Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Orchesterfusion

5. | 6. Dezember 2009



Berliner Zeitung | 5.|6.12.09
Birgit Walter

Die Fusionsplanung Der Intendant des Deutschlandradios über seine Vorstellungen, aus DSO und RSB ein großes Orchester zu machen

Die Nachricht lag lange in der Luft, gestern nahm sie Gestalt an: Die beiden Orchester der Rundfunkorchester und Chöre GmbH (Roc) sollen fusioniert werden. Noch wurden weder das Deutsche Symphonie Orchester (DSO) mit dem Dirigenten Ingo Metzmacher noch das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) unter Marek Janovski über die bevorstehende Zusammenlegung informiert, noch ist keine Entscheidung gefallen. Aber die Struktur der vier Gesellschafter macht eine Geheimhaltung nur schwer möglich: Die Roc wird vom Deutschlandradio (zu 40 Prozent), vom Bund (35 Prozent), vom Land Berlin (20 Prozent) und dem RBB (5 Prozent) finanziert. Alle zusammen sind dabei zu beschließen, die Fördermittel für die Roc um 6 Millionen auf 34 Millionen Euro aufzustocken. Dazu ein Gespräch mit dem Intendanten des Deutschlandradio, Willi Steul.

Herr Dr. Steul, warum erfahren die Musiker von der bevorstehenden Fusion durch widersprüchliche Gerüchte?
»Weil es noch keine Entscheidung gibt. Ich finde es außerordentlich bedauerlich und muss mich entschuldigen bei den Orchestern, dass ich das nicht vorher mit ihnen diskutieren konnte. Aber als Vertreter des Hauptgesellschafters Deutschlandradio habe ich den Auftrag, ein Konzept zu erarbeiten über eine Zukunftssicherung der Roc. Dazu ist jetzt der ideale Zeitpunkt, weil wir mehr Geld zur Verfügung haben. Die Roc war so gut wie pleite - diese Situation ist abgewendet, jedenfalls bis 2012.«

Es wird zu Rivalitäten kommen zwischen den Orchestern, von denen eines ohne Dirigenten dasteht.
»Nein - ich habe mir die Konstruktion sehr skrupelhaft angesehen. Wir werden im Sommer Ingo Metzmacher verlieren, zugleich spielt das RSB unter Leitung von Marek Janovski auf der künstlerischen Höhe des DSO, wir haben also nicht die Übernahme des einen durch den anderen, sondern die Zusammenführung von Gleichen. In beiden Orchestern sind wichtige Solo-Positionen nicht besetzt. Wir können jetzt eine ausreichende Finanzierung erreichen für ein großes Orchester. Wir haben wenige Monate Zeit, uns dafür zu entscheiden. Ansonsten müssen ein Dirigent gesucht und die fehlenden Stellen nachbesetzt werden. Das muss diskutiert werden - selbstverständlich auch mit dem Orchester.«

Es geht also um eine Zusammenlegung - da fallen Stellen weg. Über welche Größen reden wir?
»Derzeit haben beide Orchester zusammen weniger als 200 Stellen. Der Konflikt mit Ingo Metzmacher kam ja nicht auf, weil ihm Kürzungen bevorstanden, sondern weil er ein größeres Orchester wollte. Ich habe Verständnis dafür, dass man das braucht für bestimmte Vorhaben. Wenn die Gesellschafter meiner Empfehlung folgen, bilden wir ein Orchester mit 120 bis 125 Musikern, 50 Musiker wären überzählig. Die Aushilfen könnten sofort gespart werden. Das Orchester könnte in den unterschiedlichsten Formationen alle Musiker beschäftigen, bis nach einer Übergangszeit, auch durch natürliche Fluktuation, die 125 Stellen übrig blieben.«

Eine Fusion ist kein Grund zur Freude: Am Ende fehlen 80 Stellen. Auch Aushilfen sind Musiker, hochqualifizierte Menschen, denen dann die Arbeit fehlt. Eine solche Entscheidung mitten in der Krise vergrößert die sozialen Probleme der Stadt weiter.
»Es sind nicht 80 Stellen, die wegfallen. Und die Aushilfen kommen nicht nur aus der Stadt, die Orchester sind international zusammengesetzt. Es wird keine Kündigungen geben, wir werden den Weggang sozialverträglich gestalten, anständig.«

