›Versuchung‹ (4.) | Konzerte 26. + 27.02.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung | 28.02.2010
Eleonore Büning
Frauen sind einfach stärker
Zwischen Klüften: Ingo Metzmacher dirigiert die ›Faust‹-Szenen von Robert Schumann
Hohe Knabenstimmen habe eine unwiderstehlich spröde schräge Süßigkeit. Tiefergelegte Knabenstimmen klingen wie Gießkannen. Robert Schumann hat sich diese Instrumentationstücke zunutze gemacht, als er den Teil II von Goethes ›Faust‹ in Musik setzte. Da freut sich der greise Faust, erblindet, weise geworden, am vollendeten Augenblick. Er stirbt, »schlotternde Lemuren« legen ihn ins Grab. Wie da die von Kai-Uwe Jirka bestens trainierten Knaben des Staats- und Domchors lemurenhaft gemein in tiefer Lage krächzen und bellen, das ist einer der vielen Glanzpunkte dieser gipfelstürmerischen Aufführung in der Berliner Philharmonie.
Diese abenteuerlich schwierige, überlange Kreuzung zwischen Oper, Kantate und Liederspiel, darin sich die Frauen am Ende als stärker erweisen denn Gott oder Teufel, wird ja selten genug gespielt. Ingo Metzmacher, der das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin leider bald wieder verlassen wird, hat dafür drei Spitzensoprane engagiert, zwei tolle Tenöre, einen sonoren Alt, einen schwarzen, hohltönenden Mephisto-Bass (Georg Zeppenfeld) und, als Faust, den anbetungswürdigsten Bariton unserer Tage, Christian Gerhaher, der den Faustmenschen einkleidet in alle nur denkbaren Menschenstimmenfarben: von fahler, mürber Verzweiflung über innigste Demut bis zum promethisch-metallischen Jubel.
Die Gießkannen-Lemuren kehren im »Chor seliger Knaben« alle Süße des Paradieses hervor. Der Rundfunkchor donnert das »Dies Irae« mit rhythmischer Wucht. Am Ende fliegt Mojca Erdmanns klare, flacher Stimme wie ein schöner Vogel hoch über den Chor hinweg; als Maria Magdalena, die »Magna Peccatrix«, singt sie an der Spitze der Engel die Verklärung Faust-Gerhahers herbei. Der zeigt sich, als der Applaus schon fast abgeflaut ist, noch einmal, Metzmacher zieht ihn mit sich aufs Podium, das Publikum flippt aus. Allen war klar: Hier wurde nämlich, dank der Bündelung bester Kräfte, der Beweis geführt, dass Schumanns ›Faust‹-Szenen kein verunglücktes Experiment sind, sondern ein Meisterwerk.
Berliner Zeitung | 2.03.2010
Martin Wilkening
Mehr Oper als Oratorium Ingo Metzmacher dirigierte Schumanns ›Szenen aus Goethes ›Faust‹‹
Auch das bringen Jubiläen mit sich: Kompositionen, die sonst unbeachtet im Archiv verstauben, finden plötzlich gleich eine ganze Reihe von Versuchen zur Wiederbelebung. Das Jahr des 200. Geburtstags von Robert Schumann bescherte Berlin jetzt schon die zweite Aufführung seiner Faust-Szenen, beide unter dem Dach der ROC, in der Orchester und Chöre des Rundfunks zusammengefasst sind. Kritik an der Spielplandoppelung relativiert sich aber angesichts der unterschiedlichen Aufführungskonzepte, die auch unterschiedliche Schichten des etwa zweistündigen Werkes hervorzuheben vermochten. Hatte zu Jahresbeginn der RIAS-Kammerchor mit der Akademie für Alte Musik die Verbundenheit mit der oratorischen Tradition akzentuiert, so stach jetzt beim Deutschen Symphonie-Orchester mit dem Rundfunkchor Berlin die Nähe zur Großen Oper hervor. Was nebenbei daran erinnert, dass Goethe selbst von Meyerbeer als einem Komponisten gesprochen hat, dem das Unmögliche einer Faust-Vertonung doch zuzutrauen sei. Und andererseits die Frage aufwarf, warum eigentlich kein Opernhaus einmal das Experiment unternimmt, Schumanns genialen Zusammenschnitt von Faust I und II auf die Bühne zu bringen.
