Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

12.05. Slatkin

Berliner Morgenpost | 15.05.2010
Klaus Geitel

Musikalisches Sight Seeing durch New York

Anspruchsvoll und unterhaltsam zugleich. So präsentierte sich das Deutsche Symphonie-Orchester unter Leonard Slatkin (65) in der Philharmonie. Das Programm mischte Französisches und Amerikanisches bunt durcheinander, gipfelnd in Gershwins "Amerikaner in Paris": ein musikalisches Sight Seeing im Taxi sozusagen. Es machte Spaß mitzureisen. Größeren jedenfalls als mit dem "Nächtlichen Zug" auf den von Henri Rabaud gelegten Schienen durch den "Faust" (nicht von Goethe, sondern von Lenau) zu schleichen.
Zwei Lebensjahre nur trennen Rabaud von Maurice Ravel. Dabei könnte man meinen, sie hätten in verschiedenen Jahrhunderten gelebt. Ravel jedenfalls stieß mit seinem Klavierkonzert in G-Dur die Fenster weit auf, um in das seine hineinzuschauen. Rabauds Tondichtung schien dagegen eher in der unliebsamen Tonart des Steh-Moll zu wurzeln. Diesen Unterschied arbeitete Slatkin unternehmungslustig heraus, unterstützt dabei von seinem forschen Pianisten Jonathan Biss.
Samuel Barbers 1. Sinfonie, von einem ernsten jungen Mann von 26 Jahren komponiert (im selben Alter wie Rabaud bei seinem "Nächtlichen Zug") fasst den hochwallenden Ausdrucksdrang der vier gegensätzlichen Sätze in einen einzigen hochkonzentrierten Satz zusammen. Auch Kleinmeisterei versteht zu gefallen.



Der Tagelspiegel | 14.05.2010
Daniel Wixforth

Auf dem Klangteppich: das DSO in der Philharmonie

Ein Programm nach Metzmacher’schem Gusto, obwohl der scheidende Chef des Deutschen Symphonie Orchesters nicht selbst am Pult steht. Viel Vermittlungsgespür braucht es, um nachromantische Scheidewege aus Frankreich und Amerika aufzuzeigen, um Namen wie Henri Rabaud und Samuel Barber im Ohr zu platzieren. Wenn Leonard Slatkin am Ende in der Philharmonie gefeiert wird, dann hat die Vermittlung funktioniert. Henri Rabauds „La procession nocturne“, diese ultrakonservative, nein rückwärtsgewandte symphonische Dichtung von 1899 führt Slatkin im ersten Satz mit so viel Ruhe, dass man sich in den Klangteppichen verliert, den Wunsch nach Fortschrittlichkeit fast vergisst. Zumal Ravels Klavierkonzert in G-Dur danach als kontrastive Setzung zu verstehen ist: impressionistische Süße statt klassizistischer Schönheit. Das sieht auch Jonathan Biss so. Wie auf Zucker kommen seine Themen im Allegramente daher, selbst die Staccato-Läufe schweben. Was im Solobeginn des zweiten Satzes von innerer Spannung zusammengehalten wird, klingt im Presto nach Beliebigkeit. Und Slatkin? Der hat danach seine Ruhe über Bord geworfen. Zu massig-massiven Ausdrücken treibt er das DSO in Samuel Barbers Symphonie von 1936: mit synkopischen Aufgeregtheiten im zweiten, mit schwülstiger Streicherschwere im dritten Satz. Sehr viel spätromantische Dekadenz, die durch einen kühl-reflexiven „Amerikaner in Paris“ ihr Korrektiv erst bei Gershwin findet.