Berlin hat neun Orchester, darunter zwei Spitzenorchester, die Staatskapelle und die Philharmoniker. Jetzt soll ein Konkurrent dazukommen.
»Exzellenz und Wettbewerb sind immer gut, dann werden alle besser. Und schauen Sie nicht nur mit dem Berliner Blick. Deutschlandradio hat ein Interesse daran, dass das Orchester bundesweit auftritt.«

Was wird aus der hochkomplizierten Struktur mit vier Geldgebern und vier Ensembles? Sollte die nicht auch vereinfacht werden, so dass nicht alle für alles zuständig sind?
»Die GmbH-Struktur ist eine andere Frage. Die Entscheidung soll nicht von der finanziellen, sondern von der künstlerisch-inhaltlichen Seite fallen. Der Rias-Kammerchor und der Rundfunkchor sind Unikate. Aber bei den Orchestern können wir uns jetzt entscheiden zwischen einem potenziellen Spitzenorchester und zwei guten Orchestern, die auf Dauer vielleicht so nicht mehr unterhalten werden können.«

Wann fallen die Entscheidungen?
»Wahrscheinlich nicht mehr in diesem Jahr.«


Berliner Morgenpost | 5.12.09
Volker Blech

Zwei Orchester sollen zu einem werden Deutschlandradio-Chef Willi Steul forciert die Fusion des Deutschen Symphonie-Orchesters mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester
In Berlin wird die Fusion zweier großer Orchester vorbereitet: Demnach sollen das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) zur Saison 2011|12 fusionieren. Das neue Orchester soll der derzeitige RSB-Chefdirigent Marek Janowski leiten. Beide Klangkörper gehören zur Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) und werden finanziell von vier Gesellschaftern – dem Bund, Deutschlandradio, RBB und Land Berlin – getragen. Die Fusion wird auf Drängen der beiden Mehrheitsgesellschafter Bund und Deutschlandradio vorangetrieben, hieß es am Freitagvormittag hinter vorgehaltener Hand aus Gesellschafterkreisen. Die Modalitäten sollen noch vor Weihnachten mit den Orchestergremien diskutiert und verkündet werden. So weit die Indiskretion.

Es gibt keine Beschlüsse und Termine
»Den ganzen Tag über waren alle Beteiligten zunächst damit beschäftigt, den Vorgang klein zu halten. Es gibt keinerlei Beschlüsse und Termine«, sagt ROC-Intendant Gernot Rehrl, um gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass bereits seit Jahren auch über diese Möglichkeit gesprochen wird. Die jetzige Aufgeregtheit sei ihm allerdings unverständlich: »In der Eile ist eine Fusion gar nicht durchführbar.« Für ihn ist die finanzielle Planungssicherheit der ROC bis 2013|14 gegeben.

Das sieht Hagen-Philipp Wolf, der Sprecher von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, allerdings etwas anders. »Die Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH hat eine suboptimale Struktur und eine unzureichende Finanzausstattung«, sagt der Vertreter des politisch einflussreichsten Gesellschafters. Gerade erst wurden bis 2012 jährlich sechs Millionen Euro durch die vier Gesellschafter draufgelegt, aber es ist immer noch nicht ausreichend. »Es gibt Vorschläge für eine Strukturreform«, so Wolf, »aber der Bund wird diese erst sichten und bewerten müssen.«

Im Laufe des Nachmittags stellte sich heraus, wer stellvertretend für die Gesellschafter die Prügel in den öffentlichen Diskussionen einstecken wird. Denn federführend für die Strukturreform, sprich: Fusion ist Willi Steul, der Intendant des Deutschlandradios. Der hätte seine Vorschläge lieber erst unter den Gesellschaftern und den Orchestervorständen besprochen. »Die Frage ist doch: Wollen wir gestalten oder verwalten«, sagt Steul. Er verweist darauf, dass beim DSO gerade ein neuer Chefdirigent und in beiden Orchestern wichtige, sprich: teure Positionen vor allem bei den Bläsern gesucht werden. Spielräume für eine Zusammenlegung öffnen sich, währenddessen künftig die Steuereinnahmen zurückgehen werden. Und dann fällt der wohl entscheidende Satz: »Ich bin fest davon überzeugt, dass in der Zusammenführung zweier richtig guter Orchester die Basis für ein potenzielles Spitzenorchester liegen könnte.« Steul spricht gar von einem Orchester in der Champions-League. Der Radio-Intendant setzt darauf, dass die Entscheidung zur Fusion innerhalb von zwei Monaten getroffen werden kann. Darüber hinaus soll aber die ROC in ihrer Grundstruktur erhalten bleiben inklusive des Rundfunkchors Berlin und des Rias Kammerchors.

