im Ausland ihrem Helden bereits schöne Augen machen.« Zum Beispiel das DSO: Zum ersten Mal lernten die Berliner Tugan Sokhiev 2003 im Rahmen der Reihe ›Debüt im Deutschlandradio‹ kennen, nach dem letzten gemeinsamen Konzert im vergangenen Dezember kürten sie ihn dann zum Wunschkandidaten.

Offiziell will sich Orchesterdirektor Alexander Steinbeis allerdings nicht zum Stand der Verhandlungen äußern. Weil das DSO zur Rundfunkorchester und -chöre GmbH gehört, muss jede Personalie nämlich erst vom Kuratorium abgesegnet werden. Dieses Gremium, in dem die Geldgeber Berlin, Bund, Deutschlandradio und RBB zusammensitzen, plagt sich allerdings derzeit mit einem gewaltigen Problem herum, das Deutschlandradio-Chef Willi Steul der ROC eingebrockt hat. Kaum hatte Steul die Nachfolge von Ernst Elitz angetreten, wollte er die Ungunst der Stunde nutzen, um das führungslose DSO aus finanziellen Erwägungen mit dem ROC-internen Konkurrenten, Marek Janowskis Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, zu fusionieren. Der Vorschlag wurde zwar durch massiven öffentlichen Protest schnell vom Tisch gefegt. Die FDP-Fraktion im Haushaltsausschuss des Bundestages aber deutete das Hin und Her als Führungsschwäche und setzte durch, dass zwei Millionen Euro vom Bundesanteil für die ROC im kommenden Jahr gesperrt wurden – so lange, bis ein tragfähiges Zukunftskonzept vorliegt. Neutrale Gutachter rechneten daraufhin noch einmal durch, ob es finanziell günstiger ist, die ROC als Klassik- Holding weiterzuführen oder die vier Ensembles – neben den Sinfonieorchestern der Rundfunkchor sowie der Rias-Kammerchor – in die Obhut unterschiedlicher Institutionen zu übergeben. Die (geheimen) Ergebnisse, die mittlerweile vorliegen, werden Anfang Juli hoffentlich die Haushälter überzeugen, damit sie die Mittel frei geben – und damit auch den Weg des DSO in eine hoffentlich harmonischere Zukunft. Frederik Hanssen



Berliner Zeitung | 16. Juni 2010
Matthias Nöther

Ein Vorbild im Zweifeln
Ingo Metzmacher gibt sein Abschiedskonzert beim DSO

Man konnte es sich bei seinem Abschiedskonzert als Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters in der Philharmonie bestens vergegenwärtigen: Ingo Metzmacher hat als Dirigent in den vergangenen 15 Jahren eine nicht immer geradlinige, aber erstaunliche Entwicklung hinbekommen. Zu Beginn seiner Leitung der Hamburgischen Staatsoper 1997 waren es noch eher seine kühnen Musiktheater-Visionen als das opernkapellmeisterliche Handwerk, das beeindruckte.

Doch in Hamburg konnte Metzmacher, anfänglich Pianist des Ensemble Modern, sich erstmals als Kapellmeister im traditionellen Opernrepertoire sicheren Tritt verschaffen. Für spätere hochdotierte Opernjobs wäre er sonst vielleicht nicht in Frage gekommen, und beim DSO, seinem ersten Symphonieorchester, brachte Metzmacher seine Erfahrungen in kapellmeisterlicher Präzision ein, die spät und hart erarbeitet waren.

