Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

6.12. Sokhiev

Kulturradio vom rbb | 7.12.09
Jürgen Otten

Philharmonie Berlin: DSO Berlin unter Tugan Sokhiev Mit Johannes Moser, Violoncello

Ein gewöhnliches Konzert konnte das kaum werden. Und es wurde auch keines. Nach dem Bekanntwerden der Fusionspläne innerhalb der Rundfunkorchester und Chöre GmbH (kurz: roc) geriet das Konzert des Deutschen Symphonieorchesters Berlin (DSO) am Sonntag in der Philharmonie zu einem musikpolitischen Akt. Noch bevor der Dirigent des Abends, Tugan Sokhiev, das Podium betrat, brandete in Scharouns heiligen Hallen langanhaltender Applaus für das bedrohte Orchester auf; eine eindeutige Demonstration des guten Willens.

Danach beruhigte
sich das Geschehen; der über die Maßen begabte Sokhiev, der erst kürzlich bei den Wiener Philharmonikern debütierte und demnächst auch bei den Berliner Philharmonikern am Pult stehen wird, hatte ein gemessen-braves Stückchen für den Beginn ausgesucht. Borodins Eine Steppenskizze aus Mittelasien ist ein elliptisch geschwungenes Poem, das sich in seichter Melodik und beschaulichen Themen ergeht – und eben so auch interpretiert wurde.

Dann aber wurde es leidenschaftlich. Johannes Moser spielte das h-Moll-Cellokonzert von Dvorák, und er spielte es mit einer Hingabe, die fast körperlich spürbar war. Weit ausholend schon der Schwung zum ersten, bei Moser nahezu mit Ingrimm angegangenen Thema des Kopfsatzes. Und auch in der Folge wühlte der Gewinner des Tschaikowsky-Wettbewerbs 2002 in Moskau sich mit einer Verve durch seine Solostimme, so als gelte es, die Welt zumindest ins Wanken zu bringen.

Interessant daran:
Moser suchte hierbei stets den engsten Kontakt zu Orchester und Dirigent (was gelang), und sein Ton blieb, bei allem intensiven Ausdruck, während der ganzen Zeit kontrolliert, kultiviert, geschmeidig. Besonders inniglich sein Piano, das einem elegischen Flüstern glich. Wie sensibel dieser Musiker zu Werke gehen kann, zeigte dann noch einmal die Zugabe: die Sarabande aus der ersten Solosuite von Bach. Ein Gedicht in leisesten Tönen.

Nach der Pause dann erst die Ansprache eines DSO-Betriebsrates, in der zu Solidarität und Engagement aufgerufen wurde. Und als gelte es, diesen verbalen Aufruf in Töne zu kleiden, geriet Tschaikowskys fünfte Symphonie unter der gleichermaßen präzisen wie aufwühlenden Leitung Sokhievs zu einem flammenden Appell für die Kunst.

Selten hat man das DSO so glühend musizieren erlebt. Ein ungewöhnliches Konzert.

Bewertung: großartig



Berliner Zeitung | 8.12.09
Peter Uehling

Wild, laut, hemmungslos Das Deutsche Symphonie-Orchester und Berliner Abgeordnete wehren sich gegen die Fusionspläne

Am Freitag wurde bekannt, dass das Deutsche Symphonie-Orchester und das Rundfunk-Sinfonieorchester nach den Plänen des Intendanten des Deutschlandradios, Willi Steul, zusammengeführt werden sollen. Schon am Sonntag konnte das DSO in der Philharmonie in einem wütend-leidenschaftlichen Konzert vorführen, dass diese Idee, um das mindeste zu sagen, ganz großer Mist ist. Unter Leitung Tugan Sokhievs, eines jungen, wilden ossetischen Dirigenten, spielte das DSO mit Tschaikowskys Fünfter Sinfonie ein jugendlich wildes Stück. Dennoch war das Ergebnis nicht nur wild, laut und hemmungslos expressiv. Sokhiev ließ die Klangfarben des Orchesters extrem auseinander treten: Es orgelten die Posaunen, es brummte die Tuba, es schmachtete das Horn, es blitzten die Trompeten; selbst Bratschen und Violinen profilierten ihre Klänge scharf gegeneinander.

