Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Ingo Metzmacher, das DSO und David Fray ehren Ferenc Fricsay | Konzert 11.10.

Kulturradio vom rbb | 12.10.2009
Kai Luehrs-Kaiser

David Fray mit dem DSO Berlin und Ingo Metzmacher Trotz aufgeputschter Erwartungen (schon die CD mit Bach-Konzerten und seinen neuen Schubert hatte ich bejubelt) überzeugt David Fray (28) bei seinem DSO-Debüt als ein aus dem Augenblick schöpfender, nicht nur abspulender, sondern ekstatisch strukturierender, freilich auch exzentrischer Tasten-Dandy. Immer wieder beugt er sich tief ins Orchester hinein und spielt den Ball hinüber zu dem als Teamworker vorzüglichen Ingo Metzmacher. Eines der beeindruckendsten Solisten-Debüts der letzten Jahre!

Dabei kann man eigentlich nicht hingucken. Mit fettigen Haaren und einstudierter Altherrenhaftigkeit schlurft da ein schmales Hemd übers Podium. Miesepetrig wischt er die Tasten sauber, als sei er nicht sicher, hier Platz nehmen zu wollen. Er rollt mit den Augen, schnappt nach Luft und putzt mit der blanken Hand den dauerfeuchten Mund. Wirft die Schmalzlocke. Fällt fast zur Seite über.

David Fray, widerborstig und entrückt, fordert zum Vergleich mit Glenn Gould und vor allem mit Ivo Pogorelich geradezu heraus. Dabei: Welch wunderbare Tonprojektion bei hartem, knöchrigem Anschlag. Bei Beethoven bringt das enormen Drive in die Sache. Das Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll begreift Fray nicht gerade als Allotria. Sondern erspürt eine Stimmung der Unverträglichkeit und Bitterkeit in dieser Musik, die sympathisch unzeitgemäß – und überdies richtig erscheint.

Natürlich bestreitet David Fray im Interview immer den (oft vorgebrachten) Glenn-Gould-Vergleich – und verweist auf sein wahres Vorbild Wilhelm Kempff. Bei aller Verehrung für dessen Klarheit und Finesse: Darauf würde man von selber nicht kommen. Eigensinnig bis zur Verstocktheit, spielt Fray ersichtlich vor, aber kaum für Publikum.

Die Bach-Zugabe beginnt er rücksichtslos in den Applaus des Saals hinein. Immer wieder bricht er beinahe in Tränen aus. Doch welch herrlich verzweifelte Munterkeit im 3. Satz: Rondo. Welche Fülle der Abgründe und welch fiese Veitstanzlaunen. Da hat einfach jemand musikalisch etwas zu sagen. So jubelt das Publikum zu Recht, obwohl man es hier eher mit einem schlechtgelaunten Prinzen zu tun bekommt.

Das DSO präsentiert sich, nachdem Klarheit eingekehrt ist zwischen ihm und seinem Chefdirigenten, in vorzüglicher Verfassung. Messerscharf präzise, hellwach und mit silbrig glitzerndem Ton. Von mir aus müsste man Lontano von György Ligeti nicht ganz so als futuristisches Frontsegel vorweg wehen lassen; die romantischen Überwältigungsreste kehrt Metzmacher galant unter den edlen Klangteppich. Bartoks Konzert für Orchester dagegen wird von ihm schlicht glänzend disponiert. Immer wieder einen Gang runter! Nie zu viel (und vor allem nicht zu früh) geben! Bei aller Nüchternheit zeigt sich hier große, dirigentische Erzählungskunst.

Ein superbes Konzert.

Bewertung: großartig