Die letzte Saison seiner jäh gekündigten Amtszeit beim DSO stand unter dem Motto ›Versuchung‹ - eine Vorgabe, die in erster Linie klanglaszive Werke des Fin de Siècle versammeln sollte. Gerade in den letzten Konzerten war eine spezielle Mischung aus der nüchtern-objektivierenden Präzision des ursprünglichen Avantgarde-Spezialisten und der detailverliebten, schlafwandlerischen Präzision des Opernkapellmeisters zu spüren. In Riesenwerken wie Debussys ›Martyre de Saint Sébastien‹ oder Schönbergs ›Pelléas‹-Tondichtung eröffnete diese Mischung dem Orchester im letzten Dreivierteljahr die Möglichkeit, Klangfarben und Instrumentengruppen transparent und deutlich gegeneinander abzusetzen und doch mit sinnlicher Unmittelbarkeit auszuspielen.
Auch in der Interpretation von Debussys berühmtem ›Prélude à l'après-midi d'un faune‹, das nun zur Eröffnung von Metzmachers letztem DSO-Konzert erklang, machte sich keine morbide vor sich hinwabernde Klangwelt als Selbstzweck breit. Dennoch enttäuschte dieses erste Stück ein wenig. Vielleicht hätte man sich hier mehr gewünscht als die Pünktlichkeit von gefürchteten Einsätzen: einen weniger verkrampften Anfang der gnadenlos offen liegenden Bläser. Vielleicht auch, gegen Ende, ein bisschen mehr Kulinarik der Geigen mit ganzem, großem Bogen. Das Zentrum des Abends allerdings bildete, für viele sicherlich unerwartet, ein ausladendes Stück moderner Musik, und ausgerechnet hier stellte sich die Erfahrung der vorigen, hyperspätromantischen Abende des DSO mit Metzmacher wieder ein. Das Cellokonzert ›Tout un monde lointain‹ (›Eine ganz ferne Welt‹) von Henri Dutilleux, uraufgeführt 1970 von Mstislaw Rostropowitsch, enthielt trotz seiner komplizierten Textur alle Klangsinnlichkeit und alles Impressionistische, was wohl bereits für den Debussy-Hit gedacht gewesen war.

Selten wohl hat man bei zeitgenössischen Instrumentalkonzerten bereits beim ersten Hören solch direkte und einleuchtende Interaktion zwischen Soloinstrument und Orchester erleben können. Dazu machten der Solist Alban Gerhardt wie auch Metzmacher klar, dass es die orchestrale Tiefenstaffelung harter, klarer, atonaler Klangelemente ist, worin die frankophone musikalische Gegenwart das Erbe der Impressionisten aus Debussys Zeiten pflegt.

Wirklich abgeklärt agiert Ingo Metzmacher bis heute vor allem in der Moderne - trotz seiner mittlerweile vielfältigen Erfahrungen im konservativen Repertoire. Die unstete, an neueren Maßstäben orientierte Agogik im Spielfluss bei Beethovens Sechster nach der Pause schien zwar logisch, ging aber über die hörbar gut gepflegten, kammermusikalischen Beethoven-Spieltraditionen namentlich der DSO-Streicher etwas beiläufig hinweg.

Am Ende bleibt Ingo Metzmacher auch nach seinem Abschied von Berlin als Musiker und Dirigent Solitär und Vorbild für klassisch gesinnte Zeitgenossen - gerade durch sein zweifelndes Changieren, seine Unentschiedenheit zwischen Tradition und Moderne.



Die Welt | 16. Juni 2010
Manuel Brug

Am Ende bleiben Zärtlichkeit und Harmonie
Ingo Metzmacher nimmt Abschied von Berlin

Die Champagnerparty danach fand in der philharmonischen Backstage-Ecke statt. Aber nicht, weil Ingo Metzmacher sein Orchester, das noch ein Absackerbierchen nahm, links liegen gelassen hätte. Das Abschiedsfest mit dem Deutschen Symphonie Orchester (DSO) ist auf den 10. August terminiert, wenn - nach Gastspielen in Salzburg und Toblach - im Rahmen der Proms in der Royal Albert Hall wirklich der letzte gemeinsam musizierte Ton von Mahlers 7. Sinfonie verklungen sein wird.