Dabei besaß aber diese von Ingo Metzmacher in der Philharmonie geleitete Aufführung eine solche Farbigkeit und Räumlichkeit, dass sie auch aus der konzertanten Situation heraus die Einbildungskraft nachhaltig beschäftigte. Die nachkomponierte Ouvertüre, die für die drei »Abteilungen« - die zunächst wohl eher als Einzelwerke geplant waren - einen zyklischen Rahmen zu schaffen sucht, hinterließ zu Beginn eher schwachen Eindruck. Wenig konturenscharf, stumpf und mulmig im streicherbetonten Klang kam so Schumanns etwas volkstümelnder Blick auf Fausts Gestalt in Bewegung. Das änderte sich aber in dem Moment, als die Stimmen hinzutraten - die Aufführung gewann Lebhaftigkeit im Detail und große Bögen, die Spannung hielt auch zwischen den einzelnen Szenen, Metzmacher bewies sich als inspirierender Sängerbegleiter. Und in der Spannweite vokalen Ausdrucks fand dieses Konzert seine eigentliche Qualität, einen Wiederhall der vielen Welten, die Goethe und Schumann hier zusammendenken.
Ariels Geister, die der RIAS-Kammerchor aus eigenen Reihen gestellt hatte, ließ Metzmacher von Solisten singen, die hinter dem Orchester postiert waren. Mephistos Lemuren, zuletzt ein braver Mädchenchor, sangen hier die Knaben des Staats- und Domchores. Und so lebhaft, wie sie die Bühne stürmten, schienen sie auch die Erde aufzuwühlen: begeistert für Fausts Kultivierungsprojekt, unschuldige Gräber seines Grabes. In der Textverständlichkeit waren die jungen Sänger dabei so umwerfend klar wie später, in Fausts Verklärung, auch als Chor seliger Knaben. Bei einer Gesamtaufführung der Faust-Szenen kommt es unweigerlich auch zu solch merkwürdigen Verwandlungen der in mehreren Rollen eingesetzten Interpreten wie der von Lemuren zu seligen Knaben, abgesehen von solchen Verklärungen, die schon bei Goethe angelegt sind.
Camilla Nylund, die als Gretchen vor dem Bild der Mater dolorosa mit einfarbigem Dauervibrato und eher kraftlosen Höhen betete, setzte als Una Poenitentium im Schlussbild strahlende Glanzlichter. Aus der Solistengruppe mit dem profunden und doch leicht ansprechenden Bass von Georg Zeppenfeld, Mojca Erdmanns frischem Sopran und Werner Güras eindringlichem Tenor ragte durch die Souveränität der Gestaltung Christian Gerhaher heraus. Als Faust und in der höher liegenden Partie des Doctor Marianus gelangen ihm die großen Steigerungen zu schneidender Leidenschaft ebenso wie die fahl zurückgenommenen Augenblicke der Besinnung und Erkenntnis. Bei aller Emphase der Textdeutung war dies ein Singen, das auch im Ton der Musik aufging, im Dialog mit dem Solocello, im fahlen Schimmern der Streicher.
klassik.com | 1.03.2010
Dr. Thomas Vitzthum
Faust, du Teufelskerl
Es war der Abend des Christian Gerhaher. Kaum ist ein idealerer Sängercharakter vorstellbar, der Robert Schumanns verschiedenen Inkarnationen der Faustgestalt in den ›Szenen aus Goethes ›Faust‹‹ Stimme verleihen könnte. Der Bariton aus Bayern ragte aus einem ohnehin bereits exzellenten Solisten-Ensemble heraus, das Ingo Metzmacher und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin in der Berliner Philharmonie vereinten und das das Seine zu einem wunderbaren Abend beitrug.
Was gesagt werden muss
An dieser Stelle müsste nun der seit Schumanns Tagen kolportierte Abgesang der Kritik auf das doch so gestückelte Werk folgen und ja, man müsste natürlich auf die Instrumentation schimpfen, die sich doch so deutsch düster, so unbeholfen schwerblütig gibt. Schluss damit. Nur weil es in Konzertführern steht, sich tradiert und man es irgendwo aufgeschnappt hat, ist es noch lange nicht richtig. Schumann verzichtet auf eine Handlung im eigentlichen Sinne, das wohl. Er wählte frei aus den zwei »Fausten« Johann Wolfgang von Goethes. Rezeption aber verändert sich, und wer sollte sich an der Stückelei heute wirklich noch stören? Germanisten? Oder Schlauberger? Es ist schon erstaunlich, wie schlecht die Kritik von einem Werk spricht, von dem große Dirigenten immer wieder mit Ergriffenheit reden, etwa Harnoncourt, Abbado, Herreweghe.