Nichts lag Sokhiev an farblicher Verschmelzung, alles an individuell gefärbten Intensitäten: Wenn etwa die Bläser die melodische Führung hatten, fuhren ihnen die Begleitstimmen der Streicher immer wieder mit groß aufgezogenen Binnencrescendi dazwischen. Über die Steuerung der klanglichen Intensitäten modellierte Sokhiev die Form - darin hatte diese Tschaikowsky-Interpretation, obwohl sie an der Oberfläche nicht an den Ausdrucks-Klischees rührte, dennoch ihre Originalität und das Wilde seinen besonnenen Gegensatz. Das DSO setzte solche Absichten brillant und zupackend um.

Sokhievs sinnliches, nein geradezu haptisches Musikmachen wurde auch in Dvoraks Cellokonzert mit dem energisch zupackenden Solisten Johannes Moser spürbar, deutlicher noch wurde es im luftigen Orchestersatz von Borodins ›Steppenskizze aus Mittelasien‹: Musik entwickelte sich nicht als rhythmisches Geschehen oder aus motivischen Korrespondenzen, sondern aus immer neuen Situationen: Wenn nach der unbegleiteten Flötenmelodie der von Anfang an in der Luft schwebende Flageolett-Ton der Streicher ein wenig in den Vordergrund tritt, damit sich die Harmonik daran hängen kann, dann tritt das Stück in ein neues Stadium. Das DSO zeigt sich ungemein flexibel und sensibel darin, Sokhievs Vorstellungen zu erfüllen: Nicht nur, indem es seinem Dirigieren folgt, sondern indem es aufeinander hört.

Und dieses vitale, spontane und aufregende Orchester soll nun im RSB verschwinden? Aufgrund zukünftiger finanzieller Engpässe? Dass die Einsparungen zunächst kaum ins Gewicht fallen, ist leicht nachgewiesen: Bis der Überhang von rund 60 Stellen im fusionierten 180-Mann-Orchester durch Pensionierung abgebaut ist, dauert es noch lange. Werden Musiker gekündigt - was Steul bislang ausgeschlossen hat -, stehen der Rundfunkorchester und -chöre GmbH Prozesse in Millionenhöhe bevor; und wenn junge, hochqualifizierte Musiker auf sicherere und attraktivere Stellen abwandern, wird auch ein Marek Janowski aus den übrigen Musikern nicht das Exzellenz-Orchester formen können, das Willi Steul vorschwebte, als er seinen Plan lancierte.

Und dabei ist noch nicht einmal geprüft, ob eine solche Fusion künstlerisch überhaupt gelingen kann. Ingo Metzmacher, scheidender Chefdirigent des DSO, hat den von Steul prophezeiten Qualitätssprung erstmal bezweifelt. Und Marek Janowski ist von der Aussicht, mit Anfang 70 noch einmal ein Orchester von unten aufzubauen, nicht übermäßig begeistert. Er hat gerade erst seinen Vertrag als Chefdirigent des RSB bis 2016 verlängert, will sich auf die Entwicklung seines Orchesters konzentrieren und hofft auf »Lösungen, die dem RSB und dem DSO langfristige künstlerische Perspektiven eröffnen«.

Die Erhöhung des ROC-Etats um 6 Millionen Euro auf 34 Millionen Euro für die nächsten drei Jahre ist seit April dieses Jahres zugesichert, aber beschlossen ist sie noch nicht. Noch hat das Abgeordnetenhaus den Berliner Anteil von 1,2 Millionen Euro an dieser Erhöhung nicht gebilligt - und wird es vielleicht auch nicht tun. Gestern jedenfalls wurde eine Sondersitzung des Kulturausschusses für morgen einberufen, die darüber beraten soll, ob die Etat-Erhöhung gesperrt werden kann. Grüne, FDP und CDU von der Opposition und Abgeordnete der SPD sind sich in diesem Fall einig, dass Berlin seinen Etat erhöht hat, um die Ensembles zu stärken, nicht, um sie zu zerschlagen. Sie bezeichnen die Fusionspläne als kulturpolitisch dumm und unkreativ. Brigitte Lange (SPD) fordert die ROC-Hauptgesellschafter Deutschlandradio und Bund auf, die »Fusionsbestrebungen zu unterlassen«, es bestehe »weder wirtschaftlich noch künstlerisch Handlungsbedarf«.