Intendant Rehrl verweist derweil darauf, dass gerade die Suche nach einem Nachfolger für den zum Saisonende scheidenden DSO-Chefdirigenten Ingo Metzmacher in die Endphase geht. Zeitnah sollen die Verhandlungen mit zwei namhaften Kandidaten aufgenommen werden. Es werden jetzt wohl besonders schwere Gespräche werden.

Für den Intendanten mag die Nachfolgersuche ein Beleg für Stabilität sein. Man kann es auch anders sehen. Denn genau genommen wäre es der ideale Zeitpunkt, eine Fusion voranzutreiben, weil eines der beiden Orchester gerade führungslos und damit in der inneren Gegenwehr und in der Außenwirkung geschwächt ist. So gesehen bekommt der Weggang Ingo Metzmachers einen bitteren Beigeschmack. Der DSO-Chefdirigent hat seinen Vertrag über die laufende Spielzeit hinaus nicht verlängert, weil ihm seitens der ROC einen Tag vor der Jahrespressekonferenz eine deutliche Verkleinerung seines Orchesters nahegelegt worden war, um mit seinem Etat auszukommen. Das hat Metzmacher auf die Palme gebracht. Und der Dirigent, der schließlich sein Gesicht wahren muss, hat überhitzt und übereilt seinen Weggang aus Berlin erklärt.

Veränderte Kräfteverhältnisse
Tatsächlich haben sich die Kräfteverhältnisse innerhalb der ROC verändert. Das nicht erst seit Kent Naganos Chefzeiten international erfolgreiche Deutsche Symphonie-Orchester (ehemals Rias Symphonie Orchester) hatte lange Jahre die künstlerische Führungsrolle inne und wurde finanziell verwöhnt. Das Rundfunk-Sinfonieorchester agierte dagegen immer in der zweiten Reihe.

Aber in den letzten Jahren hat sich Chefdirigent Marek Janowski mit seinem RSB viele Sympathien beim Publikum und eben auch unter den Gesellschaftern erspielt. Während das DSO mit Metzmacher halböffentlich grantelte, übte sich das RSB im Schulterschluss mit ihrem Chef. Es wählte Janowski sogar zum Chef auf Lebenszeit. Was nur eine symbolische Geste war. Die sich immerhin aber in einem Vertrag bis 2016 umsetzen ließ.

4. Dezember 2009

dradio.de | 4.12.09 17:35 Uhr
Sendung ›Kultur Heute‹

Deutschlandradio-Intendant will Sinfonieorchester zusammenlegen Willi Steul im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich
Deutschlandradio-Intendant Willi Steul regt an, das Deutsche Symphonie-Orchester und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zu einem Klangkörper zusammenzuführen. Für beide Orchester habe man zwar Planungssicherheit für drei Jahre. Man könne aber jetzt auch die Basis für ein Spitzenorchester legen. Deutschlandradio ist Hauptgesellschafter der ROC GmbH, Träger der beiden Orchester.

Burkhard Müller-Ullrich: »Genauso umstritten wie die Frage, ob Berlin wirklich drei Opernhäuser brauche, ist seit Langem die Konstellation der Berliner Großorchester. Es gibt deren acht, angefangen von den Berliner Philharmonikern, jetzt unter Simon Rattle, bis zu den Berliner Symphonikern, die uns jetzt aber gar nicht interessieren, denn im Folgenden geht es um DSO und RSB, um das Deutsche Sinfonie Orchester Berlin (DSO) und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Diesen beiden sind wir, der Deutschlandfunk, als ein Programm von Deutschlandradio besonders verbunden, und zwar einfach deshalb, weil das Deutschlandradio sie wesentlich bezahlt. Das geschieht über eine Dachorganisation namens ROC - die drei Buchstaben stehen für Rundfunk Orchester und Chöre GmbH -, zu der auch noch ein paar andere Ensembles gehören. Diese ROC diente nach dem Mauerfall erst mal dazu, die Kunst zu retten und sie nicht abzuwickeln. Professionelle Orchester und Chöre sind ja wahnsinnig teuer, und durch die Besonderheit der deutschen Teilung gab es ja alles doppelt, in gleichermaßen hoher Qualität. Da war und ist also einerseits das im Westen verwurzelte Deutsche Symphonie-Orchester, DSO, das erst beim RIAS und später beim Sender Freies Berlin angebunden war, und es gab und gibt das nicht minder traditionsreiche Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, RSB, das dem DDR-Rundfunk gehört hatte. Nun spitzt sich in Zeiten der allgemeinen Finanzkrise die Frage zu: Können wir uns das wirklich alles so weiterhin leisten? Und mit wir meine ich, wie gesagt, den Sender, den Sie gerade hören. Deshalb begrüße ich im Studio jetzt den Intendanten des Deutschlandradios, Willi Steul. Herr Steul, wie man hört, denken Sie über Strukturveränderungen in der ROC nach?«