Im 19. Jahrhundert durfte Schumann befürchten oder hoffen, dass sein Publikum sich die fehlenden Teile des Faust dazwischendenkt, ob dies heute immer noch gelten darf, muss man ehrlich bezweifeln. Vielleicht ist dies besser für das Stück. Wenige Zuhörer lesen tatsächlich im Programmheft mit; was da passiert, scheint sie nicht zu kümmern. Zwar artikulieren fast alle Solisten des Abends in der Philharmonie sehr gut bis hervorragend, doch die komplexe Sprache Goethes erschließt sich auch so nur dem Kenner. Die Hörer lassen Musik und Text offensichtlich einfach auf sich wirken. Als hörten sie eine Messe, mit dem bekannten und doch unnahbaren (lateinischen) Text. Tatsächlich hat vor allem der Teil, in dem Schumann Fausts Verklärung vertont, musikalisch fiel Sakrales, den prächtigen Schlusschor eingeschlossen, wie er Gloria oder Credo beschließen könnte.
Bezwinger?
Mal ehrlich, wer hat dem Faust-Stoff wirklich musikalisch beikommen können? Louis Spohr mit seiner unschuldigen Faust-Oper? Beethoven mit ein paar recht albernen Liedern? Liszt mit seiner brüllenden, Tenöre verschleißenden Symphonie? Gar Gounod mit seiner schmalzigen Oper, die eigentlich ›Margarethe‹ heißt und die man doch – seltsam genug – neuerdings meist als Faust vermarktet? Oder Mahler, der ein wenig ewig Weibliches ans Ende seiner Achten Symphonie stellte? Hand aufs Herz: Schumann kann sich hören lassen. Der romantische Ton, die innere Ergriffenheit, die Wahl von Szenen, die Schuld und Erlösung thematisieren, bilden einen starken ideellen Zusammenhang.
Christian Gerhahers Kunst
Faust ist eine Figur, die zwischen Opern- und Lied-Gestus wechselt, die höchst dramatische Momente und solche von großer Innerlichkeit hat. Gerhaher, geschult, geschliffen an Schumanns Liedern, fasst Faust als einen in seiner Grunddisposition erzürnten, jähzornigen, aufrührerischen Charakter auf, der erst im Moment der Verklärung zu einer gewissen Milde findet. Das hat bezwingende Konsequenz. Apropos »schlechte Instrumentation«: Möchte wirklich jemand die hinreißende, von Harfen, schalen Geigenklängen und sanften Horn-Rufen begleitete Passage »Höchste Herrscherin der Welt« als verbesserungsfähig bezeichnen? Gerhaher bietet gerade in diesen Momenten eine Darstellung von höchster Präsenz und gestalterischer Dichte, die ihresgleichen sucht und mit Bravo-Rufen gefeiert wurde. Ovationen gab es auch für den leuchtkräftigen Bass von Georg Zeppenfeld, den strahlenden Sopran von Camilla Nylund, den schlank, leicht metallenen Sopran von Mojca Erdmann, den lyrischen Tenor von Werner Güra sowie die übrigen Solisten.
Spürbar wünschen sich Gerhaher und seine Kollegen von Metzmacher noch etwas mehr Raum, vielleicht die Möglichkeit, Tempi freier zu handhaben. Metzmacher hält dagegen das Stück am Fließen. Mit beredten Gesten wünscht er sich vom Orchester noch mehr Liebe zum Detail, duckt sich tief, um ein Piano, mehr Leuchtkraft einzufordern, was ihm leider nicht immer gewährt wird. Oft ist das Orchester gerade das Quantum zu laut, dem die Solisten nicht mehr beikommen, auch der Rundfunkchor Berlin gibt bisweilen etwas zu viel. Hinreißend singen dagegen die Knaben des Staats- und Domchors Berlin. Frisch, bemerkenswert sicher in der Intonation und Artikulation nutzen sie die vielen Chancen zur Präsentation, die ihnen Schumann dankenswerterweise gewährt. Schade nur für die zwei Jungens, die am zweiten Abend den Schluss im wahrsten Sinn des Wortes nicht durchstehen konnten und so den donnernden Applaus nicht mehr hörten.
