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Berliner Zeitung | 9.01.2010
Martin Wilkening
Die Präzision der Dynamik
Großartig: Martin Helmchen und Herbert Blomstedt mit dem DSO
Das Werk von Felix Mendelssohn-Bartholdy zerfällt für die heutige Wahrnehmung in zwei Hälften. Die eine wirkt überzeitlich gültig, die andere allzu zeitgebunden, etwa als Virtuosenmusik. Über die Klavierkonzerte ist das Urteil schnell gesprochen: wenig Tiefe, viel Brillanz. Wenn man aber erlebt, mit welchem Ausdruckswillen der junge, von Konzert zu Konzert an Statur gewinnende Pianist Martin Helmchen in Mendelssohns d-Moll-Konzert einsteigt, lässt man das Urteil mit Freude fahren, so sehr wird das Virtuose hier als Teil des Poetischen erkennbar.
In weit auseinanderklaffenden Ausdruckswelten funkelt die Einleitung, bevor sich die Musik zur vibrierenden Spannung des Anfangsthemas zusammenzieht. Wie Helmchen zunächst die phantastisch schroffen Brüche ausgestaltete, um dann energisch das Thema anzusteuern, wirkte vom ersten Ton an elektrisierend. Die Eindringlichkeit, mit der die Musik in ihrem Wunsch nach Selbstbegeisterung, Selbstberauschung und Selbstreflektion erfahrbar wurde, schuf hier ein so intensives Mendelssohn-Erlebnis, wie es aus dem vergangenen Jubiläumsjahr nicht erinnerlich ist. Auch im langsamen Satz behält Helmchens sparsam und sehr bewusst pedalisierter Ton in seiner Direktheit etwas leicht Sprödes, verzichtet ganz auf Stereotypen des Ausdrucks. Das Trommelfeuer des letzten Satzes könnte man sich zwar eleganter vorstellen, intensiver jedoch kaum. Und das Deutsche Symphonie-Orchester fand unter der Leitung von Herbert Blomstedt zu einer klanglichen Präzision, aus der wunderbare Orchestermomente erwuchsen.
Zwei selten gespielte Werke von zwei allerorts gespielten Komponisten standen sich gegenüber. Unter Bruckners Sinfonien ist die zweite, zumal in der Urfassung, wohl die unbekannteste, vielleicht, weil sie zwar zum ersten Mal den Monumentalstil der späteren Sinfonien ausbildet, aber in ihrer Plastizität doch nicht an diese heranreicht. Dirigenten dürften auch heute noch vor ihrer zuweilen ungestaltet wirkenden Länge zurückschrecken. Blomstedt ist mit seiner jahrzehntelangen Bruckner-Erfahrung zur Zeit fraglos einer der bedeutendsten Interpreten dieser Musik. Und was er mit dem DSO in diesem Konzert erreichte, war exemplarisch. Bruckners Zweite ist, weil die Themen doch eher unscheinbar bleiben, in besonderem Maße eine Musik, die in der inneren Bewegung und den Abstufungen ihrer Klänge lebt. In Blomstedts Interpretation wirkte diese Klanglichkeit in jedem Moment durch genaueste Vorstellung gesteuert. Die Dynamik wurde nie pauschal, sondern auch etwa zwischen zweifachem und dreifachem forte präzise definiert und die Geschlossenheit des Klanges bei den Blechbläsern war phänomenal. Es gab wundervoll suggestive Einzelmomente, etwa wenn sich zu Beginn das Thema der ersten Violinen unter den anderen Streichern festsaugt, oder wenn sich am Ende des langsamen Satzes die Musik in einer stehenbleibenden Wendung des Horns gleichsam auflöst. Blomstedt nahm die eigenen Tempobezeichnungen dieser Urfassung ganz ernst, so dass der erste Satz recht schnell und der langsame extrem langsam erklang, in den Gesamtproportionen absolut überzeugend.
Der Tagesspiegel | 9.01.2010
Udo Badelt
Gottesfürchtig: Das DSO spielt in der Philharmonie
Wie ein felsiger Solitär steht Bruckner im romantischen 19. Jahrhundert. Die bildungsbürgerliche Vorstellung eines Genies, das seine Eingebung in ewige Notenform gießt, trifft auf ihn am wenigsten zu. Er war ein Zweifler, der mehrere seiner Symphonien umgearbeitet hat und damit das Wesen von Musik als Zeitkunst, die in der Interpretation immer wieder neu und anders aktualisiert werden muss, ahnungsvoll erfasst hat. Herbert Blomstedt weiß um die Gleichrangigkeit der verschiedenen Versionen. In den letzten beiden Spielzeiten hat er beim Deutschen Symphonie-Orchester bereits Bruckners Neunte und Dritte dirigiert. Bei der Zweiten entschied er sich jetzt für die erste Fassung von 1871|72, in der die motivischen Blöcke stärker durch Pausen voneinander getrennt sind.
Ein mit dem Silberstift gezogener Streicherklang, dynamische Kontraste, durchschlagend unisono gestaltete Zäsuren und ein eindrücklicher Nachklang prägen die Interpretation in der Philharmonie. Der langsame dritte Satz gerät, vor allem im sanft schimmernden Hornsolo, zärtlich, katholisch, gottesliebend. Die Spannung des schnellen Finales entlädt sich in Donnerschlägen. Solche gewaltigen Werke kann man nur mit ihrem totalen Gegensatz kombinieren. Vor der Pause spielt Martin Helmchen das selten aufgeführte zweite Klavierkonzert von Mendelssohn-Bartholdy brav, flink, ohne Willen zur Aussage. Von romantischen Gefühlsstürmen ist wenig zu spüren. Das ist schade, denn so wird das Werk zur Vorspeise von Bruckner, obwohl es mehr sein könnte.
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