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Berliner Morgenpost | 30.10.2009
Klaus Geitel
Ein japanisches Requiem, das Japan nicht haben wollte
Die Engländer und ihre Musik hängen offenkundig wie Pech und Schwefel zusammen. Das machte Andrew Manze am Pult des glänzend aufgelegten Deutschen Symphonie-Orchesters in der Philharmonie wieder einmal deutlich.
Er knetet mit nackten, leicht auffliegenden Händen die Musik geradezu wie ein Verliebter aus den Noten hervor und macht sie, ob alt oder neu, unwiderstehlich lebendig. Er stützt sich dabei mit Vorliebe auf die Bläser als musikalische Kraftspender und führt Trompeten und Hörner mit Leidenschaft vor. Die genießen natürlich dankbar diese Herausforderung ihrer Kunst, ihres Könnens, geradezu in so etwas wie musikalischen Lustschreien. Zu denen gibt ihnen überdies Händels ›Wassermusik‹ reichlich Gelegenheit.
Manze entfaltet aufs Verständnisvollste ihren Glanz, ihren Abwechslungsreichtum, ihr Ingenium. Er führt sie nicht als alte Musik vor und lädt ihr nicht die Jahrhunderte auf den Buckel. Alles klingt zeitlos zeitgemäß, wie von gestern und gleichzeitig von heute und übermorgen. Diese Sinngebung einzig aus musikalischen Gründen führt er auch in seine Purcell-Bearbeitung ein, als deren Ziel- und Höhepunkt er Benjamin Brittens Fassung der berühmten Chaconne erlebt. In Wahrheit ist es freilich der Trauermarsch zur Beerdigung von Königin Mary, der gleich zweimal, zu Beginn und am Ende der Purcell-Suite, erklingt.
Überhaupt hat Manze an seinem Landsmann Britten geradezu einen Narren gefressen. Dem abschließenden, inzwischen etwas betulich wirkenden ›Jugendführer zum allgemeinen Orchesterverständnis‹ schickt er des Siebenundzwanzigjährigen ›Sinfonia da Requiem‹ von 1940 voraus: eine dreisätzige Trauermusik für Orchester, den Japanern zum 2600. Geburtstag ihrer kaiserlichen Dynastie zugedacht - und von diesen natürlich respektvoll verworfen. Ein Requiem zur Jubilate! Das schickt sich nun wirklich nicht - genauso wenig übrigens wie Richard Straussens aus gleichem Anlass in den Flugsand des Vergessens hineinkomponierte ›Japanische Festmusik‹.
Der Tagesspiegel | 29.10.2009
Sybill Mahlke
Taktstock-Fitness
Andrew Manze mit dem DSO
Wer Benjamin Britten kennt, weiß auch wie Purcell, der Orpheus Britannicus, gesungen hat. Denn die Wahlverwandtschaft der beiden Komponisten geht tiefer, als es die Übernahme von Themen des Barockmeisters durch den Komponisten des 20. Jahrhunderts erklärt. Purcell und Britten sind (neben Händel) die bekanntesten britischen Komponisten und beide sind fantasievoll konservativ.
Ihr Landsmann Andrew Manze, ein zugleich eiliger und total entspannter Dirigent, springt in das Konzert, um es mit historischer Aufführungspraxis aufzumischen. Händels ›Wassermusik‹, auf der Themse uraufgeführt, wird in der Philharmonie mit Andacht angehört. Die Interpretation ist verlockend, weil Manze in musikalischen Bögen denkt und die Besetzung differenziert. Dem Deutschen Symphonie-Orchester gilt er seit zehn Jahren als Freund, und die Musiker demonstrieren, dass es ihnen mit der Zuneigung ernst ist. Brittens ›Sinfonia da Requiem‹ wird durch eine Suite von Purcell abgelöst. Das heißt: eine Summierung musikalischer Einflüsse durch Klänge Purcells, der auch englischer Mozart oder Bach genannt wurde. In beiden Fällen trifft sich Melos mit selbstverständlichem Kontrapunkt. Trotz aller Vortragsfeinheit gerät das einseitige Programm in Gefahr, gleichmachend zu werden, wie vom laufenden Meter. Aneignung wird wieder lebendig in Brittens Orchesterführer. Manze dirigiert animierend mit einer Ganzkörpersprache, die ihm das Fitnessstudio ersparen dürfte.
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