Jetzt aber verabschiedete sich der unfreiwillig scheidende DSO-Chefdirigent vom Berliner Philharmoniepublikum und vom nicht unwichtigen Freundeskreis des Orchesters. Alle sind irgendwie gerührt, aber man findet nicht wirklich die richtigen Worte.
Vom Orchester gab es auf dem Podium einen üppigen weißblauen Blumenstrauß. Gernot Rehrl, der ebenfalls bald scheidende Intendant der DSO-Dachorganisation Rundfunk Orchester und Chöre GmbH (ROC), der nicht ganz unschuldig ist an Metzmachers vorschnellem Abgang, hatte ein Dankesblatt ins Programmheft legen lassen. Öffentlich reden wollte er nicht. »Das wäre dann doch Heuchelei«, sagt er selbstkritisch. Prominente Politstammhörer wie Norbert Lammert und Wolfgang Thierse waren gekommen, auch Peter Stein und Michael Gielen. Und Christina Weiss, die Verbündete aus Hamburger Opernzeiten.

Als Bundeskulturministerin hatte sie den von ihr schon gegen Widerstände an der Alster inthronisierten Metzmacher auch in Berlin durchgedrückt - am Orchester vorbei. Metzmacher wiederum war nach einem unglücklichen Zwischenspiel an der Amsterdamer Oper vorsichtig und wollte zunächst nur einen Dreijahresvertrag. Und hat auch am Anfang beim DSO ein paar Fehler gemacht. Das DSO ist ein launischer Klangkörper. Wendig und brillant, aber immer unsicher eingeklemmt in der Hautstadthierarchie zwischen Philharmonikern und Staatskapelle, neuerdings auch zwischen dem Radio Sinfonie-Orchester (RSO), das innerhalb der ROC zunehmend finanziell an Boden gewann.

Metzmacher hat sein Orchester gefordert, viel gegeben und auch viel bekommen. Er hat vor allem die von Kent Nagano übernommene Programmatik noch weiter geschärft. Das wird nachwirken. Selbst in der nächsten, der hoffentlich einzigen cheflosen Spielzeit bietet das DSO den spannendsten Spielplan aller Berliner Klangkörper. Aber Metzmacher musste eben nach einer Saison schon in Verlängerungsverhandlungen eintreten. Eigentlich zu früh. Das Orchester war unentschieden, die Unterschrift zog sich hin. Als im Mai 2009 endlich alle wollten, fiel die ROC dem DSO mit Kürzungen in den Rücken. Die konnte ein immer noch nicht wirklich kraftvoller Metzmacher nicht verantworten und resignierte - wohl zu früh. Immerhin war der Kampfgeist wieder so erwacht, dass eine dann vom Hauptgeldgeber Deutschlandradio getragene Fusionsintrige mit dem RSO abgeschmettert wurde. In der ROC ruckelt es weiter, der fertige Vertrag mit dem anvisierten Metzmacher-Nachfolger Tughan Sokhiev ist noch nicht unterschrieben.

Das letzte Berliner Konzert aber, das nie ein solches sein sollte, war ein harmonisches, ja zärtliches. Mit einem solistisch klaren, Debussy-parfümierten ›Nachmittag eines Fauns‹. Mit dem versonnenen Dutilleux-Cellokonzert, das Alban Gerhard mit widerspenstig-elegantem Elan spielte. Und mit einer feinfühligen Pastorale, die melancholisch ausklang. Das Publikum steigerte sich langsam zur stehenden Ovation. Mag Metzmacher jetzt als Gastdirigent nach Zürich und anderswohin aufbrechen, das Mitte-Loft ausgeräumt sein. Die Kisten bleiben in der Hauptstadt. Hier ruft nicht nur die Staatsoper. Mit Berlin ist Ingo Metzmacher noch nicht fertig.



Berliner Morgenpost | 16. Juni 2010
Volker Tarnow

Gelöste Stimmung bei Ingo Metzmachers Abschied

Ingo Metzmachers letztes Heimspiel mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO) war zugleich sein heiterstes. Die gelöste, gelegentlich schon exaltierte Stimmung des Dirigenten hing nicht nur mit dem Programm zusammen - sie demonstrierte auch, dass Metzmacher den Abschied vom DSO als Befreiung empfindet.
Denn die Chemie stimmte von Anfang an nicht. Aber man hat sich zusammengerauft und drei gemeinsame Jahre geschafft, die nicht zu den schlechtesten des Orchesters gehören. Es gibt Vernunftehen, die noch früher enden.

