›Versuchung‹ (5.) | Konzerte 18. + 19.05.
Berliner Morgenpost | 22.05.2010
Klaus Geitel
Metzmacher hat immer Appetit auf das Ungewöhnliche
Ingo Metzmacher am Pult des Deutschen Symphonie Orchesters hatte immer Appetit auf das Ungewöhnliche und diesmal beileibe nicht zu knapp.
Ins Zentrum seines Konzerts in der Philharmonie stellte er, was man sonst kaum jemals hört, ein halbstündiges Melodram: ›Hexenlied‹, ein Werk für Rezitator und Orchester. Es setzt sozusagen also gesprochene Musik vor dem Hintergrund singender Instrumente. Ihr Komponist war Max von Schillings seligen Angedenkens, der versfleißige Poet Ernst von Wildenbruch ersann den Text. In der Philharmonie bejubelte das Publikum nun Klaus Maria Brandauer, den Wagner-Tenor unter den Schauspielern: einen Weltmeister im eindringlichen Geflüster wie im hochdramatisch herausgeballerten Pathos. Er lieferte eine grandiose Leistung in der Fabrikation des zutiefst mit Romantik getränkten pseudopoetischen Irrsinns. Man hörte ihm mit Staunen und Bewunderung zu, im Gegensatz zu den Äußerungen der Herren Schillings und Wildenbruch. Begonnen hatte Metzmacher sein Konzert mit Franz Schrekers ›Vorspiel zu einem Drama‹, eine sinfonische Dichtung, die sich kunstreich ins Nichts gestikulierte.
Kultur Info | 19.05.2010
Dieter Bub
Melodram mit Brandauer
Klaus Maria Brandauer erzählt, spricht, flüstert, stöhnt, schreit auf, ist verzückt, besessen, erlöst- begleitet vom Deutschen Symphonieorchester in Berlin unter Ingo Metzmacher. Rezitation und Theater, fesselnde Darbietung ohne Kostüm und Maske. Zu erleben in großer Faszination - Max von Schillings ›Das Hexenlied‹. Dieses Melodram gehört zum seltenen Genre von Rezitation und Musik. Es ist die Geschichte von Versuchung und Leidenschaft eines Mönchs, der Erlösung und Glück erst mit seinem Tod findet. Der Höhepunkt eines Konzerts in der Reihe ›Versuchung‹, Mittelstück nach Franz Schrekers leidenschaftlichen ›Vorspiel zu einem Drama‹ ursprünglich für die Oper ›Die Gezeichneten‹ gedacht und vor Arnold Schönbergs ›Pelleas und Melisande‹.
Es sind die Kompositionen von drei Zeitgenossen, bei denen der eine - Max von Schilling - den anderen ihren Erfolg und wie er meinte, Bevorzugung neidete. Als eilfertiger Gefolgsmann und Kulturfunktionär des Nationalsozialimus sorgte er für ihre Entlassung und ihren Ausschluss aus der Akademie, auch als Folge von Kränkung, Eitelkeit, Schwäche. Dennoch sind die drei Komponisten einander in ihren Werken verwandt. Ingo Metzmachers Entscheidung sie an einem Abend miteinander zu verbinden, war und ist spannend:
Seine ungewöhnlichen Programme sind eine Bereichung, spannendes Erlebnis - noch - für zwei Konzerte. Erst jetzt mögen manche begreifen, welchen Verlust sein Fortgang bedeutet. Ein Höhepunkt seines Wirkens werden die Konzerte bei den Salzburger Festspielen sein.