Derweil wendet sich das DSO an sein Publikum und bittet um Unterschriften und Einspruch bei den Verantwortlichen. Unter www.dso-petition.de kann man seinen Unwillen gegen eine Kulturpolitik kundtun, die von der Sorge um den Mangel und nicht von der Liebe zur Kunst getrieben wird. Nun wäre es an den Hörern zu zeigen, was Musik bewegen kann und was wir an musikalischer Vielfalt brauchen. Der Anteil des DSO daran ist groß.



Der Tagesspiegel | 8.12.09
Jörg Königsdorf

»Wir kämpfen« Das DSO spielt gegen die Fusionspläne an

Zu Anfang demonstriert das Publikum: Mit minutenlangem energischen Applaus feiert es in der ausverkauften Philharmonie die Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters, noch bevor der erste Ton erklungen ist. Denn allen im Saal ist klar, dass dies ein besonderer Abend ist – das erste Konzert, nachdem am Freitag der Plan bekannt wurde, das Orchester mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester zu fusionieren. Natürlich haben auch die Musiker in den letzten fünfzehn Jahren gelernt, was sie in solch einer Krise tun müssen. Nach dem Konzert verteilen Sie Flugblätter, in denen dazu aufgefordert wird, die politischen Entscheidungsträger unter Druck zu setzen, auch eine Onlinepetitionsliste gibt es schon (www.dso-petition.de), nach der Pause wendet sich der Betriebsratsvorsitzende des DSO, Ulrich Schneider, mit einem kurzen Appell an die Konzertbesucher. Von einem Akt des kulturellen Kahlschlags spricht er, von einem fatalen Signal für die deutsche Kulturlandschaft und die Kulturhauptstadt Berlin und verspricht: »Wir werden kämpfen!«

Die Spannung, die auf diesem Abend lastet, wäre allerdings auch ohne diese plötzliche Bedrohung groß genug gewesen. Mit Tugan Sokhiev steht der heißeste Kandidat für die Nachfolge des scheidenden DSO-Chefs Ingo Metzmacher am Pult. Der 32-jährige Russe ist auf dem Sprung zur ganz großen Karriere – im Januar wird er sein Debüt bei den Philharmonikern geben. Und dieser Abend dürfte seine Chancen nicht verschlechtert haben. Souverän lenkt Sokhiev die Musiker schon in Alexander Borodins kurzer ›Steppenskizze aus Mittelasien‹ auf dem Pfad zwischen Kontrolle und Freiheit. Der Gegensatz zwischen dem »europäischen« und dem »asiatischen« Thema wird nicht polemisch forciert; stattdessen lässt Sokhiev den Klang aufblühen. Auch Tschaikowskys fünfte Sinfonie besitzt so eine entwaffnende Selbstverständlichkeit. Die Bläsersoli klingen beseelt, das große Gefühl und der Schicksalston, all das ist da. Im Finale, nach Petersburger Tradition sehr schnell genommen, verhärtet sich der ernste Ton fast bis zur Verbissenheit – Tschaikowsky als Pate Schostakowitschs.

Dazwischen Dvoraks Cellokonzert mit dem 30-jährigen Johannes Moser: Mit einer Lebendigkeit des Ausdrucks und Hingabe, die erklären, weshalb der Münchner beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb triumphieren konnte. Der virtuose Reißer wird so zum Konzert im eigentlichen Sinne; zur Zwiesprache zwischen dem Cello und dem Orchester, die alle Facetten vom intimen Flüstern bis zur großen dramatischen Geste hat. Momente, in denen man alles andere vergisst.