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Berliner Zeitung | 05.05.2010
Matthias Nöther
Die Frischluft der äußerlichen Effekte
Das DSO-Debüt der Dirigentin Susanna Mälkki
Konzeptionell war in diesem Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters in der Philharmonie mit der jungen finnischen Dirigentin Susanna Mälkki nichts dem Zufall überlassen. Dabei scheinen Werke wie Mozarts »kleine« g-moll-Symphonie KV 183, Strawinskis ›Petruschka‹ sowie ›Dirty Angel‹ von Bernhard Gander (geboren 1969) höchst heterogen.
Doch schon der im Programmheft abgedruckte Kommentar des Komponisten Wolfgang Rihm, der ›Petruschka‹ als »Großstadtmusik« bezeichnet, scheint auch etwas über die anderen Stücke zu sagen: »Bei Strawinski weht überhaupt ein anderer Wind. Man ist sozusagen urban alleingelassen. Gut so! Besser manchmal als jeder eingekleidete Satztypus der (Neuen) Wiener Schule, wo die Musik gelegentlich in Pantoffeln schräg im ungelüfteten Interieur steht.« Dies ist mehr als ein respektloser Spruch über zu viel Psychologie und Innerlichkeit in Werken von Schönberg, Berg und Webern. Es ist auch der Hinweis auf eine alternative Musikgeschichte, die nicht erst im 20. Jahrhundert neben der stets ernsthaft daherkommenden Sublimierung großer Gefühle hinsegelte. Natürlich hatte das nicht immer etwas mit Großstadt zu tun, aber in jedem Fall ist diese Musik so gefühlsneutral wie eine Großstadt - sie will sich der Seele nicht mimetisch annähern. Das Schimpfwort »äußerlicher Effekt« perlt an ihr ab. Was kann in einer Musik äußerlich sein, wenn nichts innerlich ist? Und wozu sind große Orchester gut, wenn nicht für Effekte?
Gegensätzliche Affekte
Mozart komponierte seine erste, »kleine« g-moll-Symphonie 1773 als Beweis dafür, dass er die symphonische Tradition beherrschte. Dazu gehörte damals noch kein schweres Ringen der Seele, sondern der extrovertierte, ja theatralische Entwurf gegensätzlicher musikalischer Affekte, der sich in der Opern-Sinfonia seit dem 17. Jahrhundert abspielte. Susanna Mälkki dirigiert genau dies: Unter ihr lässt das DSO keinen innerlich um sich selbst bekümmerten Klang hören, sondern geht mit den vom junge Mozart erratisch blockhaft hingesetzten musikalischen Affekten und Effekten aus sich heraus. Ein wenig von ihrer Rundung geben namentlich die DSO-Streicher hier auf - vielleicht, weil sich Mälkkis Dirigat eher durch Rationalität auszeichnet, durch Linie und Richtung, als durch suggestiv-hypnotische Klanggestaltung.
Damit jedoch kann sie Zusammenhänge von Phrasen im Kleinen und Großen kennzeichnen und fängt ab dem dritten Satz den zunächst etwas profillosen Klang auf.
Bernhard Glanders Konzert ›Dirty Angel‹ für Akkordeon, Flügelhorn und Orchester, das Mälkki mit dem DSO am 1. Mai in München uraufführte, weist, bei gänzlich anderem Klangbild, die gleichen erratisch gegeneinanderkrachenden Blöcke auf wie Mozarts Symphonie. Dem Flügelhornisten Anders Nyqvist und dem Akkordeonisten Krassimir Sterev, Mitgliedern des Klangforum Wien, ist es durch den fokussierten Klang ihrer Instrumente möglich, ein kammermusikalisches Gegengewicht selbst zu einem forte spielenden Riesenorchester aufzubauen. Es ist ein in seiner unbeirrbaren Rauheit und Grobkörnigkeit mitreißendes Stück, das extrovertiert auf musikalische Urgewalten setzt und sogleich das volle Orchester als Schlagapparat benutzt.
Strawinskis ›Petruschka‹ schließlich ist das Stück, das sich im Jahr 1910 auch ganz explizit von Innerlichkeit und Psychologie in der Musik ab- und den »äußerlichen Effekten« zuwandte. Susanna Mälkki beweist so bei ihrem DSO-Debüt mit dieser Ballettmusik stupendes Handwerk in der Koordination der schnell folgenden Teile mit ihren zahllosen Tempo- und Rhythmuswechseln. Im Orchester beeindruckte besonders der Solo-Trompeter Joachim Pliquett, der Strawinskis so halsbrecherische wie exponierte Trompetensoli nach mehreren Jahrzehnten Orchesterdienst immer noch mit höchster Agilität, Sensibilität und Präzision bewältigt.
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