Das definitiv letzte gemeinsame Konzert wird im August bei den Londoner Proms stattfinden. Die Berliner Abschiedsvorstellung in der Philharmonie unterstrich nachdrücklich, dass Metzmacher und das DSO eigentlich für einander geschaffen waren. Ihre Zusammenarbeit hätte eine große Zukunft haben können, ja haben müssen - die innovativen Programme sprachen für eine solche Kombination, ebenso der Gewinn neuer, junger Publikumsschichten und die musikalische Qualität. Gleich im ersten Stück, Debussys ›Prélude à l'après-midi d'un faune‹, zeigten sich alle Beteiligten von ihrer besten Seite. Dieser Faun flötete nicht durch perlgrau schimmernde, impressionistische Landschaften, er genoss einen klaren Sommernachmittag. Klarheit und ausgezeichnete Klangbalance herrschten auch in Dutilleux' Cellokonzert ›Tout un monde lontain‹. Alban Gerhardt gestaltete den mörderisch schweren Solopart mit Finesse und Passion, die Streicher erfanden dazu ein geheimnisvoll leuchtendes Paralleluniversum. Das DSO kann mit modernen Stücken hörenswerte Höhen erklimmen. Metzmacher sowieso. Die große Frage zum Abschied lautete jedoch: wie wird die ›Pastorale‹ - gelingt auch Beethovens subtiler Hymnus aufs Landleben in würdiger Weise? Er gelang. Und mehr als das.

Der meist auf den Zehenspitzen schwebende Metzmacher sorgte für eine kammermusikalische, tänzerische Pastorale, in der weder die Präzision noch die Poesie zu kurz kamen. Zwar fiel, nach neuestem meteorologischen Usus, der Sommer gleich mit der Tür ins Haus, im ›Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Land‹ vermissten wir das Erwachen; einige Streicherfiguren, etwa in der Coda des ersten Satzes, hätten nachdenklicher klingen dürfen, vom durchgezählten Takt befreit, weniger markant; auch mangelte es den Hörnern an Waldluft, den Fagotten an Holzgeruch - aber was soll's, wir sind ja nicht bei den Wiener Philharmonikern. Und derartige Details wogen nicht besonders schwer im Vergleich zum hellen Streicherglanz und den wunderbar timbrierten Oboen-Soli im Andante. Vor allem aber: Metzmachers Konzept ging voll auf, Beethovens 6. Symphonie überzeugte durch eine rhythmisch fließende Struktur, die keine Rubati und keine Tonmalerei nötig hat.

Warum aber auseinander gehen, wenn es künstlerisch so gut läuft, wenn das Orchester in der laufenden Saison von einer Rekordauslastung mit Rekordeinnahmen spricht? Man wird die Gründe für Metzmachers Ausscheiden in einer Verkettung zweier Problemkreise suchen müssen: im zwischenmenschlichen Bereich und im Verteilungskampf zwischen den beiden konkurrierenden Radio-Orchestern der Stadt, also dem Rundfunk-Sinfonieorchester und dem DSO. Metzmacher hat diese Probleme für sich in Alexandermanier gelöst, durch Zerhauen. Er wird jetzt mehr Gastspiele absolvieren und sich verstärkt der Oper widmen, in Berlin lässt er sich wieder ab Dezember hören, und zwar mit der Staatskapelle. Wie heiter er angesichts der aktuellen Situation wirklich ist, wissen nur wenige.

Die Musiker hingegen haben kein Problem für sich gelöst, mögen sie auch aufatmen nach dem Abgang des ungeliebten Chefs. Ein neuer steht schon bereit, kommt aber wahrscheinlich erst 2011. Er heißt Tugan Sokhiev, ist bislang ohne programmatisches Profil und mit der Schlangengrube Berliner Kulturpolitik noch weniger vertraut als sein Vorgänger. Bis dahin hat das Orchester eine führungslose Phase zu überstehen. In dieser Zeit werden die Karten neu gemischt. Die Folgen von Metzmachers Entscheidung dürften erst danach zu beurteilen sein.