10.-12.03. Wien
Berliner Zeitung | 16.03.2010
Wolfgang Fuhrmann
In glänzender Verfassung
Beeindruckend: Ingo Metzmacher und das DSO in Wien
Die Hauptstadt ist stolz auf ihr Musikleben - so stolz, dass ihre Bewohner unterschwellig Zweifel daran hegen, dass sich außerhalb der Stadtgrenzen noch Relevantes tut. Diese Feststellung lässt sich ebenso problemlos auf die deutsche wie auf die österreichische Hauptstadt anwenden. Vielleicht gilt sie für alle großen Kulturstädte dieser Welt. Hin und wieder aber, etwa zu Festspielzeiten, nimmt man doch Notiz davon, dass auch andere Städte schöne Orchester haben. Im Großen Saal des Wiener Musikvereins hat das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) unter Ingo Metzmacher in der vergangenen Woche drei Konzerte gegeben, die es auf der Höhe seiner klanglichen Individualität zeigen. Dreimal war der Saal voll, der Beifall anhaltend, das Publikum erkämpfte sich Zugaben. Das DSO, vor kurzem noch in seiner Existenz bedroht, hat auf diesem anspruchsvollen Terrain Eindruck hinterlassen.
Dabei boten die Programme mit Beethoven und Strawinsky, Hartmann und Mahler durchaus keine problemlose Kost. Das zugänglichste Stück, Beethovens Violinkonzert, wurde dem radikalsten interpretatorischen Ansatz unterworfen. Der Geiger Leonidas Kavakos hat dieses Werk extrem verlangsamt und wie unter dem Mikroskop betrachtet; von ihm stammte auch die Idee, den Pauker sein Eröffnungssolo nicht mit dem Schlägel, sondern mit der Hand spielen zu lassen. Da auch sonst auf alle scharfkantige Artikulation verzichtet wurde, entstand dank des üppig besetzten Orchesters ein traditionell wirkender Beethoven-Klang, dem Kavakos' gläsern-lyrischer Violinton aber alles Konsumierbare austrieb. Dieser bei aller Wärme manchmal bis zum Fädchen ausgedünnte Ton entsprach dem ebenso gelegentlich an den Stillstand geführten musikalischen Innenleben. Dennoch riss der Faden nicht, auch nicht in Karl Amadeus Hartmanns mit verhaltener Dringlichkeit gestaltetem Concerto funebre.
Das DSO selbst konnte in der atemberaubend direkten Akustik des Großen Saals seine Qualitäten nur unter hoher Selbstkontrolle entfalten; im Vergleich zur riesigen Berliner Philharmonie darf man hier nicht voll ins Horn tuten, sondern muss dosieren. Vielleicht war es dieser Triebstau, der dazu führte, dass sich geradezu ein Übermaß an Klangfarben entfaltete; schon in Strawinskys ›Feuervogel‹ hörte man streckenweise eher glatte oder aufgeraute Farbflächen und -flecken als Rhythmen oder Motive.
In Mahlers Siebenter Sinfonie führte dieser Reichtum an Klangfarben zu einer gleichsam dreidimensionalen Darstellung der inneren Polyphonie des Werks, wie man sie so deutlich und reich kaum je hörte. Der Konstrukteur Mahler, der alles mit allem verbindet und selbst exterritoriale Episoden motivisch eingemeindet, kam ebenso zu seinem Recht wie der Meister der Charaktervariation; das eine bedingt ja das andere. Und wer mit der emotionalen Unstetigkeit von Mahlers Tonsprache von jeher haderte, konnte sich auf die konstruktive Ebene zurückziehen und sie als tönend bewegte Formen von seltener kombinatorischer Raffinesse hören.
Die Erfolge in Wien sind nur ein äußerliches Zeichen der glänzenden inneren Verfassung dieses Orchesters, das sich gerade auf einer Tournee zwischen Innsbruck, Paris, Brüssel, Lódz´ und Warschau befindet: »Flexibilität, Offenheit, Begeisterungsfähigkeit«, so benennt Ingo Metzmacher die Qualitäten, die ihn am DSO begeisterten. Dass er seinen Vertrag als Chefdirigent nicht über 2010 hinaus verlängert hat, ist auf die Strukturprobleme der Rundfunk-Orchester und -Chöre-GmbH (ROC) zurückzuführen. Die Ende 2009 ans Licht gekommene, ebenso perfide wie kunstferne Intrige, das DSO mit seinem Konkurrenzensemble, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB), zu fusionieren, ist vom Tisch. Aber wie geht es weiter? »Ich persönlich glaube«, sagt Ingo Metzmacher, »es wäre besser, die beiden Orchester zu entflechten«. Die Konkurrenz zwischen DSO und RSB sei »nicht belebend, sondern behindernd« gewesen. In jedem Fall müsse eine Klärung stattfinden, »damit man weiß: Das gilt jetzt«. Deshalb fordert Metzmacher auch, dass der Bund in Sachen Kulturpolitik »Farbe bekennen« soll, statt sich hinter der Kulturhoheit der Länder zu verstecken, um dann doch, so überraschend wie konzeptlos, Geld zuzuschießen.
DSO-Orchesterdirektor Alexander Steinbeis gibt zu bedenken, dass die von vielen jetzt so kleingeredete ROC durchaus auch ihre Synergieeffekte gehabt habe: durch gemeinsamen Abonnement- und Kartenverkauf, durch gemeinsame Buchhaltung. Wie auch immer: Billiger wird es nicht, schon gar nicht für die Hauptstadt, die 20 Jahre lang vier hochkarätige Ensembles für ein Fünftel ihres Preises genießen durfte (Berlin ist zu 20 Prozent ROC-Gesellschafter). Wie eine Entflechtung gehen könnte, wird derzeit von einer durch die ROC eingesetzten Kommission geprüft. Steinbeis, der gerade die Planung der kommenden, cheflosen Saison abgeschlossen hat, muss indes versuchen, bei diesen Bedingungen einen attraktiven neuen Chefdirigenten, möglichst für die übernächste Saison, zu gewinnen. Ein Wunschkandidat - auch des Orchesters - wäre der ossetische Jungstar Tugan Sokhiev.
