Saisonauftakt beim Musikfest 09 | Konzert 16.09.
Der Tagesspiegel | 19.09.2009
Christiane Peitz
Lava glüht: Metzmacher dirigiert Xenakis und Eisler
Politik nach Noten: Der Seitenblick auf Eislers Deutsche Sinfonie passt gut zum Schostakowitsch-Schwerpunkt des Musikfests, zu Fragen nach Bekenntniswerken und Dissidenz. Handelt es sich doch um ein Oratorium nach Texten von Brecht und Ignazio Silone; Hanns Eisler komponierte das elfteilige Mammutwerk von 1935 bis 1947, auf seiner langen Odyssee durch Europa und Amerika.
Ingo Metzmacher, der sich schon 2007 in der Reihe „Von deutscher Seele“ für Eisler stark machte, packt die antifaschistisch-klassenkämpferische Komposition in der Philharmonie ebenso unerschrocken an wie das Deutsche Symphonie Orchester, der Rundfunkchor, die Solisten Christa Mayer, Matthias Goerne und Thorsten Grümbel. Trompetenfanfaren rufen zur kollektiven Empörung, die Litanei der Geknechteten, die Passacaglia für die KZ-Insassen, Arbeiter- und Bauernkantaten – jeder Ton heischt Solidarität. Das Pathos des Protests, die Uniformierung der Zwölftonreihen berühren unangenehm: Auch wer protestiert, marschiert. Der Einzelne und die Masse? Die Frage des Abends wird auf beklemmende Weise beantwortet. Wenn die Masse im Namen des Einzelnen spricht, macht sie jeden individuellen Ausdruck zunichte.
Begonnen hatte es mit einer von Metzmacher und dem DSO grandios vorgetragenen Erschütterung, mit Iannis Xenakis’ 15-Minuten-Orchesterstück „Jonchaies“ von 1977 (jonchaies wie Schilfrohr), einer gewaltigen Klangmassenkomposition für 110 Musiker. Das engmaschige Fortissimo-Flechtwerk wird in den polyrhythmischen Teilchenbeschleuniger bugsiert und mündet in irrwitzig vibrierendes Stimmengewirr mit unerbittlichem Schlagwerk, elefantösen Hörnerrufen und bizarren Clownerien der gestopften Posaune. Die Erde rumort, Lava glüht, der Kosmos explodiert. Xenakis, der griechische Exilant, bringt den Gewaltexzess seines Jahrhunderts zu Gehör. Darin steckt mehr Protest als in Eislers Agitprop. Und Regers trauerumflorte Tondichtung nach Böcklins „Toteninsel“ verblasst vollends.