Willi Steul: »Ja, und zwar weil ich als Vertreter des Hauptgesellschafters Deutschlandradio den Auftrag dazu habe. Und ich will Ihnen gleich sagen, den Auftrag nehme ich nicht wahr als Sparauftrag, und wir kürzen auch nicht, im Gegenteil: Sowohl Deutschlandradio finanziert die ROC GmbH mit einer Erhöhung die nächsten drei Jahre, mit einer deutlichen Erhöhung - wir reden insgesamt über sechs Millionen. Der zweite Gesellschafter, der Bund, und zwar der Staatsminister Bernd Neumann, hat noch einmal mehr Geld dazugegeben, und auch das Land Berlin, es wird am Donnerstag darüber abstimmen und im Kulturetat widmet der Kultursenator und regierende Bürgermeister auch der ROC GmbH mehr Geld. Dies ist nun eine Situation, in der wir Planungssicherheit für drei Jahre haben. Wir haben andererseits beim DSO den Weggang des Spitzendirigenten Ingo Metzmacher - einem guten Orchester schulden Sie auch einen Nachfolger. Dies muss entschieden werden bis Januar, Februar. Dirigenten dieser Preisklasse finden Sie auch nicht auf der Straße. Und wir haben gleichzeitig einen Moment, wo wichtige Positionen, etwa bei den Bläsern oder in anderen Stimmgruppen, in beiden Orchestern nicht besetzt sind, wo man also Nachfolger suchen muss. Und jetzt schlage ich vor, dies ist mein Vorschlag an die Gesellschafter, die beiden Orchester zusammenzuführen. Wir haben exzellente Musiker, die beiden Orchester sind sehr, sehr gut. Und mittlerweile, dank Marek Janowski, ist auch das RSB auf die Höhe des DSO gekommen, und es gibt die Chance, dass man sozusagen zwei exzellente Teile zusammenführen kann und die Basis legen kann für ein Spitzenorchester. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies in erster Linie künstlerisch inhaltlich ein Sprung nach vorne ist, und man legt zumindest die Basis für eine solche Entwicklung. Ich fürchte einfach: Wir können jetzt die nächsten drei Jahre diese beiden wunderbaren Sinfonieorchester finanzieren, ich sehe angesichts der Entwicklung in unserem Land, angesichts der Entwicklung der Steuereinnahmen sehe ich, dass das danach immer schwerer wird. Und wenn wir jetzt eine solche Situation, einen solchen Kairos haben, um gestaltend, zukunftsgestaltend zu handeln, dann sollte man das tun. Das muss diskutiert werden, das muss selbstverständlich diskutiert werden mit dem Bund und mit Berlin und auch in der Öffentlichkeit. Ich persönlich halte dies für den einzig zukunftsfähigen Weg.«

Müller-Ullrich: »Und da sind wir jetzt gerade dabei, indem wir es an die Öffentlichkeit geben. Sie sagen, Sprung nach vorn. Selbstverständlich wird man Ihnen entgegenhalten, das ist die Axt an die Wurzel der Kultur gelegt.«

Steul: »Ja. Ja. Also wissen Sie, so Fragen habe ich als Journalist als Pawlow'schen Reflex auch gestellt. Das Gegenteil ist der Fall. Wir erhöhen im Moment die Mittel. Mit der Erhöhung der Mittel können wir entweder das Ganze so weiterführen und wir sehen in drei Jahren, dass wir dann nicht mehr hinkommen. Oder aber wir können uns auf den Weg in die Exzellenz begeben. Wenn Sie so wollen, wollen wir mit einem Orchester dauerhaft in die Champions League oder werden wir in wenigen Jahren mit zwei Orchestern um den Erhalt in der Bundesliga bangen.«

