Deutsches Symphonie-Orchester Berlin

 
 

Mahlers Dritte mit Anne Sofie von Otter | Konzert 23.09.

Berliner Morgenpost | 27.09.2009
Klaus Geitel

Metzmacher macht sich für Mahler stark Berlin – Sie ist nicht die größte, wohl aber die längste der Sinfonien Gustav Mahlers. Allein damit schon zeichnet sich seine 3. Sinfonie aus. Gleich ihr erster Satz spielt eine knappe Dreiviertelstunde und ist damit so lang wie die meisten viersätzigen Sinfonien. Ingo Metzmacher führte ihn mit dem Deutschen Sinfonie Orchester in der Philharmonie eindrucksvoll vor.

Aus trauermarschähnlichem Anfang beginnt Metzmacher, ihn im Mittelteil in Sarkasmus, Ironie und tiefere Bedeutung überzuführen. Der 1. Satz allein schon gleicht in Metzmachers atemberaubender Deutung einem sich raffiniert entfaltenden Abenteuerroman aus Tönen. Das volle Orchester dampft in eine lang anhaltende musikalische Schlacht. Eine „Frühlingsmusik“, wie Mahler sie ursprünglich vorschwebte, ist der Satz ganz gewiss nicht. Erst in der Folge gibt sich die Sinfonie etwa frohgemuter, doch mit dem 4. Satz übernimmt eine ruhige Solo-Stimme das Machtwort. Anne Sofie von Otter singt nachdrücklich Nietzsches mahnende Worte „O Mensch! Gib acht!“. Sie wurde nur übertroffen von dem Posthornklang aus der Ferne, den Joachim Pliquett mit unübertrefflicher Tonschönheit hinein sang. Da konnten die Damen des Rundfunkchors nur noch die Ohren spitzen und die Knaben des Staats- und Domchors ihr bezauberndes „Bim Bam, Bim Bam“ singen.



Der Tagesspiegel | 25.09.2009
Daniel Wixforth

Ein Griff ins volle Leben
Ingo Metzmacher und das DSO spielen Mahler

Vielleicht – so könnte man denken, als das Mobiltelefon in die erste Generalpause reinklingelt – vielleicht gehört das ja zum Welterschaffungsszenario des 21. Jahrhunderts. Vielleicht muss sich der Konflikt, den Gustav Mahlers dritte Symphonie zwischen Trivialem und Erhabenem aufmacht, heute ja genauso manifestieren: zwischen Handy und Hornfanfaren.

Es kommt anders. Als schwer verdaubar gilt dieses 100-Minuten-Monstrum, als eigentlich unsymphonische Aneinanderreihung von Gegensätzen, in der Mahler mit allen Mitteln eine Welt aufbauen wollte: sechs Sätze von der Erde bis zum Himmel. Ingo Metzmacher erspart dem Publikum in der Philharmonie kein Detail dieses schwierigen Vorhabens (noch einmal heute, 20 Uhr). Rücksichtslos donnernde Hörner, kratzige Streicher eröffnen den Kopfsatz. Pervertierte Volksmelodik, die sich erst im ergreifend sanglichen Posaunensolo nach innen kehrt – und so schon hier den Bogen spannt zum Finale, auf das man freilich noch über eine Stunde zu warten hat. Auch im dritten Satz weiß das grandios aufgelegte Deutsche Symphonie-Orchester die Kontraste offenzulegen: das Posthorn-Solo ertönt von draußen und schneidet so als gedämpftes Watte-Schwert noch stärker in die humoristisch-krachende Liedthematik. Folkloristische Erdung und symphonische Überhöhung lässt Metzmacher auch hier unversöhnt.

Wenn Mahlers Welterschaffung mit Worten aus Nietzsches „Zarathustra“ schließlich bei den Menschen angelangt ist, besingt Anne Sofie von Otter diese mit weich gebettetem Mezzosopran, der einen über das „Herzeleid“ des Textes beinahe hinweghören lässt. Lediglich der folgende Chorsatz schafft Verwirrung, weil er bei Metzmacher keine schafft. Dieses kitschig anmutende Intermezzo bricht so offenkundig aus der symphonischen Metaarchitektur aus, dass alle klanglichen Integrationsversuche unpassend wirken. Umso bewundernswerter, wie das DSO sich im Finale dann auf kraftvolle Innigkeit besinnt, wie es diesen Satz, nach der Maxime des Komponisten, als transzendente Antwort auf den irdisch-zerfahrenen Kopfsatz deutet.