Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

18.04. Noseda

Kulturradio vom rbb | 19.04.2010
Andreas Göbel

Philharmonie Berlin: Gianandrea Noseda dirigiert das DSO
Werke von Karłowicz, Dvořák und Prokofjew

2007 hat der italienische Dirigent Gianandrea Noseda sein Debüt beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin gegeben – ein Spezialist für die großbesetzte Spätromantik und die Klassiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit der BBC Philharmonic, wo Noseda Chefdirigent ist, hat er sämtliche Sinfonischen Dichtungen von Franz Liszt auf CD herausgebracht; man muss diese Musik schon sehr lieben, um ein solches Projekt zu verwirklichen.

Eine Rarität
des früh verstorbenen polnischen Komponisten Mieczysław Karłowicz hat Gianandrea Noseda an den Beginn seines Programms gestellt: das Orchesterstück ›Bianca da Molena‹, der sinfonische Prolog zu einem Schauspiel eines befreundeten Schriftstellers.

1900, da war Karłowicz 23, hat er diese Musik noch während seines Studiums in Berlin geschrieben, und man merkt, welche Einflüsse für ihn damals Bedeutung hatten: Liszt und Wagner sind unüberhörbar; auch ein wenig Debussy schimmert hier und da durch. Es ist die Musik eines selbstbewussten Komponisten, der zeigen will, wie souverän er mit dem großen Orchesterapparat umgehen kann, der aber noch nicht ganz seine eigene Sprache gefunden hat.

Eine sehr tragische Stelle gegen Ende, recht dissonant, mit tiefen Blechbläsern lässt ein neugieriges Blinzeln ins zwanzigste Jahrhundert erkennen. Trotzdem wird sich dieses Werk wohl kaum noch durchsetzen; da war ein Richard Strauss mit seinen Sinfonischen Dichtungen um 1900 einfach schon weiter. Dennoch hat Noseda das Werk mit gutem Gespür für musikalische Dramatik liebevoll umgesetzt und ihm immerhin einen Achtungserfolg beschert.

Ein riesiger Brocken
ist dagegen die fünfte Sinfonie von Sergej Prokofjew. Nach wie vor ist sie in der Musikwissenschaft umstritten. Vereinfacht ausgedrückt, kritisieren die einen eine zu große Angepasstheit an den stalinistischen Musikbetrieb, während die anderen zwischen den Notenzeilen auch Kritisches zu hören meinen.

Gianandrea Noseda interessiert diese ganze Debatte offensichtlich kaum. Er präsentiert ganz einfach die Bandbreite des Werkes. Furcht vor dem großen Orchesterapparat, dem Hang zum Pathetischen, dicht Orchestrierten, vor den Klangballungen hat er ohnehin nicht. Allerdings wird es unter seiner Leitung nie platt oder dick; er lässt die Klänge leben, sich entwickeln; ein Fortspinnen durch das ganze Orchester; man spürt richtiggehend die Teamarbeit, jeder steuert etwas bei. Zum anderen präsentiert er den Sarkasmus, den Witz so mancher Stelle, gerne auch die ironische, unechte Liebenswürdigkeit.

Da sitzen die Musiker gewissermaßen auf der Stuhlkante; die Musik bekommt Schärfe und rhythmischen Biss. Man konnte staunen, welche Qualität und Disziplin das Deutsche Symphonie-Orchester unter Gianandrea Noseda entwickelte. Die Musiker spielten mit einer solchen Hingabe und Begeisterung; da freut man sich schon jetzt auf das – hoffentlich – nächste Mal unter Noseda.

Der Kanadier James Ehnes
ist hierzulande eher noch ein Geheimtipp. Das kann sich jedoch rasch ändern. Seine Umsetzung des Violinkonzertes von Antonín Dvořák immerhin ließ aufhorchen. Das Werk ist nicht gerade ein Virtuosenreißer, und dennoch ist der Geigenpart unangenehm schwer; bei fast allen Aufführungen geht der eine oder andere Ton verloren. Bei James Ehnes ist das anders: Seine technischen Möglichkeiten erlauben ihm, alles mit beeindruckender Deutlichkeit auszuspielen; es gibt offensichtlich nichts, was er nicht bewältigen kann.

Dabei steht er fast die ganze Zeit unter Dampf, unter Vollspannung; er liebt die Dramatik der Musik – und spielt das folkloristische Finale mit einer unglaublichen Spritzigkeit. Mitunter fehlt ihm noch etwas die Wärme im Ton, das Zurücklehnen- und Genießenkönnen. Da war es manchmal etwas fahl, tonlich zu klein für die große Philharmonie – zumal Noseda mit dem DSO wieder wahre Wunder in der Tongebung vollbrachte.

Trotz der kleinen Einschränkung: Ehnes verblüfft immer wieder! Als Zugabe spielte er eine Paganini-Caprice und ging mit den Schwierigkeiten so lässig um, dass man einfach nur bewundernd den Hut ziehen konnte.

Bewertung: gelungen