Müller-Ullrich: »Passen die beiden Orchester denn auch zueinander?«

Steul: »Die beiden Orchester haben im Moment unterschiedliche Farben, sie haben unterschiedliche Programme, sie haben auch unterschiedliche Dirigenten, daran wird man arbeiten müssen. Sie können aus zwei Orchestern eins machen, haben Sie nicht sofort ein exzellentes Orchester. Es muss sich auch seine eigene Farbe erarbeiten. Und gerade weil die Musiker so exzellent sind und gerade weil das Potenzial da ist, ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Basis zu einem weiteren absoluten Spitzenorchester legen können, und das könnten wir auch finanzieren.«

Müller-Ullrich: »Wie geht es jetzt weiter? Sie haben Sie sagen ein Denkmodell vorgelegt, weil die Gelegenheit eben günstig ist. Das Denkmodell wird jetzt breit diskutiert werden, und was ist der nächste Schritt?«

Steul: »Ich wünsche mir, dass wir innerhalb von zwei Monaten vielleicht diese Entscheidung tatsächlich treffen. Die Gesellschafter brauchen dazu Mut. Mir ist klar, dass ich verprügelt werde, ich glaube aber auch, dass ... nein, nicht ich glaube auch, ich empfinde als Hauptgesellschafter der ROC GmbH die Pflicht, da auch in Vorleistung zu gehen. Ich habe auch den Auftrag dazu, mir Gedanken zu machen, und ich setze da auch auf die Kraft der Argumente.«


Weltonline | 4.12.09 13:59 Uhr
Manuel Brug

Zwei Berliner Orchester müssen fusionieren Paukenschlag in der Hauptstadt: Das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) werden wohl zusammengelegt. Nach Informationen von WELT ONLINE soll der bisherige RSB-Leiter Marek Janowski neuer Chefdirigent werden. Ein fatales Signal für die Musikwelt!

Das dürfte im Berliner Musikleben wie eine Bombe einschlagen: Während das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) nach dem angekündigten Abgang von Ingo Metzmacher zum Saisonende für Anfang nächster Woche bereits Abstimmungstermine für zwei mögliche neue Chefdirigenten fixiert hat, sickerte jetzt durch, dass es noch im Dezember eine besondere Pressekonferenz geben soll. Dabei wird wohl verkündet, dass das DSO mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) 2011 zusammengelegt werden soll. Neuer Chefdirigent wird dann wohl nach Informationen von WELT ONLINE dessen bisheriger Leiter Marek Janowski, der eben ein (RSB-) Vertrag bis 2016 unterschrieben hat; ebenso die Orchesterdirektorin Maria Grätzel.

Während in den letzten zwanzig Nach-Mauerjahren zwar diverse Unterhaltungsorchester des Rundfunks und die besonders für ihre pädagogische Arbeit wichtigen Berliner Symphoniker aus Kostengründen abgewickelt wurden, würde es jetzt mit einem Donnerschlag einem der bedeutendsten, international ausstrahlenden Berliner Klangkörpern an den Kragen gehen. Der freilich (noch) ohne künftigen Chef eine offene Flanke bietet. Und diese Gelegenheit wollten sich wohl die Geldgeber nicht entgehen lassen.

  Schließlich ist die Dachorganisation Rundfunk Orchester und Chöre GmbH (ROC), unter der die beiden Orchester sowie der Rundfunkchor und der Rias Kammerchor seit der Wende als ehemalige Ost- wie West-Hinterlassenschaften zusammengefasst sind, nach wie vor ein Sorgenkind. Von den vier Gesellschaftern stielt sich der klamme RBB immer mehr aus seiner Verantwortung. Das Land Berlin wartet meist passiv ab und schlägt sich dann auf die Seite der Mehrheit. Und die beiden Hauptgesellschafter, Deutschlandradio und Bund, wollen nun Fakten schaffen.

