Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

›Versuchung‹ (2.) | Konzerte 19. + 20.11.

Kulturradio vom rbb | 20.11.09
Clemens Goldberg

Philharmonie Berlin: Versuchung (2.) Mit Martha Argerich (Klavier) und dem DSO Berlin unter Charles Dutoit

Sie ist eine Ausnahmekünstlerin. Eingeladen auf die Bühne wurde sie durch ein herrlich inniges Cello-Solo von Misha Meyer in Webers Aufforderung zum Tanz. Sie verbeugt sich tief, im Grunde vor dem Werk, mit dem sie nun auf atemberaubende Weise verschmilzt und uns in den Bann zieht.

Martha Argerichs Klangestaltung
lässt das Orchester von der ersten Sekunde an in elektrisierter Aufmerksamkeit, in den feinsten Nuancen mit ihr kommunizieren. Charles Dutoit braucht nicht mehr viel zu tun, alle merken: sie sind Schumann. Das Timing der Argerich ist unerreicht, sie weiß immer genau, wie viel Zeit wo zu nehmen und zu lassen ist.

Ihre hat dieses Werk verstanden und verinnerlicht, transzendiert das Klavier. Besser, ergreifender wird man dieses Konzert nicht mehr hören. Man will es danach eigentlich nur noch von ihr und von diesem Orchester hören. Und nach Hause gehen, denn was kann danach noch kommen?

Ein uns auf den Boden holender Rachmaninoff, mit seinen gekonnten Orchesterwirkungen, seinem merkwürdigen Rückblick in die Tanzgeschichte und in eine Welt, die 1940 nur noch ganz weit weg ist. Aber Ravels Valse lässt alle Stärken Dutoits und des Deutschen Symphonie-Orchesters zusammenkommen, doch nicht bereuen, dageblieben sein zu müssen.

Es rumort mächtig
in den Eingeweiden: Ravel ist scharfsichtiger und ehrlicher als Rachmaninoff, er seziert die Welt des Walzers und bewahrt uns vor gefälligem Konsum. Dutoit agiert elegant, streng, befeuernd, eine große Leistung, die in die Nähe des Schumanns kam und damit eine Sternstunde für die Hörer ermöglichte.

Bewertung: großartig



Frankfurter Allgemeine Zeitung | 21.11.09
Jan Brachmann

Von der hohen Kunst des Umgarnens

Martha Argerich und Charles Dutoit begeistern mit Schumanns Klavierkonzert

Martha Argerich ist, musikalisch gesehen, oft die Frau, die davonläuft. Wenn man sich die Mitschnitte vom jährlichen Kammermusikfestival der Pianistin in Lugano anhört, erlebt man bei ihr eine Unruhe, die sich positiv aIs Risikofreude, negativ als Hetze beschreiben ließe: In der Jagd nach dem nächsten Höhepunkt ist Argerich dem logischen Fluss der Musik meist voraus, als habe sie ständig Angst, die Initiative zu verlieren.

Doch nun hat sie in Berlin mit dem Deutschen Symphonie-Orchester unter der Leitung ihres einstigen Ehemanns Charles Dutoit das Klavierkonzert von Robert Schumann gespielt und gleich bei der Übernahme des Hauptthemas von den Holzbläsern gebremst. Sie wollte den Charaktergegensatz zwischen der zackigen Eröffnungskaskade und diesem sinnenden Lied ohne Worte auch als Tempogegensatz zeigen. Denn es sind ja zwei Seiten von Schumanns Ich, Florestan und Eusebius, der Stürmer und der Träumer, die sich, hier umeinander drehen und miteinander reden.

Eine behutsame, sich selbst belauschende Aufführung nahm ihren Lauf: das Klavier fast durchweg abgedämpft durch das linke Pedal und zugleich sensibel belebt durch vibrierendes rechtes Pedal. Clara Schumann, die Uraufführungssolistin, schrieb über das Stück: »Das Klavier ist auf das feinste mit dem Orchester verwebt.« Und Martha Argerich wollte dieses Gewebe so dicht wie möglich haben, schaute meistens am Dirigenten vorbei direkt auf die Soloklarinette oder die Solooboe und ließ sich ein auf das leise Wechselspiel von Umgarnen und Umgarnt-Werden. Die maßvollen Tempi und die Fülle an inneren Stimmen wirkten sich so glücklich auf das Stück aus, dass auch der zweite Satz alles Täppische verlor und das Finale alle Etüdenhaftigkeit, die Wladimir Horowitz stets daran abstieß. Mit Chopins Mazurka C-Dur op. 24 Nr. 2 bedankte sich die Pianistin bei dem vor Begeisterung schier entgrenzten Berliner Publikum und stellte durch die Zugabe wieder den Bezug zum Thema des Abends her: dem Tanz.

