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›Versuchung‹ (3.) | Konzert 15.12.

Berliner Zeitung | 17.12.09
Matthias Nöther

Im Dienste des Sexus Das DSO und Metzmacher gestalten den Höhepunkt ihrer Versuchungs-Saison

Es war beim Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters in der Philharmonie deutlich zu erkennen, dass das Motto der Saison, ›Versuchung‹, im Grunde um ein einziges Werk tanzt: die Oper ›Salome‹ von Richard Strauss. Die Versucherin Salome bündelt, vor allem bei Strauss und dort in genuin musikalischer Form, diesen mentalitätsgeschichtlichen Augenblick der Entdeckung und zugleich Dämonisierung weiblicher Sexualität, und die anderen Programmideen von Ingo Metzmacher und dem DSO zum Thema scheinen meist wie Varianten, bestenfalls Variationen.

Strauss konnte in seiner Musik ausgesprochen zotig sein, im Schlussgesang der ›Salome‹, den die phänomenale schwedische Sopranistin Nina Stemme am Schluss des Abends darbot, geht es symbolischer zu. Zwar findet der Komponist auch hier zu animalisch Geräuschhaftem im Dienste des Sexus – das befriedigte Grummeln des Orchesters bei »Ah, ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan« ist kaum mehr einem Instrument zuzuordnen –, doch dieser Augenblick lässt die Idee eines ganzen Musikdramas, in dem es nur um das Eine geht, fein und kunstvoll auf einen einzigen Punkt zusammenschnurren. Es ist der Schlusspunkt einer symphonisch-dramatischen Orgie: Versuchung, so klingt sie.

Zwar schienen Salomes ›Tanz der sieben Schleier‹ und der Schlussgesang auch von ihrem Erfordernis her – ein fein ziseliertes, detailreiches Spiel vor dem Horizont eines weichen und warmen Gesamtklangs – wie paradigmatisch auf das Motto der DSO-Saison zu passen und auf den orchestralen Duktus, den das Orchester im Laufe des Herbstes auf beeindruckende Weise kultiviert hat. Doch eigentlich wurden in den ›Salome‹-Nummern nur Standardsituationen spätromantischen Klangs vorgeführt, während das Orchester klanglich eher in den anderen Stücken des Abends über sich hinauswuchs.

Die Erotik des Liebes-wie des Todesschmerzes wurde von Claude Debussy in seiner Bühnenmusik zur schwülstigen Dichtung ›Le martyre de Saint Sébastien‹ des vorfaschistischen Décadent Gabriele d'Annunzio in eine selten aufgeführte Komposition gefasst. Gelegentlich klingt dieser Debussy in seinen hier erstaunlich klaren zeitlichen Strukturen wie die Bündelung nachromantischer Ratlosigkeit à la Goldmark und Korngold. Doch das dunkle Brummen von Salomes Lust hat seine eindrucksvolle Entsprechung in einer Art negativem musikalischen Höhepunkt im dritten Satz von Debussys Konzertsuite seines Bühnenwerks. Schmerz gibt es hier in aller Stofflichkeit, welche Musik überhaupt zulässt, es ist jedoch eine eigenartige poetische Sicht auf den Schmerz, die ihn zugleich sexualisiert und verklärt.

Auch Hindemiths Symphonie ›Mathis der Maler‹ von 1934, die vom DSO in ausgesprochen klangsinnlicher Form dargeboten wurde, kennt solche Momente, gerade dort, wo der Komponist die meiste schöpferische Energie verwandte: Die Geliebte, die dem Maler im Traum als Verführerin erscheint, wird gegenwärtig in einer deutsch-bildungsbürgerlichen Innigkeit, der zugleich in einem schillernden Gegeneinander von Streichertrillern der Boden unter den Füßen weggezogen ist. Dass das DSO mit Metzmacher das Versuchungs-Motto programmatisch und musikalisch ausfüllen kann, hat es hier vollends vorgeführt.



Berliner Morgenpost | 17.12.09
Klaus Geitel

Star des Abends war Sopranistin Nina Stemme

Mit ›Versuchung‹ hatte Ingo Metzmacher das Programm seines Konzerts mit dem Deutschen Symphonie Orchester in der Philharmonie überschrieben. Die einzige, der man überdies mit Hochgenuss unterlag, war die, nach Prinzessin Nina Stemmes Vortrag des Schlussgesangs aus ›Salome‹ Bravo zu rufen. Und das tat man auch.

Diesen Höhepunkt des Abends hatte das Orchester mit dem Tanz der Salome eingeleitet, den Metzmacher wie eine Weltuntergangsmusik aufbranden ließ. Zu Lebzeiten von Strauss, unter Clemens Krauss noch, klang das viel geschmeidiger, verführerischer, eleganter. Sinnlichkeit und Klangkultur gingen noch Hand in Hand. Damit scheint es jetzt endgültig vorbei. Vorab fällt Salomes Kuss nicht einzig auf den Mund des geköpften Jochanaan, sondern gleich wie die Faust aufs Propheten-Auge. Glücklicherweise machte Nina Stemmes Gesang diese Rabiatheit vergessen. Sicherlich – sie diente sich ihrer Rolle hochdramatisch an. Aber sie besaß gleichzeitig die Fähigkeit, die Geschmeidigkeit ihrer Stimme auszuspielen. Sie ist inzwischen in die Partie der Brünnhilde hineingewachsen.

Der ›Salome‹ vorausgegangen waren in dem von Metzmacher aufmerksam und kenntnisreich geleiteten Konzert Debussys leicht flachbrüstige Bühnenmusik zu der von Ida Rubinstein inspirierten d'Annunzio-Vertonung des ›Martyriums des Heiligen Sebastian‹. Außerdem versuchte sich das Programm an einer Wiederbelebung der honorigen ›Mathis der Maler"-Symphonie von Paul Hindemith. Ihre drei Sätze lassen freilich den Schneid der frühen Hindemith-Jahre vermissen. Dieser sinfonische ›Mathis‹ ist weit stärker in die Jahre gekommen als sein gemaltes Pendant.

 

 
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