Zwar hat Bundeskulturminister Bernd Neumann zu Antritt seiner zweiten Amtszeit verkündet, bei der Kultur würde nicht gespart, und auch Willi Steul, Nachfolger des sich in der turbulenten Vergangenheit vehement für die ROC einsetzenden Deutschlandradio-Intendanten Ernst Elitz, hatte sein Engagement bekräftig. Doch das sind jetzt wohl alles Lippenbekenntnisse - so wie auch die Feierstunde am Sonntag beim Bundespräsidenten für 15 Jahre ROC. Denn hinter den Kulissen wird die Zerschlagung der ROC vorbereitet. Während die Chöre wohl beim Land Berlin (der Rias Kammerchor) wie bei der Stiftung Berliner Philharmoniker (der Rundfunkchor) unterkommen sollen, würden die Orchester aber fusioniert werden, um dann ein wie immer geartetes, angeblich gestärktes Superorchester zu sein, dessen Finanzierung sich Bund und Deutschlandradio teilen. Was für ein fatales Signal für die Musikwelt! Was für ein Schlag für das internationale Ansehen des sich lediglich auf seine Kulturattraktivität berufen könnenden Standortes Berlin!

Hier würden ohne wirkliche Not zwei funktionierende, gut ausgelastete, inhaltlich abgegrenzte und gleichermaßen attraktive Klangkörper zerschlagen werden. Eines der traditionsreichen Orchester des alten Westens, Gründung der Amerikaner für ihren RIAS Rundfunk, würde nach mehr als sechzigjähriger Existenz ausgelöscht. Denn dass diese Fusion zu Lasten des augenblicklich organisatorisch (nicht künstlerisch) geschwächten DSO ausgehen würde, wo auch der Orchesterdirektor Alexander Steinbeis nur noch einen Jahresvertrag hat, dürfte klar sein.

Ob freilich ausgerechnet Marek Janowski der Dirigent ist, den Berlin dann für einen schwierig zu bändigen Klangkörper braucht? Der konservative Maestro hat sich zwar bisher gut behauptet, vor allem sein immer noch sehr aus dem Berliner Osten strömendes Abonnentenpublikum liebt ihn, doch wirklich Wichtiges, Innovatives hat er mit seinem technisch gut aufgestellten Orchester nicht zu sagen gewusst. Da kann das DSO, angefangen bei Ingo Metzmacher und Kent Nagano, von deren illustren Vorgängern ganz zu schweigen, auf eine weit bedeutendere Geschichte verweisen. Die freilich wird kaum interessieren, wenn die Sparbürokraten am Werk sind.

Klar wird sein: die jungen, leistungsstarken Musiker werden aus einem solchen Orchestermischmach als erstes fliehen. Und ob es dann jemals die vom Deutschlandradio und dem Bund ersehnte Wunderwaffen werden wird, die man sich als Konkurrenz zu Philharmonikern und Staatskapelle ersehnt? Auch jetzt hat man zwei wunderbare Orchester, die nicht nur das Berliner Musikleben bereichen und hier ihren Platz haben. Will man das wirklich aufs Spiel setzen? Und warum?
 

www.morgenpost.de | 4.12.09 13:03 Uhr
BMO

Zwei Berliner Orchester sollen fusionieren In Berlin sollen offenbar zwei Orchester zusammengelegt werden. Wie Morgenpost Online aus Kreisen der Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH erfuhr, soll zur Saison 2011|2012 das Deutsche Symphonie-Orchester und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin fusioniert werden

In Berlin wird die Fusion zweier Orchester vorbereitet: Demnach sollen das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) und das Rundfunk- Sinfonieorchester Berlin (RSB) nach einem Strategiepapier zur Saison 2011|12 fusionieren.

Das neue Orchester soll der derzeitige RSB-Chefdirigent Marek Janowski leiten, erfuhr die Morgenpost aus Kreisen der Gesellschafter. Beide Orchester gehören zur Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) und werden von vier Gesellschaftern, dem Bund, Deutschlandradio Kultur, RBB und Land Berlin, getragen.

Die Fusion soll auf Drängen der Mehrheitsgesellschaft Bund und Deutschlandradio erfolgen, heißt es. Die Fusion, die noch vor Weihnachten verkündet werden soll, wäre auch deshalb möglich, weil der DSO-Chefdirigent Ingo Metzmacher seinen Vertrag über die laufende Spielzeit hinaus nicht verlängert hat. Ihm war seitens der ROC eine deutliche Verkleinerung des Orchesters nahegelegt worden. Daraufhin hatte der Dirigent seinen Weggang aus Berlin erklärt.