Carl Maria von Webers ›Aufforderung zum Tanz‹ in der Orchesterfassung von Berlioz hatte den Anfang gemacht, wobei der fabelhafte Solocellist des DSO, Mischa Meyer, gleich zu Beginn ein hohes Niveau vorgab: Seine empfindliche Balance von sprechender Artikulation und gesanglichem Ton stimmte ein auf eine Orchesterleistung, die Diskretion und Deutlichkeit auf wirklich delikate Weise zueinander ins Verhältnis setzte. Auch bei Sergej Rachmaninows Symphonischen Tänzen schlug die rhythmische Strenge nirgends in forcierte Härte um. Dennoch blieb der Kontrast der Klangsphären - hier das Kantige mit Röhrenglocken und Xylophon, dort das Nostalgische mit horngefüllten Streicherkantilenen – erhalten und offenbarte die Partitur als Historiographie von Orchestrationsidealen. Das Jahrhundert des Walzers durchschritt dieses intelligent programmierte Konzert: voll Webers 1819 komponierter ›Aufforderung‹ bis zu Ravels 1919 vollendetem Abgesang ›La Valse‹. Und auch, wenn Dutoit, dieser Virtuose der Eleganz, auf die allerletzte katastrophische Zuspitzung bei Ravel verzichtete, so war der beschriebene geschichtliche Bogen doch ungeheuer eindrucksvoll: von einerstill-epilogischen Form bei we- ber zum verhängnisvollen Finalismus bei Ravel, von einer Kultur des Maßes zum Ausdruck einer selbstzerstörerischen Gier.



Berliner Zeitung | 21.11.2009
Matthias Nöther

Als wär's das erste Mal Martha Argerich spielte Schumanns Klavierkonzert mit DSO und Charles Dutoit

Das a-moll-Klavierkonzert von Schumann hört man im Konzertsaal oft. Eigentlich zu oft. Welcher regelmäßige Konzertgänger ist da noch Willens und zugleich im Innersten darauf gestimmt, das erste schwerblütige Zwiegespräch zwischen Orchester und Klavier in all seiner klanglichen Plastizität mit seinem inneren Ohr aufzufächern, anstatt sich von ihm nur, wahlweise wohlig oder gelangweilt, durch die ausgedehnten Variationen des melancholischen Dreiton-Motivs hindurch dem Satzende entgegentreiben zu lassen? Und: Welcher Pianist gibt dem Hörer im Verein mit welchem Dirigenten die Möglichkeit, auch diese Musik noch einmal neu und anders zu hören?

Eine Pianistin, die das kann, ist die 68-jährige Martha Argerich, ausgewiesene Schumann-Spezialistin, auch nach sicherlich hunderten von Abenden mit eben diesem Klavierkonzert. Das Gefühl, das sie nach ihrem Auftritt mit dem Deutschem Symphonie-Orchester in der ausverkauften Philharmonie hinterlässt, ist sogar ein frischeres, als das Stück seiner poetischen Botschaft nach dem Hörer geben könnte. Das liegt unter anderem daran, dass Argerich in ihrem Spiel nicht die Verdeckung der künstlerischen Mittel zum Zwecke der dichterischen Absicht betreibt, wie einst vom Schumann-Zeitgenossen (und -Hasser) Richard Wagner gefordert, sondern diese Mittel unbekümmert ihrer technischen Natur nach klar und transparent offen legt. Es ist nicht nur für Klavierschüler ein Erlebnis, Argerich bei der Tonproduktion zuzuschauen. Ihre Gelöstheit etwa in den goldschiedeartigen Staccato-Girlanden des zweiten und dritten Satzes überträgt sich auf das Orchester - oder ist es umgekehrt? Charles Dutoit, der jüngst im Konzerthaus bei einem steif-routinierten Gastspiel seines neu übernommenen Philharmonia Orchestra enttäuschte, wird beim DSO zum glühenden Anwalt von Argerichs Tempo-Auffassungen, ihres unbeirrbaren Gespürs für Verzögerungen und Beschleunigungen.
Gedacht ist das Konzert als zweites der Folge unter dem Jahresmotto ›Versuchung‹, die man an diesem Abend in opulenten symphonischen Walzern durchaus verlockend aus dem Orchester sich hervorräkeln lässt.

In der Orchestrierung von Webers ›Aufforderung zum Tanze‹ durch Hector Berlioz sowie in den relativ kühnen ›Symphonischen Tänzen‹ des späten Serge Rachmaninoff besticht das DSO durch sein hohes Bewusstsein für die schwebende Leichtigkeit des Walzeridioms im großen Instrumentalapparat, mehr noch aber durch eine geradezu modellhafte Verbindung von spielerischer Präsenz und dunkler Farbgebung. Nicht in gleichem Maß überzeugt das Schlussstück: Ravels ›La Valse‹ gerät in den vielen Brechungen des Voraussehbaren, die dieser apokalyptischer Walzer-Rausch bietet, wiederum zu klar, voraussehbar. Dafür, dass es trotz seiner pechschwarz glänzenden Schönheit und verführerischer Raffinesse soviel weltumspannende Negativität in sich birgt, wird auch ›La Valse‹ eigentlich zu oft gespielt.