Mikko Franck - Rautavaara, Schostakowitsch, SUK
Tagesspiegel | 09. 06.2009
Ulrich Amling
Furios: Steven Isserlis beim Deutschen Symphonie-Orchester
In der erbarmungslosen Motorik, die durch Schostakowitschs Werke fegt, erkennt man oft nur die Knochenmühle: Das Individuum erscheint aufgerieben von einer grotesken Maschinerie, die gerne als Stalins Werk enttarnt wird. Diese historische Lesart erscheint bedrückend – und zugleich weit entfernt. Dem Cellisten Steven Isserlis gelingt bei seinem Auftritt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie ein Wunder musikalischer Gegenwart. In Schostakowitschs erstem Cellokonzert, auf Drängen Mstislaw Rostropowitschs 1959 komponiert, entfacht Isserlis einen bewusstseinserweiternden Furor. Wenn er über die Saiten seines Stradivari-Cellos fegt, gleicht er jenen bebenden Helden der barocken Oper, die bedrängt von Schicksal und Göttern, trotzig und in Tränen, ihr Antlitz zurückgewinnen. Eine bewegende Selbstbehauptung, die obertonreich über die dunklen Druckwellen des Orchesterapparats triumphiert. Der finnische Dirigent Hannu Lintu, eingesprungen für den erkrankten Mikko Franck, entfacht eine schwere Klangsinnlichkeit. In Sibelius’ zweiter Symphonie ist der Streicherklang von Anbeginn so üppig, dass die Steigerungen zum Finale Lautstärke und Pathos in den roten Bereich treiben. Lintu, als Experte für moderne Musik eigentlich strukturell versiert, versucht das vermeintlich Spröde des Werks per Emphase zu überspringen. Die Musiker des DSO folgen ihm darin mit glühender Entschlossenheit.
