25.04. Jordan
Berliner Zeitung | 27.04.2010
Arno Lücker
Orchestrales Entertainment
Philippe Jordan dirigierte das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin
[…] Das Konzert hatte mit den selten zu hörenden ›Zwei Bildern‹ von Béla Bartók begonnen. Eine Tondichtung des 29-jährigen Komponisten, die zuerst Kontemplation in der Natur (I. Satz: ›In voller Blüte‹) sucht, um sich hernach ins Menschengetümmel zu werfen (II. Satz: ›Dorftanz‹). Die Musik - unterhaltsam, trotz einiger Unisono-Streicher-Langweiligkeiten im zweiten Satz - kam Jordans schneidigem Temperament entgegen. Seine Bewegungen tänzelnd, gaukelnd, mitreißend: Ein Dirigent, dem man gerne bei der Arbeit zuschaut!
Nach der Pause wurde es groß: Schon zum zweiten Mal binnen weniger Tage konnte man ›Also sprach Zarathustra‹ von Richard Strauss in der Philharmonie hören. Das DSO präsentierte sich vor ausverkauftem Haus in unglaublich frischer Form. Jedes kleinste Solo wurde ausgekostet und höchst musikalisch gestaltet. […] Wer glaubt, dies sei nicht eines von Strauss' besten Werken, wurde hier eines Besseren belehrt. Was für eine niveauvolle halbe Stunde voller ironischer, zärtlicher und orchestral wuchtiger Unterhaltung!
Der Tagesspiegel | 27.04.2010
Christiane Peitz
Unverblümt
Philippe Jordan und das DSO in der Philharmonie
Erst Frankreich, dann Ungarn. Erst das Hingetupfte, die changierende Klangfarbe, dann der Tanzrhythmus, der einem in die Glieder fährt: Himmel und Erde, Luftgeist und Schwerkraft, der Duft und das Derbe. Béla Bartók setzt in seiner frühen Komposition „Zwei Bilder“ (1910) diesen Kontrast in Szene und gestattet einen Blick in seine Werkstatt. Seht her, das sind die Elemente, aus denen sich meine Musik zusammensetzt. Und: Da müht sich einer hörbar um Intensität. Philippe Jordan und das Deutsche Symphonie-Orchester tun es dem ungarischen Komponisten gewissermaßen gleich, sie arbeiten weniger das Vorläufige heraus als das Plakative dieser mal grellen, mal jugendstilig parfümierten, mal den Naturlaut integrierenden und immer mit kräftigem Strich konturierten Skizze.
Eleganz und Energie sind Philippe Jordans Markenzeichen an diesem Abend in der Philharmonie, und irgendwann stört einen genau das: Alles am Dirigat des 36jährigen, international gefragten Schweizers ist gekonnt, jedes Accelerando, jede Finesse absolviert er als bravourösen Dressurakt. Auch Beethovens 4. Klavierkonzert, auch ›Also sprach Zarathustra‹, der große Budenzauber von Richard Strauss – Jordan überrascht einen nie.
Wobei die Verwandtschaft, die sich zwischen Bartók und Beethoven auftut, doch aufhorchen lässt. Das ursprünglich vorgesehene Ravel-Klavierkonzert musste entfallen, weil Leon Fleisher wegen der Aschewolke nicht anreisen konnte – Lars Vogt sprang mit Beethoven ein. Wie Jordan setzt auch Vogt beim Klavierkonzert auf den unverblümten Wechsel – und das DSO erweist sich einmal mehr als hochflexibler, weniger Klangkörper. Beethovens Innigkeit verfeinert Vogt mit schwerelos perlendem Anschlag zu impressionistischer Zartheit, die Unerbittlichkeit folgt forsch auf den Fuß. Der Träumer und der Titan, ein Vexierbild. Aber wie bei Bartók bleibt die Intensität eine Behauptung.
Schließlich ›Zarathustra‹, diese dröhnende Affirmation mit den heiklen Schlusstakten, deren höchste Flötentöne nebst höllentiefen Streichern den Bombast ins Groteske verzerren. Die Gewalt, die der kollektiven Ekstase bis dahin innewohnt, stellt Jordan aus – in Frage stellt er sie nicht. Aber vielleicht ist es ja falsch, das eigene Unbehagen an Strauss den Musikern dieses Abends überantworten zu wollen.
